"Ich bin jetzt viel wertvoller"
Österreichs Tennis-Ass Jürgen Melzer plaudert über seinen größten Traum, seine Schwächen und Dinge, die ihn auf dieser Welt beunruhigen.

Foto © GEPAJürgen Melzer
Zu Beginn ein kurzer Rückblick: Können Sie nochmals schildern, wie es war, im größten Tennis-Stadion der Welt gegen Roger Federer zu spielen?
JÜRGEN MELZER: Es war eines der schönsten Tenniserlebnisse, das ich je hatte. Night-Session in New York - das ist eine ganz spezielle Atmosphäre, die man sonst nirgends hat. Und wenn man dann auch noch so ein gutes Match spielt wie ich, ist es doppelt schön. Natürlich ärgert es einen, wenn man verliert, aber für die Leute war es toll zum Anschauen.
Was kann man aus so einem Match für sich selbst mitnehmen?
MELZER: Dass ich weiß, ganz vorne dabei zu sein. Und dass ich mich in Wimbledon, wo ich ja auch im Achtelfinale gegen Federer verloren habe, unter meinem Wert verkauft habe. Diesmal konnte ich besser mithalten. Ich hatte zwölf Breakbälle - wenn ich die noch mehr nützen kann, dann bin ich wieder einen Schritt weiter.
Sie haben heuer noch zwei große Ziele: die Top 10 der Weltrangliste und ein Ticket für das ATP-Masters in London. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
MELZER: Ich denke, die Top 10 sind realistischer als London. Zwar wäre ich als Top-10-Spieler beim Masters als Ersatzmann dabei, doch fehlen mir auf die Top acht doch noch einige Punkte. Ich muss auf alle Fälle die letzten fünf Turniere noch sehr gut spielen - dann ist einiges möglich.
Im Oktober müssen Sie in Wien Ihren Titel verteidigen. Freuen Sie sich darauf oder denken Sie: "Diesen Titel und alle Erfolge des heurigen Jahres zu wiederholen, wird sehr schwierig"?
MELZER: Nein, ich sehe es so, dass ich mir für 2011 eine super Ausgangsposition geschaffen habe. Ich werde bei allen Turnieren ziemlich weit vorne gesetzt sein. Das heißt, man kann mit einer dementsprechenden Leistung auch wieder gut punkten. Hinsichtlich Wien würde ich bei einem frühen Aus nicht viele Punkte verlieren, aber es ist mir einfach wichtig, dort meinen Titel erfolgreich zu verteidigen.
Welche Vorteile haben Sie durch Ihre Top-15-Position? Gibt's jetzt mehr Startgeld und haben Sie auch prominentere Trainingspartner?
MELZER: Je weiter vorne man steht, desto einfacher ist es, gute Trainingspartner wie auch bessere Trainingsplätze zu bekommen. Und ich bin jetzt natürlich auch finanziell gesehen wertvoller.
Sie haben heuer 1,3 Millionen Dollar Preisgeld verdient. Legen Sie das Geld krisensicher an?
MELZER : Auf alle Fälle. Ich bin niemand, der durch die Gegend läuft und das Geld beim Fenster hinauswirft. Wenn ich meine Karriere beendet habe, will ich ein gutes Leben führen - und dafür muss man sparen.
Gibt es einen größten Traum, den Sie sich damit erfüllen wollen?
MELZER: Das Wichtigste für mich ist, dass ich irgendwann eine Familie habe mit Kindern. Und dass alle gesund sind. Und Glück und Gesundheit kann man sich nicht kaufen.
Ihr Leben ist derzeit auf "Idealschiene", gibt's dennoch etwas auf dieser Welt, dass Sie beunruhigt?
MELZER: Es gibt vieles, was nicht so läuft, wie es laufen sollte. Wenn man nach Korea schaut, wo es den einen oder anderen Wahnsinnigen gibt, der vielleicht mit einem schnellen Finger auf einen Knopf drückt, dann ist das beunruhigend. Aber wenn man sich darüber Gedanken macht, dann geht man beängstigt durch die Welt. Und das muss man nicht.
Ihre Stärken und Schwächen abseits des Tennisplatzes?
MELZER: Über meine Stärken sollen andere sprechen. Meine Schwächen: Ich bin vielleicht etwas zu gutmütig und ich verliere pausenlos Sachen. Das ärgert mich selbst, aber ich habe im Lauf der Jahre gelernt, damit zu leben.
Was haben Sie schon so alles "angebaut"?
MELZER: Ich habe bereits den vierten Führerschein. Die Geldtasche war auch schon einmal futsch, ebenso der eine oder andere iPod. Aber wie oft ich meinen Hausschlüssel suche, ist teilweise schon krankhaft.
Features
Zur Person
Jürgen Melzer
Geboren: 22. Mai 1981.
Wohnort: Wien.
Profi seit: 1999.
Ranking: 15.
Preisgeld:
5,1 Millionen Dollar.
Größte Erfolge: 2 Einzel-Titel (Wien, Bukarest; plus Halbfinale Paris 2010) sowie 8 Doppel- Titel (darunter Wimbledon 2010 mit Petzschner).













