Was Sie schon immer über Schispringer wissen wollten

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Haben Buchstaben einen Hintersinn? Der russische Dichter Velimir Chlebnikov hat Anfang des vorigen Jahrhunderts eine Theorie über die Buchstabenbedeutung aufgestellt, wonach unter anderem L-Wörter für gedehnte, erdnahe Dinge stehen: Licht, Latten, Landschaft, Liegestuhl, usw., S-Wörter etwas Geschwungenes vermitteln: Schlange, Slalom, Salat, Schisprungschanze, Sportmagazin, usf. Helmut Qualtinger, der große österreichische Kleinkünstler, ist noch weiter gegangen, wollte alle Wörter mit U abschaffen, weil in ihnen Unanständigkeit und Unmoral zu Hause sind: Kuss, Hure, Puff, verkuppeln, Unterrichtsministerium. Freilich kann man das als Jux, der dann allerdings auch abgeschafft wäre, abtun, gelegentlich scheint an dieser Buchstabendeutelei aber doch etwas dran zu sein. Zum Beispiel beim Vogel-V.
Weibliche Vornamen etwa, wenn sie mit einem V anheben, deuten eine gewisse sexuelle Bereitschaft an, als wären Beine weit gespreizt. Freilich wissen die Verenas, Viktorias und Veronikas dieser Welt davon vermutlich nichts, ist dieser zarte Beigeschmack doch nicht viel mehr als eine leise Ahnung, vergleichbar jenem feinen, nur von ganz sensiblen Nasen feststellbaren Hauch, den jemand, der vom Einkauf kommt und Klopapierrollen unter die Achsel geklemmt hat, als WC-Odeur mitträgt - wenn auch nur visuell.
Den Schispringern ist mit der Umstellung zum V-Stil etwas Ähnliches passiert - und damit meine ich jetzt nicht einmal den Hauptsponsor, der alles unterstützt, was V wie Vlügel hat: Villazon, Vranzobel, Volksmusik und eben den V-Stil von Loitzl, Kofler, Schlierenzauer, Morgenstern und wie sie alle heißen. Plötzlich haftet diesen Bürschchen, androgyne Wesen eigentlich, die in ihren Flatteranzügen aussehen wie fliegende Heizdecken, etwas Begehrenswertes an. Plötzlich sind bei der Vierschanzentournee, auch ein Wort mit V, Transparente zu lesen, auf denen sich offensichtlich weibliche Fans, oder besser: veibliche Vans, einzelnen Springern mit "Ich will ein Kind von dir" offerieren.
Vielleicht sind diese Vamp-Fans ja von den zusammengerollten Körpern inspiriert, die wie Faschingspfeifchen die Sprungschanze hinunter schleichen, um sich plötzlich zu entrollen, zu versteifen und wie fliegende Flöten durch die Himmelskuppel pfeifen.
Schispringen ist das Mit-den-Elementen-Kopulieren der nördlichen Hemisphäre. Was im brasilianischen Karneval mit exzessivem Hüftkreisen zu Ehren der Pacha Mama geschieht, ist hier ein milchgesichtiges Luftstechen. In leiser sich regender Sinnlichkeit wird der Kopf nach vor gereckt. Die angefeuchteten Lippen festgepresst, die Arme angelegt, gleichen die Schispringer den todesmutigen Samenzellen in Woody Allens "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten".
Dabei sind die dünnen Schispringer wohl die heutige Form früherer Kastraten-Sänger, ausgestellte Kasteiungen. Vielleicht sind sie deshalb gerade in den Weihnachtsfeiertagen so beliebt. Während die weihnachtskeks- und marzipanschweinschwangeren Bäuche vor den Fernsehern verdauen, segeln pubertierende, leicht morbide Bulimiker durch die Luft, lassen einen die Schwere der Feiertage im Körper vergessen, die lang schon wieder gebrochenen Vorsätze fürs neue Jahr.
Der Buchstabe V deutet also nicht nur Viktory und Vorwärtskommen, sondern auch noch eine Öffnung und ein Aufgehen an, während das W, eigentlich ein Doppel-V, für Auspacken und viele vergnügliche Geschenke steht, die uns die Schispringer, da bin ich sicher, auch heuer wieder bescheren werden. Vröhliche Weihnachten, vette Veiertage und viel Vergnügen wünscht Vranzobel, vorübergehend wohnhaft in Vienna, Voralpenmetropole.
Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport-Fan.










