Federer: "Erachte mich als Wimbledon-Top-Favorit"
Interview mit dem Schweizer Roger Federer am Tag nach seinem Gewinn der Tennis-French-Open in Paris.

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Wie verlief die Siegesfeier?
Federer: "Wir haben Champagner getrunken, gute Musik gehört und fein
gegessen. Es war rührend, den Erfolg mit vielen guten Freunden zu
feiern. Irgendwann um halb fünf Uhr versuchte ich, noch zu ein paar
Stunden Schlaf zu kommen, aber es ging einfach nicht. Es schwirrten
viel zu viele Bilder in meinem Kopf herum. Langsam wird mir die
Tragweite des Triumphes bewusst. Und ich habe noch schöne Jahre vor
mir, derweil Sampras nach seinem 14. Grand-Slam-Sieg zurückgetreten
ist. Aber beweisen muss ich nichts mehr."
Schwerpunkt
Sie sagten einst, sie wüssten noch nicht, wie wichtig Roland
Garros sei, weil sie es noch nicht gewonnen haben. Wie wichtig ist
der Titel jetzt?
Federer: "Vor etwa sechs Jahren begann ich, diese Stadt zu lieben.
Die ersten Jahre kam ich ohne großen Mumm nach Paris. Ich war zwar
stolz, dass ich 1998 und 1999 das French Open spielen durfte, aber es
entstand mit diesem Turnier keine Liebe auf den ersten Blick wie mit
Wimbledon, Flushing Meadows oder dem Australian Open. Und es ist
irgendwie wichtig, dass man ein Turnier gern hat, ansonsten fällt es
einem unheimlich schwer, Spaß und Erfolg zu haben. Enorm wichtig war
deshalb für mich der Halbfinal 2005. Die Zuschauer schrien damals
erstmals wie verrückt meinen Namen auf dem Court Central. Da begann
ich, auch dieses Turnier zu lieben. Der Weg blieb danach hart und
lang. Aber ich vermochte ihn zu meistern - und auf das bin ich sehr
stolz."
Wo stufen Sie den Erfolg ein?
Federer: "Sehr hoch oben. Ich weiß nicht, ob ich in dieser Phase
meiner Karriere nochmals einen Titel dieser Wichtigkeit holen werde.
Ich habe gesagt: alles, was noch kommt, ist ein Bonus. Aber das galt
nicht für das French Open. Dieser Titel wurde von mir erwartet,
obwohl die Leute wissen, wie schwierig das Turnier zu gewinnen ist.
Ich glaube, ich wurde von den Medien nicht immer fair behandelt. Es
gab falsche Analysen. Es hieß, ich sei nicht gut genug für diesen
Titel, hätte einen Komplex. Dabei war einfach nur Nadal die letzten
Jahren etwas besser als ich. Aber wenn einer besser ist, heißt das
nicht, daß er in 100 Spielen 100 Mal gewinnt. Das ist das Schöne am
Tennis. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben. Ich wusste, wenn ich
dran bleibe, sich auch in Paris nochmals eine Chance ergeben wird.
Ich wollte diese Chance packen. Und genau das ist nun passiert."
Jetzt steigen Sie mit viel Schwung in den Sommer.
Federer: "Nun, Druck habe ich schon lange keinen mehr. Ich erlebte
die letzten Jahre schon sehr entspannt - deshalb brach bei mir nie
Krisenstimmung aus, wenn es mal nicht nach Wunsch lief. Natürlich ist
es zuweilen nicht einfach, wenn man keine Turniere gewinnt. Es wird
dann sofort viel geredet und geschrieben in den Medien. Aber ich
wusste immer, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Das letzte Jahr war
schwierig. Ich hatte Probleme mit dem Rücken und mit der Mono (Anm.:
Pfeiffer'sches Drüsenfieber). Darum war wichtig, dass ich mir Zeit
gab und nicht nervös wurde. Wie es jetzt weiter geht? Ich weiß es
selber nicht. Klar steht Wimbledon vor der Tür, auf dieses Turnier
freue ich mich wie jedes Jahr riesig. Dort will ich den Titel zurück
erobern, nachdem ich ihn vor einem Jahr knapp verloren habe. Und ich
habe mir in Paris bestätigt: Ich bin auf dem richtigen Weg."
Viele wähnten Sie vor kurzer Zeit noch auf dem Holzweg.
Federer: "Ja, die Medien sind durchaus in der Lage, einen unter Druck
zu setzen. Ich lese zwar wenig Zeitungen, aber Du bekommst dennoch
alles mit. Denn die Leute um dich herum fangen plötzlich an, ähnlich
zu reden. Zwar nicht Leute aus meinem engsten Kreis, aber dennoch
hörst Du die Dinge immer wieder, die geschrieben werden. Soll ich
deswegen nicht mehr mit den Medien reden? Das könnte ich machen,
müsste aber nach jedem Spiel eine Buße bezahlen. Nach den Kritiken
der letzten Monate beflügelte mich das Pariser Publikum umsomehr. Die
Unterstützung der Zuschauer auf diese schier unglaubliche Art zu
spüren, das war fantastisch. Denn es liegt mir ja am Herzen, ein
guter Botschafter für das Tennis und für die Schweiz zu sein."
Brauchen Sie nun neue Ziele?
Federer: Es gibt schon noch einiges zu gewinnen: Olympiagold im
Einzel, Daviscup, Wimbledon noch x-mal. Aber selbst wenn mir das
nicht gelingen sollte, kann ich gut schlafen. Die Frage nach Zielen
stellt sich eigentlich gar nicht. Natürlich war das French Open
zuletzt das wichtigste Turnier für mich, weil ich es eben noch nicht
gewonnen hatte. Aber ich musste bei der Vorbereitung auf Roland
Garros nicht andere Dinge zurückstellen. Es war für mich nicht wie
einst für Lendl, der Paris auslassen musste, um sich optimal auf
Wimbledon vorbereiten zu können. Wichtig bleibt für mich auch
weiterhin die Gesundheit. Denn nur gesund kann ich noch lange
weiterspielen, wie ich mir das wünsche. Ich musste in der
Vergangenheit aus Rücksicht auf den Körper einige schwierige
Entscheide treffen, zum Beispiel die Absage des Davis Cups im März.
Aber wie sich jetzt herausgestellt hat, waren es richtige
Entscheide."
Wie fühlen Sie sich physisch nach dem kräfteraubenden Turnier?
Federer: "Paris zu gewinnen, ist körperlich äußerst schwierig. Und
weil es dermaßen anstrengend ist, wird auch der mentale Bereich
extrem wichtig. Aber in meinen Augen bleibt das US Open das
schwierigste Turnier: wegen der Nightsessions und der Zuschauer. Wenn
Du ein guter Sandplatzspieler bist, hast Du eine sehr gute Chance,
Paris früher oder später zu gewinnen. Ich bin auf Sandplätzen
aufgewachsen. Ich hatte nie Angst vor langen Grundlinienduellen. Auch
war ich als Junior kein Riese. Schon damals lernte ich, clever zu
spielen und unterschiedliche Wege zum Sieg zu finden. Das hilft mir
heute immer noch."
Ist die Rückeroberung der Nummer 1 ein Ziel?
Federer: "Ich habe mir die neue Weltrangliste noch nicht einmal
angeschaut. Es kursieren im Moment viele Spekulationen. Aber die
Nummer 1 ist im Moment nicht das Hauptziel. In Paris habe ich mir
einen Traum wahr gemacht. Die Grand-Slam-Turniere stehen weiter im
Vordergrund. Wenn die Resultate an diesen Turnieren gut sind, stimmt
es am Ende auch in der Weltrangliste. Nun will ich natürlich auch in
Wimbledon gewinnen, obwohl das Double Paris/Wimbledon für mich nie im
Vordergrund stand. Ich will nicht überheblich sein: aber ich erachte
mich als Top-Favorit für Wimbledon."
















