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Zuletzt aktualisiert: 21.08.2010 um 05:00 UhrKommentare

1000 Leben für den Hunger nach Fleisch

Mehr als 1000 Tiere vertilgt ein Fleischesser im Laufe seines Lebens. Doch welches Leben fristen unsere Nutztiere?

Insgesamt 2,3 Millionen Schweine werden in Österreich 54.000 Betrieben gehalten

Foto © APA/SujetInsgesamt 2,3 Millionen Schweine werden in Österreich 54.000 Betrieben gehalten

Vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner: Es ist der Tierbestand eines Kleinbauernhofs, den ein Fleischesser laut deutschem Vegetarierbund im Laufe seines Lebens vertilgt. Und was das Fleischessen betrifft, sind die Österreicher mit den Deutschen Europameister. Mehr als 60 Kilogramm Fleisch verzehrt hierzulande jeder Bürger pro Jahr. Das ist doppelt so viel wie der weltweite Schnitt und ein Vielfaches des Fleischkonsums in den Entwicklungsländern.

Entsprechend dicht ist die Nutztierhaltung in unseren Breiten. Doch welches Leben fristen die Schweine, Rinder und Hühner in unseren Ställen? Ein besseres als noch vor wenigen Jahren, heißt es in der Landwirtschaftskammer. Ein unerträglich unwürdiges, sagen Tierschutzverbände.

Tatsächlich haben sich die Bedingungen für die Nutztiere durch strengere Auflagen verbessert. Hauptverantwortlich dafür ist das seit 2005 gültige Bundestierschutzgesetz. "Die Tiere müssen mehr Bewegungsfreiheit haben, Fressplätze und Liegeflächen sind genauer definiert", sagt Walter Breininger, Tierschutz- und Stallbaufachmann bei der steirischen Bauernkammer.

Doch kein Gesetz ohne Ausnahmen. Und auf die schießen sich Tierschützer besonders ein. "Laut Gesetz brauchen Rinder an 90 Tagen im Jahr Auslauf. Wer aber den Platz dazu nicht hat, kann die Milchkühe immer noch ständig angebunden halten", kritisiert David Richter vom Verein gegen Tierfabriken. Zudem gebe es wenige und unzureichende Kontrollen. "Bei den Schweinen ist das besonders drastisch", sagt Richter. Das Gesetz sei hier "eine schlichte Farce". Nach wie vor würde nicht das Haltungssystem den Tieren angepasst, sondern umgekehrt. "Rindern werden die Hörner abgeschnitten, Schweinen die Schwänze, damit man sie einfacher halten kann."

Dass der Schweinebereich von artgerechter Haltung noch am weitesten entfernt sei, räumt man auch bei der Kammer ein. Zudem gibt es immer weniger Betriebe mit immer mehr Tieren. "Das ist keine Gier der Bauern, sondern nötig, um überleben zu können", sagt Breininger. Denn Schweinefleisch sei ein Billigprodukt. "Erst wenn der Konsument bereit ist, mehr dafür zu zahlen, reagiert auch der Markt." Schließlich, sagt Breininger, sei es ethisch ohnehin fragwürdig, so viel Fleisch zu essen, wie es hierzulande passiere.

GÜNTER PILCH

Das Weidenidyll ist nur die Ausnahme

Kühe, die auf grünen Weideflächen Gras fressen - entgegen dem weitverbreiteten Bild bilden sie hierzulande die Ausnahme. Rund 80 Prozent der heimischen Milchkühe leben in Ställen, nicht wenige in Anbindehaltung. Ihr Bewegungsraum: Sie können sich hinlegen und aufstehen. Und sie liegen zumindest 295 Tage im Jahr in Ketten. Das neue Tierschutzgesetz verbietet die Anbindehaltung zwar. Für Bestandsanlagen gelten aber Übergangsfristen.

In den neueren Ställen können sich die Kühe frei bewegen. Mindestfläche für ein 350 Kilogramm schweres Tier: zwei Quadratmeter. Bei "Bio-Kühen" sind es 6,5 Quadratmeter plus Auslauf. Gemolken wird in der Regel maschinell und zweimal täglich, um den Milchfluss anzuregen. Bis zu 6000 Liter pro Jahr werden aus einer Milchkuh gewonnen - fünf Mal so viel, wie ein Kalb benötigen würde.

Mastkälber kommen mit acht Tagen in die Mastanstalt. Dort bekommen sie vornehmlich Milchbrei mit hohem Fettgehalt und legen so rund 1,4 Kilogramm pro Tag zu - doppelt so viel wie ein gewöhnliches Kalb.

Spalten im Boden statt Rüssel in der Erde

Insgesamt 2,3 Millionen Schweine werden in Österreich in 54.000 Betrieben gehalten. Der Anteil der Bio-Betriebe ist verschwindend gering und bewegt sich im Promillebereich. In der konventionellen Schweinezucht und -mast dominieren Ställe mit Vollspaltenböden. Über die ein bis zwei Zentimeter breiten Rillen im Betonboden wird der Schweinemist automatisch entsorgt. Dieses praktische System macht es allerdings schwierig, Stroh und anderes kleines Beschäftigungsmaterial für die Tiere einzustreuen. Schweine sind es gewohnt, mit ihren Rüsseln in der Erde zu wühlen, ein nackter Betonboden mit Spalten macht ihnen zu schaffen. Fehlt es Schweinen an Beschäftigungsmaterial, entwickeln sie nicht selten Fehlverhalten und beginnen, sich gegenseitig Schwänze und Ohren abzubeißen. In vielen Betrieben werden den Tieren daher vorsorglich die Schwänze abgeschnitten. Vorgeschriebene Mindestfläche für ein 85 Kilo schweres Schwein: etwas mehr als ein halber Quadratmeter.

Während Mastschweine täglich bis zu 14 Mal gefüttert werden, pendeln die Zuchtsauen Zeit ihres Lebens zwischen Besamung und Abferkelbucht. Nur wenige Betriebe haben Buchten, in denen sich Sauen frei bewegen können.

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