Wolfgang Loitzl: "Ein Mindestgewicht gehört her"
"Springer können so leicht sein wie sie wollen", kritisiert Schispringer Wolfgang Loitzl. Der Steirer plädiert für "Schutzsperren", um Springer zu schützen. Im Springerlager fehlt jedoch die Solidarität.

Foto © GEPAWolfgang Loitzl
Er wird eine Woche nach der Vierschanzen-Tournee 31 Jahre jung. Wolfgang Loitzl ist mittlerweile der "Altstar" im so erfolgreichen ÖSV-"Adlerhorst". Der zweifache Familienvater aus der Steiermark war nie jemand, der sich ein Blatt vor den Mund genommen hat. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre gefallen Loitzl nicht, viele Reglement-Änderungen durch die FIS waren für ihn eher ein Schlag ins Wasser. Die von ihm so gewünschte, internationale Solidarität unter den Schispringern scheint ein frommer Wunsch zu bleiben.
Spricht man den Vierschanzen-Tourneesieger 2008/09 auf die auch durch die neuen Bindungssysteme weiter verstärkte Gewichtsproblematik an, antwortet Loitzl offen. "Es hat geheißen, die Springer müssen schwerer werden. Im ersten Moment habe ich mich gefreut, weil das ja auch mir zugutegekommen wäre", sagte Loitzl im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur. Er selbst hat immer wieder Probleme mit dem Abnehmen gehabt, weil er eher zu den schwereren Athleten zählt. Als der Body-Mass-Index (BMI) für diese Saison auf 20,5 angehoben wurde, schien das eine gute Maßnahme.
"Aber im Grunde ist es genau das Gegenteil. Es ist zwar der BMI nach oben gesetzt worden. Aber es sind nur die Schi kürzer geworden und die Springer können so leicht sein wie sie wollen. Das ist wieder so eine Sache, die genau in die verkehrte Richtung geht", erklärte der Mannschafts-Olympiasieger 2010. Es gebe immer wieder Schlupflöcher, die sich die Athleten suchten. Denn ein Unterschreiten der Gewichtsgrenze zieht ja nur eine Verkürzung der Schilänge nach sich, um den Adlern sozusagen weniger Tragfläche zu bieten.
Kein Gewicht, kein Start
Warum man dann nicht einfach den BMI-Wert nicht nur vorschreibt, sondern im Fall des Unterschreitens auch "Schutzsperren" - wie es aus gesundheitlichen Gründen ja auch im Langlauf möglich ist - verhängt? "Das habe ich schon vor zwei Jahren gesagt, dass ich der Meinung bin, es gehört ein Mindestgewicht her. Wenn ein Athlet das nicht hat, darf er nicht an den Start gehen", fordert Loitzl auch heute noch. Damals sei er vom norwegischen Trainer Mika Kojonkoski dafür kritisiert worden. Für Loitzl spielt aber das Gewicht "mit eine sehr große Rolle". "Es hat sich gezeigt, dass trotzdem etwas Leichteres besser fliegt, als etwas mit einer längeren Tragfläche."
Auch die derzeitige Bindung sei keinesfalls mehr eine Sicherheitsbindung. "Seit heuer kannst du machen, was du willst", meint der Normalschanzen-Weltmeister von Liberec 2009. Dass Loitzl mit den Entscheidungen der FIS und der geringen Einflussnahme durch die Athleten nicht glücklich ist, spiegelt sich für ihn u.a. auch in der Preisgeldproblematik wieder.
Die 80.000 Schweizer Franken, die beispielsweise Thomas Morgenstern in der bisherigen Saison verdient hat, wohlgemerkt mit sechs Tagessiegen, hält Loitzl für zu gering. "Das kriegt ja ein Alpiner, wenn er einmal runterfährt. Das ist eigentlich ein Wahnsinn. Ich möchte einen Alpinen sehen, der in Kitzbühel für ein Drittel vom jetzigen Preisgeld noch runterfährt. Die würden auf der Stelle boykottieren."
Die FIS hat ja vor der Saison 2009/10 einfach beschlossen, das Sieges-Preisgeld von 30.000 auf 10.000 Franken zu dritteln, jenes der zweit- und drittplatzierten Athleten zu halbieren. Dafür erhält nun auch noch der auf Rang 30 platzierte Springer einen Minimalbetrag. Der bei der Tournee abwesende Andreas Küttel aus der Schweiz ist übrigens der Athletensprecher. "Er hat nicht unbedingt die Härte, dass er auf den Tisch haut", meinte Loitzl.
Ob es Preisgeld, Sicherheit oder neue Reglementbestimmungen gibt, zu oft schauen die Nationen nicht über den eigenen Tellerrand, lässt Loitzl durchblicken. Die Dominanz der Österreicher mache diese nicht unbedingt beliebt. "Jede Nation schaut, dass Sachen, die Thema sind, so verändert werden, damit sie uns nicht weiterhelfen."
Starke Stimme fehlt
Bei vom Wind so extrem geprägten Springen wie jenem in Garmisch-Partenkirchen, als vor allem die Böen eigentlich zu stark waren, fehlt es auch an der starken Stimme der Sportler. Ein einziges Mal, so kann sich Loitzl erinnern, haben die Topathleten wirklich zusammengehalten. Als bei der Schiflug-WM 2000 in Vikersund der Wind einfach zu stark war, haben sich Martin Schmitt, Janne Ahonen, Andreas Goldberger und Andreas Widhölzl geweigert, zu springen. "Damals hat die Jury den Wettkampf abgebrochen und verlegt. Das war, glaube ich, das einzige Mal, dass sich die Athleten auf die Füße gestellt haben."
Pikantes Detail am Rande zu jener WM: Der damalige wie heutige FIS-Renndirektor Walter Hofer hatte am Tag nach dem Boykott den gleichen vier, damals bestplatzierten Athleten im Springer-Weltcup vorgeschlagen, sie mögen ihre Bereitschaft zum Springen vortäuschen, gleichzeitig aber zugesichert, dass die Jury (wegen der neuerlich schlechten Bedingungen) absagen würde. Ein neuerlicher Boykott musste unter allen Umständen verhindert werden. Diesbezüglich hat sich die Schisprung-Welt in elf Jahren wohl kaum verändert.










