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Jochen Gerz: "Die Öffentlichkeit ist kein Kleinkind"
Konzeptkünstler Jochen Gerz blickt zufrieden auf das Projekt "63 Jahre danach". Überrascht hat ihn die Bürokratie.

Foto © Institut für Kunst im öffentlichen Raum SteiermarkJochen Gerz
Der Abschluss des Projektes "63 Jahre danach" ist erreicht. Wie sehen Sie im Rückblick den gesamten Prozess?
JOCHEN GERZ: Der Prozess, also der Teil, bei dem die Öffentlichkeit eine Rolle gespielt hat, ist für mich das Positive dabei. Es war mit einer traditionellen Skulptur, die vom Künstler kommt, nicht zu vergleichen. Alles kommt aus der Kreativität der Menschen. Das war ja das Ziel, und das wurde auch erreicht.
Und wie wurde das Thema angenommen?
GERZ: Es ist sicher ein Thema, das unbequem ist, und das auch nicht immer leicht und ohne Widerwillen stellt. Es war mir wichtig, dass die Menschen, die die Arbeit betrachten, auch diejenigen sind, die bei diesem Prozess dabei sind.
Der Titel zeigt ja schon den zeitlichen Abstand an. Was hat das bedeutet für das Projekt?
GERZ: Der Abstand erlaubt es, mit dem Thema anders umzugehen als vor 50 Jahren. Es geht nicht mehr darum, der Wahrheit über das Nazi-Regime zum Durchbruch zu verhelfen. Dieses Europa verdankt sich der Geschichte, und da gehören die nazistische und die kommunistischen Diktaturen dazu. Man kann heute unbefangener, offener und ehrlicher umgehen.
Gibt es nicht schon eine gewisse Gleichgültigkeit jener Zeit gegenüber?
GERZ: Ich würde ja eher sagen, man sieht es weniger emotional, aber dafür rationaler. Gerade bei der jungen Generation gibt es eine gewisse Distanz, und man kann ihr das auch kaum vorwerfen.
Wenn man sich die Fotos ansieht. Besteht da nicht die Gefahr einer gewissen "Folklorisierung" dieser Zeit?
GERZ: Es waren Bilder gefragt, die das Dritte Reich nicht dämonisieren. Wir haben extra den Alltag abgefragt, um zu zeigen, dass es da nicht um eine exotische Insel gegangen ist. Wenn darin eine Verniedlichung gesehen werden kann, dann wäre es meine Schuld. Aber dieses Risiko wollte ich eingehen, die typische Ikonographie dieser Zeit ist ja schon genügend abgehakt. Die Elemente des Normalen, des Positiven, was auch überlebt hat, sind hingegen viel weniger bearbeitet worden.
Es war eine Arbeit, die im Gefolge des gescheiterten Projektes "Die Gänse vom Feliferhof" entstanden ist. Wie war das jetzt mit dem Verhältnis zur Politik?
GERZ: Es ist eine Konsequenz des damaligen Projektes, dass ich keine Arbeit an der Politik vorbei machen wollte. Ich wollte die Politik in die Verantwortung ziehen, also zu Tätern und Verantwortlichen dieser Arbeit machen. Natürlich waren sie ein bisschen überrascht und zum Teil auch überfordert. Normalerweise ist ja Vergangenheit - nicht nur, aber vor allem in Österreich - mit Sonntagsreden verbunden. Ich habe sie zu persönlichen Äußerungen zu einem Bild ihrer Wahl gebeten, und sie brauchten da manchmal ... Erklärungen dazu.
Sie meinen also, dass Bevölkerung und Politik in diesen Themen nicht immer sattelfest sind?
GERZ: Mit der Bevölkerung habe ich keine negativen Erfahrungen, und ich hab' auch ein bisschen den Reflex, mich auf die Seite der Bevölkerung zu stellen. Ich finde nur, dass die Politiker, die ja von der Bevölkerung ausgesucht werden und Stellvertreter für die Wähler sind, hier ein bisschen schärfer argumentieren und origineller und kreativer mit der Vergangenheit umgehen könnten. Die Zeit der Sonntagsreden ist - wie die Zeit der Hakenkreuze - eigentlich vorbei.
Wie waren denn die Reaktionen?
GERZ: Ich war sehr glücklich über die Möglichkeit, das Projekt über eine große Zeitung machen zu können. Das zeigt, dass sich die Zeit total geändert hat in den letzten 15 Jahren seit dem Feliferhof. Meine These war: Die Öffentlichkeit ist kein Kleinkind, sie braucht keinen Ohrenschutz und keine Sonnenbrille, sie ist mit einer größeren Selbstverständlichkeit am Thema angekommen. Die Öffentlichkeit hat mitgemacht und hat sich eingemischt. Sie wird unterschätzt, denn sie kann durchaus einen anderen Part als nur ein Konsument einnehmen.
Aber ganz reibungslos ging es ja auch nicht, oder?
GERZ: Ja, es gab bürokratische Schwerfälligkeiten, aber das ist ja nicht nur in Österreich so. Es gibt einen unglaublichen Reichtum an Vorschriften.
Vier der 24 Standorte kamen nicht zustande. Wie sehen Sie das?
GERZ: Eigentlich mit einem gewissen Lächeln. Denn ich hatte ja nicht den Ehrgeiz, den Adolf Hitler bei einem Wahlergebnis zu übertrumpfen, oder? Man kann zufrieden sein. Es gab ja mindestens ebenso viele Schwierigkeiten, die aus der Verwaltung kamen, wie Schwierigkeiten, die mit der Vergangenheit zusammenhängen.
Das Aufstellen von diesen Tafeln erinnert ein klein wenig an den Hang nach dem Ersten und auch Zweiten Weltkrieg, überall in jedem Ort Denkmäler und Kriegerdenkmäler aufzustellen. Sehen Sie da einen Zusammenhang?
GERZ: Wir müssen vorsichtig sein, diese Denkmäler rundum abzulehnen. Es gab eben die unendliche Sehnsucht nach Frieden damals. Der Erste Weltkrieg war ja ein furchtbares Trauma, und daraus entstanden dann die Diktaturen. Man hat diese Denkmäler mit den damaligen Mitteln überall hingestellt und glaubte, sich damit impfen zu können. Und im Begriff der Impfung gibt es eine gewisse Verwandtschaft zu dieser Arbeit. Allerdings mit dem fundamentalen Unterschied, dass dies von den Menschen direkt kommt, und ich habe dabei nur geholfen. INTERVIEW: NORBERT SWOBODA

















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