Bezirks- und Gemeindesuche
Ein Dorf arbeitet gegen den Schock
Die riesige Mure in St. Lorenzen hat unglaubliches Chaos hinterlassen. Es wird noch Monate dauern, bis alle Schäden behoben sind. Redakteur Christian Nerat und Videoredakteur Markus Leodolter waren vor Ort.
Quelle © | Foto: Markus Leodolter Der zweite Katastrophentag - Betroffene erzählen
Scheibtruhe um Scheibtruhe karren Edwin Kager und Günther Schöttl vom Garten des schmucken Einfamilienhauses Richtung Lorenzenbach. Im Garten herrscht Chaos. Schlamm, Geröll, Holz türmen sich, der Keller ist voll.
Das alte Bergwerkshaus, in dem Günther Schöttl gewohnt hat, ist weg. Die Mure hat es mitgerissen. Geblieben ist ihm nur, was er am Leib trägt. Wie es weitergehen soll? Schöttl zuckt ratlos mit den Schultern und macht sich lieber wieder an die Arbeit. Das hilft gegen die Verzweiflung.
Sabine Kager packt mit an, wo sie kann. Und auch wenn die Erschöpfung in den Gesichtern deutliche Spuren hinterlassen hat, gejammert wird nicht: "Andere hat es noch viel schlimmer getroffen." Für Sabine Kager und wohl auch die meisten Betroffenen in St. Lorenzen hat die Arbeit auch noch einen ganz anderen Vorteil: "Es tut gut, wenn man sich den Frust von der Seele arbeiten kann." Und außerdem: "Es ist alles egal, Hauptsache, die Kinder sind in Sicherheit." Die sechsjährige Lisa-Marie und Patricia, die am Tag der Katastrophe ihren fünften Geburtstag hatte, sind bei der Oma. In Sicherheit gebracht hat sie Sabine Kager unmittelbar nach der Mure mit dem Auto. Irgendwie. Mitten durch die Wiese, weil die Straßen unpassierbar waren. Hauptsache weg.
Zwei Häuser weiter, bei Siegfried Schaffer, wird auch geschuftet. Bis unters Dach reichten die Schlamm- und Geröllmassen der gewaltigen Mure. Das Auto, das hinter dem Haus in einer angebauten Garage stand, hat nur mehr Schrottwert. Die Garage auch. Das gesamte Erdgeschoß seines Hauses war voller Schlamm, jetzt versucht er zusammen mit Freunden zu retten, was noch zu retten ist. Und auch er arbeitet gegen den Schock an: "Lieber arbeiten, dann kommt man erst gar nicht zum Nachdenken."
An Schlaf nicht zu denken
Die Nacht hat Siegfried Schaffer bei seinem Sohn in Rottenmann verbracht. An Schlaf war aber auch dort nicht zu denken. "Man schläft zwischendurch wohl immer kurz ein", erzählt er, "aber dann kommen immer wieder die Bilder der Katastrophennacht."
Immer wieder kommt bei den Betroffenen auch Zorn durch. Schon seit Jahren habe man vor der Gefahr gewarnt, teilweise in Privatinitiative das Bachbett ausgebaggert. Die Maßnahmen, die man für den Lorenzenbach gefordert hat, blieben aber aus. Als Antwort sei immer gekommen, dass dafür kein Geld da sei.
Weiter unten, dort, wo früher der Ortskern von St. Lorenzen war, ist schweres Gerät im Einsatz. Bagger wühlen sich durch Berge von Schutt, immer wieder kommen Autowracks ans Licht. Lastwagenkolonnen bringen die Überreste der Katastrophe aus dem Ort. Feuerwehrleute aus dem Bezirk Liezen und Soldaten des Bundesheeres packen an, wo Hilfe gebraucht wird. Für Bezirkshauptmann Josef Dick steht trotz des Großeinsatzes fest: "Bis alle Schäden behoben sind, braucht es Monate."

























