"Die Tournee ist der König"
Österreichs Überflieger Gregor Schlierenzauer spricht vor der 61. Vireschanzen-Tournee über den Adrenalinrausch und Matti Nykänen. Druck verspürt der Titelverteidiger keinen.

Foto © GEPAGregor Schlierenzauer
Gregor Schlierenzauer spricht im APA-Interview über die kommende, spannende Tournee, die seiner Ansicht nach erst mit dem letzten Sprung in Bischofshofen entschieden wird, über den Adrenalinrausch und die noch größere Sensibilität des Skispringens durch die engeren Anzüge.
Wie sehen Sie Ihre persönliche Ausgangsposition vor der
Tournee, auch im Vergleich zum Vorjahr?
GREGOR SCHLIERENZAUER: Ich bin gelassener und habe null Druck, weil ich
letztes Jahr schon gewonnen habe. Das kann beflügeln. Damals ist mir
ein großer Stein vom Herzen gefallen, weil ich mir einen
Kindheitstraum erfüllt habe. Heuer komme ich mit drei Siegen und zum
ersten Mal mit dem Gelben Trikot, das ist eine lässige Motivation.
Das ganze Feld liegt extrem dicht beisammen, daher wird es eine
lässige, spannende Tournee.
Hat sich Ihre Herangehensweise in den vergangenen Jahren
verändert?
SCHLIERENZAUER: Ich glaube schon. Man wird erwachsener und
routinierter. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, sowohl positive,
als auch negative. Wenn man so gewaltige Erfolge hat wie ich, ist
man irgendwie schon sehr gelassen.
Was sind Ihre großen Ziele und gibt es noch eines bei der
Tournee?
SCHLIERENZAUER: Matti Nykänen und seine 46 Weltcupsiege und ein
Einzel-Olympiasieg sind gewaltige Ziele. Ich glaube, ich darf mir
die setzen. Das Geniale ist, dass ich null Zeitdruck habe und es an
mich herankommen lassen kann, weil ich schon so viel erreicht habe.
Bei der Tournee will ich die Stimmung noch mehr aufsaugen und in der
Lage sein, es im Jetzt zu genießen. Es wird sicher sehr spannend,
weil die Deutschen sehr stark sind. Es wird sich meiner Ansicht nach
alles erst beim letzten Sprung in Bischofshofen entscheiden.
Sie haben bei der Tournee auf allen Schanzen und die
Gesamtwertung gewonnen. Was ist das Besondere an der Tournee?
SCHLIERENZAUER: Die Tournee ist irgendwie der König. Es zeigt,
dass man gut ist, wenn man die Tournee gewinnt. Bei vier Stationen
ist das eine Riesen-Challenge, alles muss passen. Es ist ein Event
mit großer Tradition, da ist sehr viel Aufmerksamkeit darauf
gerichtet und es herrscht eine geile Stimmung. Dadurch ist es so
reizvoll für jeden.
Drei Siege fehlen Ihnen noch auf Nykänen, Sven Hannawald hat
als einziger Springer alle vier Bewerbe einer Tournee-Auflage
gewonnen - spielt das in ihren Gedanken eine Rolle?
SCHLIERENZAUER: Vier Siege, das kann man nicht bringen, wenn man
sagt, das ist das Ziel. Das wäre Wahnsinn, so zu denken. Wenn es
Hannawald als Einziger in 60 Jahren geschafft hat, ist das mehr als
Zufall, das muss passieren. Möglich ist es jedes Jahr, aber mein
Ziel ist es, gut zu springen. Jeder weiß, wie schwer Weltcupsiege zu
erreichen sind.
Kennen Sie Matti Nykänen persönlich?
SCHLIERENZAUER: Nein, ich kenne ihn nicht. Ich habe ihn einmal
auf einem Flughafen getroffen, da war er ziemlich rauschig. Ich habe
ihn nie springen gesehen. Er ist auf dem Papier der mit den meisten
Siegen, macht aber auch viele Negativ-Schlagzeilen. Darum wär's
gescheit, wenn einmal ein anderer kommt.
Sind Spitzensportler eher gefährdet, abzustürzen?
SCHLIERENZAUER: Wenn man sehr erfolgreich ist, hat man natürlich
viele Emotionen. Man hat immer wieder den Adrenalinrausch, der
süchtig macht. Nach der Karriere geht einem das sicher auch einmal
ab. Da ist es dann wichtig, etwas Anderes für sich zu suchen, oder
ein Umfeld zu haben, damit man nicht in falsche Bahnen gerät. Aber
es ist natürlich auch vom Typ abhängig. Mit meinem Umfeld glaube ich
nicht, dass mir das passieren kann.
Fast jeder Spitzenspringer hat in dieser Saison
zwischendurch ein schlechteres Resultat, liegt das auch am neuen
Reglement mit den engen Anzügen?
SCHLIERENZAUER: Durch die Anzüge macht der kleinste Fehler viel
mehr aus. So ist es zu erklären, dass man wie ich nach einem kleinen
Fehler nur 25. ist, nachdem man am Vortag gewonnen hat. Das
Skispringen ist noch einmal sensibler geworden. Mit den neuen
Anzügen muss man sehr sauber springen, die verzeihen nicht den
kleinsten Fehler.
Welcher Springertyp wird dadurch bevorzugt?
SCHLIERENZAUER: Man kann in der Luft die Qualitäten weiterhin
ausspielen, aber man muss sehr komplett sein. Das ist ein großer
Vorteil von mir, dass ich die Stärke nicht nur in der Luft habe,
sondern auch beim Absprung. Das hat sich gezeigt, dass ich auch auf
einer 90-m-Schanze heuer schon gewonnen habe.
Mit welchem Gefühl fahren Sie zur Tournee?
SCHLIERENZAUER: So wie die Saison bisher verlaufen ist, das
taugt mir unheimlich. Das Selbstvertrauen passt. Meine Basis ist
sehr gut, teilweise waren schon sehr gute Sprünge dabei. Es waren
nicht alle auf oberstem Niveau, aber es hat auch schon gereicht.
Aber natürlich strebt man immer nach dem perfekten Sprung.
Was verbinden Sie mit Weihnachten?
SCHLIERENZAUER: Ich genieße es als Springer, dass man da Ferien
hat und ganz in Ruhe bei der Familie daheim ist.
Features
Gregor Schlierenzauer
- Geboren: 7.1.1990 in Hochrum (T)
- Wohnort: Fulpmes (T)
- Größe: 1,80 m/65 kg
- Familienstand: ledig
- Verein: SV Innsbruck-Bergisel
- Hobbys: Fotografie, Mode, Design, Kochen, Sport
Größte Erfolge
- Olympia: Gold 2010 Vancouver Teambewerb; Bronze 2010 Normal- und Großschanze
- WM: Gold Einzel 2011 Oslo Großschanze; Gold Team 2007 Sapporo, 2009 Liberec, 2011 Oslo Großschanze und Normalschanze; Silber Einzel 2009 Liberec Normalschanze
- Skiflug-WM: Gold Einzel 2008 Oberstdorf; Gold Team 2008 Oberstdorf, 2010 Planica, 2012 Vikersund; Silber Einzel 2010 Planica
- Weltcup: 43 Siege; Gesamtsieger 2008/09, Zweiter 09/10, 11/12
- Rekord-Saison 2008/09: 13 Siege (Rekord)/20 Podestplätze; Junioren-WM: Gold Einzel und Team 2006
- Vierschanzen-Tournee: 2011/12 Gesamtsieger; 2006/07: 2.; 2008/09: 3. - Mit 7 Tagessiegen (Oberstdorf 2006, Bischofshofen 2007, Garmisch 2008, Garmisch 2010, Innsbruck 2010, Oberstdorf 2011, Garmisch 2012) erfolgreichster Österreicher in Tournee-Geschichte










