Bezirks- und Gemeindesuche
Schüler wollen wissen, was in Terroristen vorgeht
Am 11. September 2001 waren sie Kinder. Betroffen fühlen sie sich dennoch. Moritz Beintlinger (14), Lukas Blindhofer (15), Lisa-Marie Idowu (15) und Ilva Leinich (15) sprechen über Angst, Sicherheit und Menschlichkeit.

Foto © Jürgen FuchsMoritz Beintlinger (14), Lukas Blindhofer (15), Lisa-Marie Idowu (15), Ilva Leinich (15)
Als es passierte, waren sie vier oder fünf Jahre alt. Trotzdem haben sie schon damals mitbekommen, dass der 11. September 2001 etwas verändert hat in der Welt. Jetzt sitzen die vier Schüler des Grazer BG/BRG Pestalozzi in der Schulbibliothek. Obwohl noch Ferien sind, haben sie sich die Zeit genommen, über ein Ereignis zu diskutieren, das für sie eigentlich schon etwas für den Geschichteunterricht ist.
Sollte man meinen.
Denn das Gegenteil ist der Fall: Auch sie fühlen sich noch betroffen. "Ich habe das schon damals im Fernsehen mitbekommen", sagt Lukas Blindhofer (15). "Aber was genau passiert ist, habe ich erst in den letzten Jahren erfahren." Dass die Anschläge damals die Welt schockiert haben, hat Moritz Beintlinger (14) als Kind gemerkt. "Ich habe auch schon darüber nachgedacht, wenn ich fliege. Aber wirklich Angst vor einem Anschlag habe ich nicht, weil es hier ja keine Hochhäuser gibt", sagt er.
Ilva Leinich (15) betrachtet unterdessen ein Foto, auf dem geschockte und verletzte Menschen durch den giftigen Staub des zusammengestürzten World Trade Centers in Manhattan irren. "Der Jahrestag macht schon betroffen", sagt sie. "Da wurden Familien auseinandergerissen. Die Leute haben dort ja gearbeitet und dann passiert so was. Und rundherum wurde ja auch total viel zerstört."
Grazerin in New York
Obwohl die vier am 11. September 2001 noch Kinder waren, haben sie das Gefühl, dass die Welt seither nicht mehr dieselbe ist. "Das war eine einschneidende Sache. Ich glaube, man wird immer daran erinnert werden, egal, wie lange es her sein wird. Das bewegt alle", sagt Lisa-Marie Idowu (15).
Wie sich schützen?
Die Sicherheit habe sich seither verändert, meint Moritz. "Alles ist viel sicherer gemacht worden, aber Oslo hat gezeigt, dass man nicht viel tun kann. Es könnte noch viel passieren, ich weiß nicht, wie man sich davor schützen könnte", sagt er. Ilva findet, dass sich die Einstellung zu anderen Religionen verändert habe, vor allem bei älteren Menschen: "Ich arbeite nebenbei in einem Altersheim und da höre ich immer wieder, dass der 11. September der Auslöser war, warum so schlecht über den Islam gedacht wird." Auch die Medien würden das noch mehr aufputschen.
Angst davor, dass ein Anschlag in Österreich passieren könnte, haben sie eher nicht. "Österreich ist recht tolerant, hier werden ja auch Moscheen gebaut", sagt Ilva. Im Flugzeug kann dann doch ein mulmiges Gefühl auftauchen. "Wenn man in die USA fliegt, vielleicht", sagt Lisa-Marie.
Einen Tod feiern
Besonders stört die beiden Mädchen, dass der Tod Osama bin Ladens als Sieg gefeiert wurde. "Ich finde es nicht gut, wenn man jemanden einfach so erschießen kann", sagt Ilva. "Das Feiern ist aus menschlicher Sicht nicht okay, und es stachelt die Leute nur noch mehr auf. Irgendwann bricht dann ein großer Krieg aus", meint Lisa-Marie.
Was die vier über den 11. September wissen, haben sie von ihren Eltern, aus den Medien und in der Schule erfahren. Dann haben sie sich ihre eigenen Gedanken gemacht. "Ich würde gerne wissen, was in den Terroristen vorgeht und warum sie das gemacht haben", sagt Moritz. "Sie müssen das machen für ihre Religion, das sind ganz streng Gläubige", meint Lisa-Marie. "So etwas kann man nie mit Religion rechtfertigen. Ich glaube, das kann man einfach nicht verstehen. Das hängt mit dem Gruppenzwang zusammen", sagt hingegen Ilva. "Aber von der menschlichen Seite waren wir ein paar Jahre später ja auch nicht besser."
STEIRISCHE AUGENZEUGEN
Markus Linder (30) aus Schladming war als Praktikant in New York
Ich habe damals ein Internship bei Raiffeisen in New York gemacht. Am Morgen des 11. September bin ich gerade die 42. Straße entlang ins Büro gefahren, als auf einmal das Chaos losbrach. Alle Leute sind schockiert herumgestanden, die Autos stehen geblieben. Ich habe die sechste Avenue hinuntergeschaut und gesehen, dass einer der Türme des World Trade Centers brannte. Trotzdem bin ich weiter ins Büro gegangen, das hinter dem Times Square lag, und erst dort habe ich realisiert, was passiert war. Wir haben den Fernseher eingeschaltet und über die Bilder und durch das Fenster gleichzeitig beobachtet, was vor sich geht. Direkt in unserer Nähe stand das Empire State Building und niemand wusste, ob es nicht auch dort einen Anschlag geben würde.
Am Abend haben wir uns im Appartement eines Kollegen zusammengesetzt und geredet. Gegen 23 Uhr habe ich mich auf den Nachhauseweg zu meiner Wohnung am Stadtrand gemacht. Auf den Straßen war es gespenstisch. Unterwegs zur Bahnstation sind mir Rettungskräfte begegnet, die gerade Schichtwechsel hatten. Sie waren bedeckt mit Staub und Schutt. Das alles war für mich ein sehr prägendes Erlebnis.
Christian Schneeweis (41) aus Rohrbach/Lafnitz konnte flüchten
Im September 2001 war ich mit ein paar Freunden für einige Tage in New York. Als erstes Ziel stand für uns das World Trade Center auf dem Programm. Wir stiegen eine Subway-Station früher aus und wollten die letzten Meter zu Fuß gehen. Aus der Station kommend, sahen wir ein paar Hundert Meter entfernt einen der Türme brennen. In der Wall Street begann die Menschenmenge immer dichter zu werden. Das Gefühl sagte: "Raus aus der engen Straße!" Den direkten Einsturz des ersten Gebäudes habe ich nicht gesehen, wohl aber, wie der obere Teil abgebrochen ist. Gegen die immer dichter werdenden Staubwolken hielt ich meine Jacke vors Gesicht.
Ein wirklich ungutes Gefühl kam auf, als wir in der dichten Menschenmenge hin- und hergeschoben wurden. Wir befanden uns in erhöhter Position auf einer Highway-Zu- oder Abfahrt in der Nähe Brooklyn Bridge, als wir ein gewaltiges Grollen und Krachen hörten. Im selben Augenblick sahen wir den Einsturz des zweiten Turmes. Alles war in Staub und Rauch gehüllt.
Der Weizer Franz Dunkl (55) erlebte die Katastrophe hautnah
Ich war in diesen Tagen im Hotel Marriott untergebracht, direkt zwischen den beiden Zwillingstürmen. Am Morgen des 11. September saß ich im Hotelrestaurant beim Frühstück, als es plötzlich krachte. Durch das Glasdach des Restaurants sah ich oben an einem der Türme einen Feuerball. Ich rannte mit den anderen Gästen zur Rezeption, aber man wollte uns nicht mehr durch den Haupteingang hinauslassen. Wir kamen dann durch einen Seitenausgang ins Freie. Trümmer fielen vom Himmel und ich sah Leute herunterstürzen. Zehn Minuten lang bin ich wie erstarrt dagestanden, dann hat uns die Polizei weggetrieben. Kurz darauf traf es den zweiten Turm. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Dass es Flugzeuge waren, erfuhr ich erst am Abend in unserem Konsulat.
Ich war inzwischen ein paar Straßen weiter, als der erste Turm einstürzte. Eine graue Staubwolke ist auf mich zugekommen und ich habe mich rasch hinter die Säule irgendeines großen Gebäudes gekauert. Plötzlich wurde es dunkel. Ich bekam durch den Staub kaum noch Luft, bin auf dem Boden dahingerobbt. Irgendwie habe ich dann den Pier erreicht, wo schon Tausende Menschen waren. Die Straßen waren voller Staub, Leute haben geschrien, Taxis standen mit offenen Türen und laufenden Radios verlassen da. Es war wie im Krieg.
Jürgen Schatzer (38) aus Traboch sah alles vom Wohnzimmer aus
Als ich am 11. September die Türme des World Trade Centers aus meiner Wohnung im zwölften Stock am gegenüberliegenden Ufer des Hudson Rivers in New Jersey in sich zusammenfallen sah, habe ich ein Gefühl des Surrealen, also der absoluten Unwirklichkeit, empfunden. Man muss sich das so vorstellen: Durch die breiten und hohen Fenster meines Wohnzimmers ist ganz plötzlich New Yorks Financial District in einer gigantischen Staubwolke verschwunden. Erst nach einigen Tagen, als sich alles wieder ganz langsam zu lichten begonnen hat, ist das ganze Ausmaß dieser Katastrophe für mich ersichtlich geworden. Ich habe alles fotografisch festgehalten und für mich auch dokumentiert.
Mittlerweile sind die Ereignisse des 11. September 2001 für mich zeitlich, aber auch geografisch in weitere Ferne gerückt. Heute lebe ich mit meiner Frau und meiner nunmehr achtjährigen Tochter in Seattle an der Westküste der Vereinigten Staaten. Und trotzdem: Die Bilder der Zerstörung, die Bilder der Vermissten auf Steckbriefen an vielen Wänden und Fenstern sowie die geisterhafte Stille in den Straßen von Manhattan, die in den Tagen nach den Attentaten herrschte, werden mir sicherlich noch sehr, sehr lange in Erinnerung bleiben.
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Kommentar
Dutzende Steirer hatten Glück
Als an jenem Dienstagmorgen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasten, gefror Dutzenden Steirern das Herz: Erst wenige Stunden zuvor hatten sie auf dem Areal den New Yorker Steirerball gefeiert. 300 Gäste, darunter Wirtschaftstreibende, Auslandssteirer, Musiker, Touristiker und 30 extra angereiste Gäste aus der grünen Mark hatten sich in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag (8. und 9. September) im Marriott Hotel zur vierten Auflage des Großereignisses eingefunden.
Das 22 Stockwerke hohe Hotel stand zwischen den beiden Türmen und wurde beim Einsturz zerstört. Am Montag, einen Tag vor den Terroranschlägen, flogen die zum Ball mitgereisten Steirer wieder nach Hause.

















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