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Zuletzt aktualisiert: 09.02.2012 um 21:49 UhrKommentare

Wir kämpfen gemeinsam gegen die Kälte

"Steirer helfen Steirern" schüttet Soforthilfe von 25.000 Euro für bedürftige Steirer aus, die sich das Heizen nicht mehr leisten können. Die Caritas übernimmt die Abwicklung.

Bis zu 40 Prozent mehr Bedürftige als gewöhnlich versorgen Schwester Elisabeth und ihr Team derzeit im Grazer Marienstüberl mit einem warmen Essen

Foto © KANIZAJ Bis zu 40 Prozent mehr Bedürftige als gewöhnlich versorgen Schwester Elisabeth und ihr Team derzeit im Grazer Marienstüberl mit einem warmen Essen

"Kälte und Armut sind entsetzliche Geschwister", sagt Caritas-Präsident Franz Küberl. 44.000 Steirer sind es, die derzeit in ihrer Wohnung frieren müssen. Sie haben nicht das nötige Geld, um genügend Heizöl, Kohle oder Holz zu kaufen. Unsere Hilfsaktion "Steirer helfen Steirern" will nun in Zusammenarbeit mit der Caritas diesen Menschen helfen und schüttet extra für diesen Zweck 25.000 Euro aus (Details siehe rechts).

"In unserem Haus Elisabeth und in der Arche 88 herrscht derzeit Hochbetrieb, wir brauchen immer wieder Notbetten. Und das Marienstüberl dient als Wärmestube. Da kommen jetzt bis zu 40 Prozent mehr Leute als sonst."

Einer von ihnen ist Herr A. Jahrelang pendelte er zwischen Graz und der Obersteiermark. Er hatte dort einen Job gefunden, mit dem er seine Familie ernähren konnte. Dann kam das Jahr 2002: Seine Frau trennte sich von ihm, die drei Kinder blieben bei ihr. Herr A. zog in eine 26 Quadratmeter große Garconniere. Mehr konnte er sich mit seiner kleinen Pension nicht leisten. Doch die Trennung bedeutete für den heute 65-Jährigen nicht nur finanzielle, sondern auch psychische Einschnitte: Herr A. leidet seit damals an Depressionen. Zusätzliche Sorgen bereiten dem Pensionisten derzeit vor allem die Minusgrade: "Die Kälte macht mich noch ängstlicher." Er meint damit nicht nur die Kälte draußen vor der Tür, sondern auch in seiner Wohnung. "Mein Heizkörper ist kaputt und ich kann mir keinen neuen leisten", seufzt er. Gleich ein paar dicke Decken hat er auf sein Bett gelegt, um bei rund zehn Grad minus die Nacht in seiner Kemenate zu überstehen. "Je länger die Kälteperiode andauert, desto schlimmer wird es."

Der Einsamkeit entfliehen

Tagsüber sucht Herr A. Unterschlupf im Marienstüberl. Neben Wärme und Essen findet er hier auch Freunde, die ihm über die Einsamkeit hinweghelfen. Wenn die Essensausgabestelle zusperrt, wärmt er sich im Bahnhof auf oder geht spazieren, damit er in Bewegung bleibt. "Ich war nie besoffen, ich rauche nicht, habe meine Frau nie betrogen und jetzt das", ist er verzweifelt.

"Es gibt bei uns sehr viele Hilfsbedürftige, obwohl Österreich ein wohlhabendes Land ist", weiß Küberl aus leidvoller Erfahrung (siehe Interview). "Man muss sich das wie ein Dominospiel mit vier Steinen vorstellen. Die Steine heißen ,zu wenig Geld', ,Krankheit', ,Kontaktarmut' und ,fehlender Lebenssinn'." Wenn jemand nur einen Stein habe, brauche er meist keine Hilfe. Bei zwei Steinen schon - und wenn ein Stein fällt, sind alle anderen auch gefährdet. Mutter und Tochter V. zählen auch dazu. Die Pensionistin und der Lehrling haben gemeinsam so wenig Geld zur Verfügung, dass sie sich gerade noch Lebensmittel und Miete, aber kein Heizmaterial leisten können. Hinzukommt, dass die Heizkosten mit 200 Euro monatlich extrem hoch sind: Das Miethaus, in dem die beiden wohnen, ist alt und desolat.

"Mir ist wichtig, dass es ein Grundmaß an Respekt und Solidarität gibt von Menschen, denen es gut geht, mit Menschen, denen es nicht gut geht", wünscht sich Küberl und fügt ein Danke und ein Bitte an: "In den letzten Wochen habe ich sehr viel punktgenaue Solidarität erfahren. Die Leute rufen im Haus Elisabeth an und fragen, was gebraucht wird: Decken oder Essen, und bringen das dann direkt hin. Dafür danke ich sehr und bitte um weitere Unterstützung."

Die große Angst vor dem leeren Öltank

OSTSTEIERMARK. Eine Frau lebt mit zwei kleinen Kindern wegen körperlicher Gewalt seit Sommer von ihrem Mann getrennt. Sie sind im gemieteten Haus geblieben, der Mann ist ausgezogen. Die Frau ging auf Arbeitssuche, um die kleine Familie durchzubringen. Ihre größte Sorge war immer, dass der Öltank mitten im Winter leer werden könnte - und sie nicht das Geld hätte, um ihn zu füllen. Obwohl die Heizung auf Minimum eingestellt ist und das Wohnzimmer nie mehr als 19 Grad hat, war der Ölvorrat verbraucht und die Not groß. "Steirer helfen Steirern" konnte mit einem vollen Tank helfen.

Alte Heizschulden belasten den Neustart

SÜDSTEIERMARK. "Weil wir einen hyperaktiven Sohn haben, haben wir ein kleines Haus gemietet", erzählt die Mutter der sechsköpfigen Familie. Die Probleme kamen dann im November im Doppelschlag. Der Vater verlor die Arbeitsstelle und die Rechnung der Fernwärmenachzahlung über 1500 Euro lag im Postkasten. Samt der neuen monatlichen Vorschreibung von 300 Euro. "Dabei war es im Haus nie warm, bei den Fenstern hat es hereingezogen. Im ersten Stock haben wir nie mehr als 19 Grad gehabt." Jetzt ist die Familie in eine leistbare Wohnung gezogen - nur die Heizschulden bleiben offen.

ROBERT ENGELE, MONIKA SCHACHNER

Foto

Foto © KANIZAJ

Caritas-Präsident Franz Küberl Foto © KANIZAJ

Wenn das Geld zum Heizen fehlt

Herr Präsident Küberl, die Caritas hilft jeden Winter Menschen mit Heizproblemen. Die strenge Kälte heuer treibt die Heizkosten extrem in die Höhe. Wer ist bei uns davon besonders betroffen?

FRANZ KÜBERL: Das geht querfeldein: Das sind Leute, die über längere Zeit arbeitslos sind, das können aber auch Alleinerziehende sein oder Familien mit mehreren Kindern. Auch unter alten Menschen gibt es eine sehr starke Zunahme. Vor allem bei Mindestpensionisten oder Kranken. Ganz schlimm ist es immer, wenn mehrere Probleme gekoppelt sind.

Wie viele Menschen sind davon in Österreich betroffen?

KÜBERL: Die Zahl der Armen ist im Vorjahr in Österreich laut Statistik Austria von 390.000 auf 510.000 gestiegen. Davon können 313.000 Menschen ihre Wohnung nicht angemessen warmhalten. Auf die Steiermark heruntergerechnet sind das etwa 44.000.

Gibt es in der Energiearmut große Unterschiede zwischen Stadt und Land?

KÜBERL: Am Land ist die Scham, die eigene Armut einzugestehen, heute noch immer viel größer. Dort herrscht noch das Gefühl vor, dass man alles selbst zuwege bringen muss, dass man kein Versager sein darf. Dafür sind die Heizkosten günstiger, wenn man Holz heizen kann. In der Stadt wiederum sind die Wohnkosten viel höher.

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