Bezirks- und Gemeindesuche
SOS Kinderdorf: Zuflucht und Heimat
Seit 50 Jahren bietet SOS-Kinderdorf Steiermark Kindern und Jugendlichen aus zerrütteten Verhältnissen ein Dach über dem Kopf. Zum Jubiläum: ein Blick zurück und in die Zukunft.

Foto © KANIZAJSarah Clauss, flügge gewordenes Kinderdorfkind, mit ihrer Kinderdorfmutter Josefine Kirbisser
Man kann's zwar nicht sehen, aber jedes der Kinder im SOS-Kinderdorf Stübing hat sein Binkerl zu tragen. Allein in den Geschichten, die sie erzählen, kann man die Last ungefähr erahnen. Aber diese müssen sie hier nicht alleine tragen, denn das Kinderdorf heißt nicht umsonst Dorf. Hier ist man eine Gemeinschaft. Und das seit 50 Jahren.
Fakten
Der Festakt und das traditionelle Dorf- und Spielefest finden am 15. September im SOS-Kinderdorf Stübing statt.
Los geht's ab 10.30 Uhr mit einem Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Ab 12 Uhr: Dorf- und Spielefest.
Walter Stöger war 35 Jahre lang Teil dieser Gesellschaft. In den Jahren 1991 bis 2000 leitete er das Kinderdorf Stübing sogar. "Wissen S', ich habe nie gearbeitet, sondern gelebt", sagt er lausbübisch und schwelgt laut und in breitem Tiroler Dialekt in Erinnerungen. "Das waren damals ja noch ganz andere Zeiten. Da gab es zum Beispiel die sogenannte Kilometer-Therapie. Man hat noch ganz anders gedacht und wollte die Kinder von den leiblichen Eltern so weit wie möglich fernhalten."
Wollte man, Walter Stöger aber nicht. So erlaubte er damals Besuche der Eltern. "Ich habe die Menschen immer so genommen, wie sie sind, den Kindern zuliebe. Man sollte immer zum Wohle des Kindes handeln." So setzte sich der heute 72-Jährige stark für die Elternarbeit ein, die heutzutage fixer Bestandteil ist. "Viele Kinder, also mittlerweile Erwachsene, kommen heute noch zu mir und bedanken sich dafür, dass ich ihre Eltern damals nicht verachtet habe."
Neue Herausforderungen
Auch Susanne Maurer, seit 2011 Leiterin des SOS-Kinderdorfs Steiermark, kann Walter Stöger in dieser Sache nur zustimmen. "Heutzutage verwenden wir sehr viel Zeit dafür, die Familien zu stärken. Die Kinder brauchen ihre leiblichen Eltern." Die gesellschaftlichen Entwicklungen stellen heutzutage jedoch neue Herausforderungen dar.
SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner ging es einst darum, Waisenkindern eine Familie und ein Zuhause zu geben. Heute landen Kinder und Jugendliche in den Kinderdörfern, deren Eltern psychische Probleme haben, überfordert oder suchtkrank sind. Susanne Maurer: "Man darf heute nicht mehr glauben, dass nur Kinder aus armen Verhältnissen betroffen sind. Heutzutage trifft es auch Mittelstandfamilien stark."
Die 18-jährige Sarah Clauss kann aus der Kinderperspektive vom Leben im Dorf berichten. Zwölf Jahre lang hat sie in Stübing gelebt. Vor Kurzem ist sie nach Wien gezogen, um Japanisch zu studieren. "Anfangs war es schon komisch. Im Dorf ist immer etwas los gewesen und in Wien komme ich in eine leere Wohnung. Außerdem war die Fini schon wie ein Schatten, aber sie war halt immer für mich da, ohne aufdringlich zu sein", vermisst sie ihre Geschwister und Kinderdorfmutter Josefine Kirbisser. "Außerdem werde ich ihre Kochkünste vermissen. Das mit dem Selberkochen wird aber schon noch kommen."
Allein ist Sarah trotzdem nicht. Susanne Maurer: "Die Kinder werden nach ihrem Auszug nicht im Stich gelassen. Beim Betreuten Wohnen können sie sich etwas aufbauen, haben aber Rückhalt."
Nicht immer leicht
Sarah bekommt in Wien nun regelmäßig Besuch eines Betreuers, der sich erkundigt, wie es mit dem Studium läuft, ob sie mit ihren Finanzen zurechtkommt und ob es ihr gut geht. Und das tut es sichtlich. Leicht war's trotzdem nicht immer. Vor allem anfangs in der Schule. "Sicher haben uns die anderen Kinder aufgezogen, aber irgendwann haben sie uns respektiert, weil wir Kinderdörfler eben so eine Gemeinschaft waren. Wir waren eine Bande." Und spätestens beim Anblick des dorfeigenen Schlosses waren die Schulkameraden schon grün vor Neid.
Ob Sarah selbst einmal Kinder haben will? "Sicher, irgendwann einmal, am besten sieben Stück. Ich weiß jetzt, was ich alles richtig machen kann, weil ich die Geschichten jener kenne, die es falsch gemacht haben."
Features
Fakten und Zahlen
Derzeit arbeiten 176 Mitarbeiter für das SOS-Kinderdorf Steiermark. Allein 151 davon arbeiten in der Betreuung. Die anderen kümmern sich um das leibliche Wohl der Kinder sowie um die Reinigung und Haustechnik.
In den letzten 50 Jahren sind im SOS-Kinderdorf Stübing 460 Kinder und Jugendliche bei 36 Kinderdorfmüttern aufgewachsen. In der Steiermark werden aktuell rund 270 Kinder und Jugendliche betreut.
Die Kinderwohngruppe Balu wird im Jahr 2001 eröffnet. In der Wohngruppe finden Kinder ein vorübergehendes Zuhause. Ein multiprofessionelles Betreuerteam unterstützt die Kinder in ihrer Entwicklung und arbeitet gemeinsam mit den Eltern an ihrer Erziehungskompetenz. Ziel ist die Rückkehr der Kinder in eine stabile Herkunftsfamilie.
In diesem Jahr wurde das SOS- Kinderdorf Stübing von Hermann Gmeiner als sechstes in Österreich eröffnet. Die ersten Familien wohnten im Erzherzog-Johann Schloss. Heute sind dort Administration, Therapieräume und zwei Kindergruppen untergebracht. Unter Gustav Schlesingers Führung (Dorfleiter) gab es 1962 zehn Häuser. 1963 kamen zwei hinzu.























