Exklusiv-Interview mit Thomas Muster"Ich führe ein stinknormales Leben"

Österreichs Tennislegende Thomas Muster wird am Montag 50 Jahre alt. Hier verrät der Steirer, warum er Feiern nicht mag, von 28 Sommern träumt, wie er die Kinder erzieht und welche Grenzen ihm sein Körper heute setzt.

Thomas Muster zieht Bilanz über 50 Jahre Leben © Pacheiner
 

Thomas Muster, Österreichs bis dato einzige Nummer eins der Tenniswelt, wird an seinem Geburtstag das Handy abdrehen und den Tag mit seiner Familie am Wörthersee, wo der Leibnitzer seit rund einem Jahr seine Zelte aufgeschlagen hat, verbringen. Heute ist der ehemalige Spitzenspieler am Abend bei "Sport am Sonntag" eingeladen und sagt: "Ich habe die Leute beim ORF vorgewarnt: Wenn sie mir eine Torte oder so etwas überreichen wollen, stehe ich auf und gehe."

Woher rührt Ihre Scheu davor, mit dem Alter konfrontiert zu werden?
THOMAS MUSTER: Ich feiere keine Geburtstage und meide Veranstaltungen jeder Art. Ich mag das nicht. Für mich hat der 50. Geburtstag keinen Wert. Ich fühle mich deswegen nicht besser oder schlechter. Alles, was mit einem Tag behaftet ist, an dem man fröhlich sein soll, sagt mir nicht zu. Ich bevorzuge eher spontane Geschichten – da kann es schon einmal vier Uhr in der Früh werden. Es wird erwartet, dass man zu seinem 50. Geburtstag die ganze Weisheit von sich geben muss. Für mich ist das ganze Leben ein Lernprozess und das wird bis zum letzten Tag so bleiben.

Man weiß mit 50 vielleicht, was man will, und viel mehr, was man nicht will. Man setzt Prioritäten anders und geht mit seiner Zeit achtsamer um.

Thomas Muster

Was lernen Sie gerade dazu?
MUSTER: Ich lerne jeden Tag. Ich war gerade beim Eltern-Lehrer-Gespräch – da lerne ich viel dazu. Man weiß mit 50 vielleicht, was man will, und viel mehr, was man nicht will. Man setzt Prioritäten anders und geht mit seiner Zeit achtsamer um. Der Altersschnitt bei den Männern liegt derzeit, glaube ich, bei 78 Jahren. Also bleiben mir jetzt im Schnitt noch 28 Sommer. Und die vergehen schnell. Vor allem, weil die Sommer bei uns nur zehn Wochen dauern. Das ist ein überschaubarer Zeitraum.

Sie haben immer ein Nomadenleben geführt – werden Sie nun in Österreich bleiben?
MUSTER: Ich unterschreibe, dass 90 Prozent aller, die irgendwann auswandern, auch wieder zurückkommen. Auch wenn man anstrebt, ins Ausland zu gehen, um andere Kulturen, ein anderes Leben kennenzulernen, bleiben deine Wurzeln da, wo sie sind.

Wo sind Ihre Wurzeln?
MUSTER: In der Steiermark. Ich bin hier aufgewachsen, das ist mir vertraut. Aber ich vergleiche die Steiermark auch nicht mit Australien oder Neuseeland, weil jedes Land für sich eine andere Bedeutung hat. Ich will auch gar nicht meine Herkunft verneinen, weil Österreich grundsätzlich ein wunderbares Land ist. Es geht uns hier nichts ab. Aber wer von zu Hause nie wegfährt, wird die Ferne auch nie vermissen, weil er nichts anderes kennt. Außerdem erkennt man beim Reisen, was im eigenen Land stimmt oder auch nicht.

Thomas Muster im Interview mit der Kleinen Zeitung Foto © Pacheiner

Was stimmt hier nicht?
MUSTER: Grundsätzlich stimmt sehr viel. Nur glaube ich, dass man den Leuten in Österreich schon jahrelang nicht die Wahrheit sagt – über das, was in unserem Land nicht stimmt. Dass es nämlich übersozialisiert ist und wir uns den Wohlfahrtsstaat so nicht mehr leisten können. Aber das spricht niemand aus. Ich bin zwar Österreicher, aber auch absoluter Europäer. Viele Leute sind noch nicht bereit, zu akzeptieren, dass wir in Europa leben und europaweit denken müssen. Europa ist ein Land und die einzelnen Mitgliedsstaaten müssten EU-Bundesländer werden. Daher kann man Österreich nicht mehr als einzelnes Land sehen. Wir bekommen Subventionen von der EU, wir zahlen in die EU ein, wir haben EU-Rechte – wir müssen anfangen, die europäische Politik zu akzeptieren. Dann würden wir uns mit vielem leichter tun. Obwohl wir hier in Österreich eine der letzten Oasen sind, muss man den Menschen sagen, wo wir finanziell stehen.

Seit wann sind Sie ein politisch denkender Mensch?
MUSTER: Das war ich immer schon. Aber ich habe mich nie für eine Partei starkgemacht, weil ich immer Köpfe wähle. Das Interesse an der Politik ist groß, weil ich vergleichen kann. Ich habe 25 Jahre in Australien gelebt – da gibt es auch interessante Ansätze.

Waren Sie zu Hause in der Südsteiermark, als der Flüchtlingsstrom die nahe Grenze erreichte?
MUSTER: Ja, und es war eine fürchterliche Situation. Sowohl für den, der an der Grenze ist, als auch für den Flüchtling. Ich bin der Meinung, dass kein Mensch sein Land verlässt, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Wobei mit solchen Flüchtlingsströmen auch Leute mitkommen, die man nicht im Land haben will und die auch nicht berechtigt sind, Asyl in Anspruch zu nehmen. Es ist auch gut, dass kontrolliert wird, wer wohin kommt. Ich finde Integration auch gut, solange man sich integriert. In vielerlei Dingen. Und es ist gar nicht so einfach, hier bei uns leben zu können. Da musst du viele Dinge erledigen. Aber man wird in Österreich gut aufgenommen und erhält auch eine solide finanzielle Unterstützung.
Verstehen Sie die Konflikte, die sich an dieser Frage entzünden?
Natürlich gibt es Missbrauch. Aber es ist nicht nur der Ausländer, der sich der Großzügigkeit des Sozialstaates bedient, sondern ebenso der Inländer. Man sollte da auch vor der eigenen Haustüre kehren. Ich bin dafür, dass der Österreicher vor dem Ausländer etwas erhält, warne aber vor Neid und Feindseligkeit. Der Ausländer kann sich zwar aussuchen, wohin er geht. Aber er geht nicht 5000 Kilometer weit für 800 Euro, die er bei uns bekommt.

Ich führe ein gutes, abgesichertes Leben, aber ich sehe mich nicht als reich.

Thomas Muster

Zehren Sie mit 50 noch vom Vermögen, das Sie sich als Spitzensportler erworben haben?
MUSTER: Ich führe ein gutes, abgesichertes Leben, aber ich sehe mich nicht als reich. Ich habe mit 30 Jahren aufgehört, Tennis zu spielen. Wenn ich das, was ich dabei verdient habe, aufrechne bis zum eingangs erwähnten 78. Lebensjahr, dann muss ich sehr lange mit diesem Geld auskommen. Es kommt dabei ein schönes Gehalt heraus. Aber ich muss sehr gut haushalten. Wenn ich bis zum 65. Lebensjahr gut verdiene, komme ich auch auf diese Summe. Und das ist das Problem vieler Sportler, die übersehen, dass die Schecks plötzlich nicht mehr bei der Tür hereingeflogen kommen. Dann gilt es, das bisher Verdiente zu verteidigen – viel mehr, als es zu vermehren. Ich bin da eher konservativ und mache sehr strenge Rechnungen. Sowohl im Haushalt als auch bei den persönlichen Ausgaben.

Was sind Sie heute von Beruf, Geschäftsmann?
MUSTER: Nein, ich mache keine Geschäfte. Ich sage, ich bin in Pension und Verwalter meines Vermögens. Und ich mache das, was mir Spaß macht. Und ich kann arbeiten, was ich mag – wann, wo und wie viel ich will. Und ich muss auch nirgends hingehen und mit Leuten reden, mit denen ich nicht reden will – das ist meine glückliche Situation. Ich mache kaum Sponsorgeschichten und man wird mich auch selten bei öffentlichen Auftritten sehen, weil das keine Plattformen sind, die ich zum Überleben brauche. Außerdem will ich mein Privatleben schützen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Mein Ziel ist es, mein Vermögen so zu verwalten, dass es meine Kinder weitertragen können und etwas daraus machen. Hoffentlich sogar etwas Besseres.

Dass Sie sich nochmals ins heimische Tennis einbringen wie ein Boris Becker in Deutschland als neuer Herren-Chef, ist für Sie auch kein Thema mehr?
MUSTER: Nein. Denn das würde implizieren, dass ich das gleiche Leben wieder lebe, das ich schon einmal gehabt habe. Das heißt, ich müsste in Flugzeuge steigen und in Hotels wohnen und mir ein Tennismatch anschauen, auf das ich wenig Einfluss habe. Und ich würde nie das verdienen, was ich selber verdient habe. Das wäre ein Rückschritt.

Mit Ihrer Funktion als Turnierbotschafter der Erste Bank Open in Wien ist Ihnen aber eine Verbindung zum Tennis geblieben.
MUSTER: Ja, aber nur, weil ich zu Turnierdirektor Herwig Straka ein enges Verhältnis habe und er mein Management macht. Ich versuche, mich mit Ideen einzubringen. Das ist meine einzige Aufgabe, die ich im Tennis habe.

Muster outet sich als politischer Mensch Foto © Pacheiner

Wie erklären Sie sich den Absturz von Boris Becker?
MUSTER: Man wird beim Übergang ins bürgerliche Leben permanent von Beratern und Menschen umgarnt, die mit Beteiligungen und Investments locken. Da investiert einer wie Becker nicht 3000, sondern drei Millionen Euro oder mehr. Ich will über Boris nicht urteilen, aber natürlich kommt ein gewisser Lebensstil dazu, der neben den finanziellen Abenteuern in eine Risikospirale führt, die man nicht beherrscht. Auch ich bekomme heute noch ständig Anfragen. Ich wimmle alles ab.

Dominic Thiem ist drauf und dran, in Ihre Fußstapfen zu treten. Was fehlt ihm noch?
MUSTER: Er wird heuer das Jahr in den Top fünf der Weltrangliste abschließen. Und wenn du dort bist, kannst du auch die Nummer eins werden. Das Potenzial hat er. Auch, um ein Grand Slam zu gewinnen. Am ehesten wohl die French Open. Dafür hat er ein Zeitfenster von drei, vier Jahren. Dann drängen schon wieder die Jungen nach.

Es heißt, Thiem habe zu wenig Kanten. Er sei zu brav und noch keine Marke.
MUSTER: Na ja, er ist noch jung – das ist ungerecht. Andererseits gibt es einen Kyrgios, der sich nicht benehmen kann – und über den redet jeder. Was mich viel mehr stört, ist diese absolute Fairness. Sportlich fair zu sein und einen Ball gut zu geben, unterscheidet sich schon von dem, wenn man minutenlang am Netz steht, dem anderen die Hand schüttelt, ihn quasi abschmust und sich gegenseitig Lobeshymnen zuspielt. Aber das ist Blödsinn, denn wenn ich verliere, dann bin ich heiß. Weil ich will ja gewinnen. Heute hat sich jeder lieb. Was wir uns damals während der Seitenwechsel gesagt haben, dürfte heute gar nicht veröffentlicht werden. Das ist alles schon mimosenhaft. Dabei ist Tennis wie Boxen – da sind zwei Leute, die sich den Ball um die Ohren hauen, bis einer angezählt ist.

Für die Belastung, die mein Körper durchgemacht hat, geht es mir heute eigentlich sehr gut.

Thomas Muster

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen alles wehtue und Sie sich wie ein Siebzigjähriger fühlen. Wie geht es Ihrem Körper heute?
MUSTER: Ich habe meine Gewichtsschwankungen – plus minus zehn Kilo. Aber ich habe auch die Disziplin, dass ich weiß, wann ich meinem Körper wieder etwas Gutes tun darf. Gewisse Dinge kann ich natürlich nicht mehr machen. Wenn du kleine Kinder hast und mit ihnen am Boden spielst, geht das bei mir nicht lange. Ich kann mein Knie nicht abbiegen, es tut bald alles weh und ich komme nicht mehr auf. Ich könnte mich höchstens hinlegen. Wenn man als Elternteil Mitte zwanzig ist, tut man sich da sicher leichter. Aber für die Belastung, die mein Körper durchgemacht hat, geht es mir eigentlich sehr gut. Ich bin zufrieden und versuche, alles zu balancieren. Ich trinke nicht, dafür rauche ich. Das ist mein einziges Laster.

Was ist Ihnen in der Erziehung Ihrer beiden Kinder wichtig?
MUSTER: Lesen, Schreiben, Rechnen und zwei Sprachen, das ist gut. Für mich ist wichtig, dass sie einen Hausverstand haben, Grüß Gott und auf Wiedersehen, Bitte und Danke sagen und in die Welt hinausgehen und den Menschen respektvoll entgegengehen. Dann haben sie im Leben schon alles gewonnen. Ich war selbst ein miserabler Schüler. Und ich glaube trotzdem, dass ich kein Trottel bin, relativ voll im Leben stehe und viel gelernt habe. Ob meine Kinder einen Doktortitel oder einen handwerklichen Beruf haben werden, ist mir völlig egal.

Haben Sie sich eigentlich überlegt, was Sie gemacht hätten, wenn es nichts mit der Tenniskarriere geworden wäre?
MUSTER: Ich wäre gerne Tischler geworden. Ich arbeite gerne mit Holz. Ich plane sehr gerne und mag die Architektur. Ich hätte bestimmt etwas Handwerkliches gemacht. Werkstatt habe ich aber keine. Das würde zu viel Dreck machen, das hält mein Sauberkeitszwang nicht aus.

Haben Sie noch einen Wohnsitz in Australien?
MUSTER: Dort habe ich alles verkauft und bin eine Insel weitergesprungen nach Neuseeland. Das Schöne dort ist: Die Zeit spielt keine Rolle.

Hier am Wörthersee steht sie jetzt auch still. Mögen Sie das?
MUSTER: Der See war für mich schon immer ein magischer Anziehungspunkt. Meine Tochter geht hier in die zweisprachige Volksschule, weil es in Graz keine gibt. Ich genieße es hier, die Menschen nehmen mich, wie ich bin. Im Winter gehe ich mit ihnen Eisschießen und diskutiere mit den Einheimischen im Kaffeehaus. Das mag ich, weil sich sonst mein ganzes Leben um meine Vergangenheit dreht. Daher gebe ich kaum noch Interviews. Ich habe nichts mitzuteilen. Ich kann nur vom Früher Auskunft geben. Ich führe ein stinknormales Leben. Ich bringe mein Kind in die Schule und hole es wieder ab, gehe zum Elternsprechtag, einkaufen, zur Post und zur Bank, zahle meine Rechnungen. Es ist schön, ein ganz normales Leben führen zu dürfen. Ich orientiere mich an der Gegenwart und an der Zukunft. Über das, was war, will ich nicht mehr reden. 

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oros5
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ein wahres Muster

es ist schon erstaunlich wie er geerdet ist.......er kann ein richtiges Vorbild sein.....alles Gute

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earny
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Bleib gsund und froh !

Alles Gute Tom, und viel Gesundheit für die 28 Sommer! Mach dein Ding - wie schon als Spieler, den ich immer sehr bewundert habe.

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lexbalexba
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Trotzdem Gratulation!

Angesprochen auf sein Alter hat mein Trainer immer gesagt: "Alter is ka Privileg, älter wird a Schof a" (echt steirisch). Somit voll bei Tom, mit der Wöthersee(h)sucht als gebürtiger Steirer im Exil ebenfalls! Nur (und das behaupte ich): "Wohnt man am Arlberg, muss man schifahren! Wohnt man am Neusiedlersee , muss man kiten, segeln oder surfen! Wohnt man am Wörthersee, muss man rudern!"
Seesüchtig, sehsüchtig und zufrieden!

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scionescio
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Von Tom könnten sich viele eine Scheibe abschneiden ...

... wahrscheinlich der erfolgreichste Sportler, den Österreich bisher gehabt hat und trotzdem auf dem Boden geblieben - Hut ab (und alles gute zum Geburtstag)!

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