Bezirks- und Gemeindesuche
Pflegeregress: "Das ist erniedrigend"
Pflegeregress-Wiedereinführung schockt die Steirer: Pflegeprüferin Renate Salvenmoser erklärt, woran es im System tatsächlich krankt.

Foto © Reuters/SujetPflegeprüferin Renate Salvenmoser: "Teilweise werden Menschen zur Ware! Einige Manager wollen nur, dass ihre Heime voll sind"
Die Pflegekriterien sollen strenger gehandhabt werden: Wird es zu einer Verschlechterung für die Pflegepatienten kommen?
RENATE SALVENMOSER: Nein! Diese Vorgabe gibt es schon länger.
Was ist aber so faul am aktuellen System, dass es immer wieder zu Beschwerden kommt?
SALVENMOSER: Teilweise werden Menschen zur Ware! Einige Manager wollen nur, dass ihre Heime voll sind. Sie machen dann Menschen pflegebedürftiger als sie sind. Das ist erniedrigend.
Und die Familien?
SALVENMOSER: Es kommt gar nicht so selten vor, dass die Oma ins Heim muss und ihr gesagt wird, es sei nur für 14 Tage. Aber die Verwandten holen sie nicht mehr ab. Es heißt dann, der alte Mensch sei halt dement. Dabei ist es manchmal nur eine Schwächephase nach einer Operation. Dann aber sind alle Brücken abgebrochen, die Wohnung ist weg. Wissen Sie, was das für den Menschen bedeutet?
Wären verschiedene Arten von mobilen Betreuungsdiensten manchmal die bessere Lösung statt der Einweisung ins Pflegeheim? Vor allem, wenn sich der Pflegebedürftige erholt?
SALVENMOSER: Wenn man mobile Betreuung der stationären Betreuung vorzieht, dann können sich die Menschen diese Betreuung oft nicht leisten. Eine weitere Schwäche des Systems.
Wird tatsächlich so viel Schindluder mit dem Leid alter Menschen getrieben?
SALVENMOSER: Ja. Das sehe ich durch meine Erfahrung als Amtssachverständige. Zum Beispiel dürften Pflegeheime, wenn der Personalschlüssel unterschritten wird - das ist fast überall der Fall - nicht mehr die volle Vergütung erhalten.
Gibt es nicht auch strukturelle Probleme in der Steiermark, die Pflegebedürftige verzweifeln lassen? Etwa monatelange Wartezeiten auf Prüfungen?
SALVENMOSER: Man muss sich jeden Einzelfall anschauen. Aber wir haben ein großes Strukturproblem. In jeder Bezirkshauptmannschaft gibt es einen Amtstierarzt - genauso müsste es einen Pflegeaufseher geben.
Man hört immer wieder, dass es bei vergleichbaren Fällen unterschiedliche Einschätzungen beim Pflegegeld gibt.
SALVENMOSER: Einige stufen restriktiver ein. Oft ist es nicht nachvollziehbar, warum und wie eine Pflegegeldeinstufung erfolgte. Wir haben 17 Bezirke und 17 Arten wie alles funktioniert.
Wie könnte man das ändern?
SALVENMOSER: Wir bräuchten ein zentrales Pflegereferat. Wir haben auch keine ausreichende Planung, wo wir welche Häuser brauchen. Außerdem müsste es in Sachen Bezahlung einheitliche Kriterien geben: Es darf nicht sein, dass Pflegeheime einen Fensteraufschlag verlangen.
Erhalten Pflegebedürftige und Verwandte ausreichend Infos?
SALVENMOSER: Für Betroffene, die schnell Infos brauchen, ist es oft ein Chaos. Wir bräuchten Servicestellen, ein Pflegetelefon sowie spezielle Landkarten, auf denen verzeichnet ist, wo es welche Betreuung gibt. Und eine zentrale Koordination und Vermittler, die helfen.



















