Bezirks- und Gemeindesuche
Mordprozess gegen Lehrer: "Ein matter Fanatiker"
Gerichtspsychiater Reinhard Haller hat sowohl den Angeklagten als auch den Kurden untersucht, der ihn des Mordes beschuldigt hat.

Foto © FuchsDritter Prozesstag in Graz
Reinhard Haller ist ein viel beschäftigter Gerichtspsychiater. Seine Aussage war am Mittwoch das Kernstück im Prozess gegen den Grazer Lehrer Johann W. (56). Er hat im Laufe der Jahre gleich drei Gutachten zu dem Fall erstattet: Einmal untersuchte er den Angeklagten, sogar zweimal den Kurden Abdurrahim Polat, der 2003 für den Mord an einem Grazer Pensionisten verurteilt wurde und später den Lehrer der Tat beschuldigt hat.
Den verstorbenen Polat beschreibt Haller als "normal intelligent, aber nicht gebildet", als "sexuell verdrängend und möglicherweise latent homosexuell", was den "Overkill" bei der grausamen Tat erklären könnte, wenn er mit dieser tabuisierten Veranlagung konfrontiert worden wäre. Der Angeklagte dagegen sei ein "matter Fanatiker" im Gegensatz zu einem "Kampffanatiker", was zu seiner Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas passe. Schuldunfähigkeit oder Gründe für eine Einweisung hätten zum Tatzeitpunkt 2003 nicht bestanden. Das, obwohl er 1996 seiner Frau nicht half, die buchstäblich verhungerte. Er habe den Wahn seiner Frau, sie dürfe nichts mehr essen, übernommen. "Mit ihrem Tod verschwand die Wahnidee."
Intelligenz
Den Vorsitzenden Erik Nauta interessiert, ob Polat intelligent genug war, um planvoll vorzugehen, Spuren am Tatort zu verwischen und sich selbst zu verletzten, um zunächst glaubhaft zu machen, er sei der alleinige Täter. Dazu zitiert Nauta aus einem Beschluss des Oberlandesgerichts, das wiederum wörtlich aus dem Gutachten des Kriminalpsychologen Thomas Müller zitiert. "Das ist eine Umgehung des Gutachtens", protestiert Staatsanwältin Barbara Schwarz. Sie hat die Ladung Müllers beantragt, der Richtersenat hat bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber entschieden. Als Nauta auf seiner Frage beharrt und weiter zitiert, springt Schwarz auf: "Ich rüge diese Verlesung ausdrücklich und behalte mir eine Nichtigkeitsbeschwerde vor."
"Ich kann nur sagen", antwortet Haller, "dass Polat nicht schwachsinnig war". Intelligenz sei sehr komplex und schwer zu messen. In der Folge antwortet Haller extrem zurückhaltend: "Das könnte so sein." - "Das bewegt sich aus meinem Fachgebiet heraus . . ." Gereizte Stimmung macht sich breit. Mehrmals weist der Vorsitzende die Anklägerin zurecht. Kleine Wortgefechte brechen aber auch im Richtersenat aus. Immer weiter hinkt das Verfahren hinter dem Zeitplan her. "Ich glaube, wir werden bis Donnerstag nicht fertig", ahnt Nauta. Der Gerichtsmediziner, der stundenlang auf seine Aussage gewartet hat, muss wieder heimgeschickt werden. Eine Vertagung auf Wochen steht im Raum.























