Wie man eine Abfahrt baut
Bernhard Russi baut Abfahrten. Auch jene in Sotschi. Der 63-Jährige erklärt, wie es vom Berg in der Wildnis zu einer Olympia-Abfahrt kommt. Am Wochenende startet die Generalprobe.

Foto © APA
Natürlich war Bernhard Russi auch nervös. Nicht, weil sich sein Olympiasieg in Sapporo 1972 tags zuvor zum 40. Mal gejährt hatte. Sondern, weil wieder einmal eine "seiner" Abfahrten ihre Feuertaufe erlebte. Rund zwei Dutzend hat der Schweizer in den vergangenen 25 Jahren gebaut. Jene für die Olympischen Spiele in Sotschi 2014, gebaut im Schigebiet Rosa Chutor über Krasnaja Poljana, soll der Höhepunkt sein. Das erste Training war auch für den mittlerweile 63-Jährigen Antwort auf die Frage, ob sich die Arbeit der vergangenen sechs Jahre bezahlt macht.
2006 war er das erste Mal im Schigebiet, das damals noch gar nicht erschlossen war. "Ich wurde mit dem Helikopter geflogen, der aber nicht landen konnte. Und so musste ich abspringen." In eine Gegend, die er zuvor nur aus Karten kannte. "Aber in der Zwischenzeit kann ich mir ein Gelände anhand der Höhenlinien gut vorstellen, mir sogar anhand einer Karte einen Plan überlegen", erzählt Russi. Am ersten Tag half ihm das wenig. Er und zwei weitere Experten wanderten den Berg nach unten - weil das Wetter schlecht war, konnten sie nicht mehr mit dem Helikopter abgeholt werden. "Also mussten wir zu Fuß zurück in den Ort." Mitten durch die Wildnis. "Oft wussten wir nicht, wo wir waren, ich war der einzige mit Lampe." Erst um zwei Uhr früh war die Expedition beendet.
Viele farbige Flaggen
Russi kam wieder. Einige Male. Um die Abfahrt zu entwickeln. "Es funktioniert so: Beim ersten Gang zu Fuß markiere ich mit roten Fähnchen meinen Weg. Der wird dann in die Karte eingezeichnet. Beim zweiten nehme ich gelbe, dann blaue, dann violette, dann weiße Fähnchen. Und das Endprodukt ist oft eine Mischung aus allen Wegen, die ich so markiert habe."
Danach beginnt der Bau, in Russland keine einfache Sache. "Die Russen musst du dir erobern. Sie sind zuerst kalt, aber wenn du sie geknackt hast, sind sie Freunde fürs Leben." Auch mit dem Schisport mussten sie sich erst anfreunden. "Mit den Ingenieuren war nicht nur die Sprache ein Problem, sie mussten auch die Philosophie des Schisports erst begreifen." Ein Beispiel: "Sie konnten nicht glauben, dass man eine Rechtskurve ohne Überhöhung wie in einer Bobbahn bauen kann."
Man näherte sich an, auch dank der Hilfe des Ex-Weltcupsiegers Paul Accola aus der Schweiz, der die Baggerfahrer instruierte und selbst baggerte. Russi: "Wenn einem Abfahrer vor allem im unteren Teil das Herz nicht jauchzt, dann versteh' ich die Welt nicht mehr." Sein Herz hängt besonders an diesem Drittel, wie auch am obersten, steilen Abschnitt. Und an den Sprüngen. "Die", sagt Russi, "sind besonders schwer zu dosieren. Man muss sich ja im Bau schon vorstellen, was passiert." Und dann gibt es immer den Faktor Natur. "Im Sommer sieht alles anders aus. Und im Winter können ein, zwei Meter Neuschnee alles ändern. Die Natur beeinflusst das Produkt, das ist eben so. Wir sollten froh sein, wenn es ideal ist. Aber auch nicht zu kritisch, wenn es anders ist."
Ökologisch und sicher
Apropos Natur: Die hat Bernhard Russi natürlich im Auge, wenn er Abfahrten plant. "Im Idealfall ist es ein Zusammenspiel: möglichst viel natürliches Gelände, möglichst wenig ökologisch eingreifen, möglichst billig bauen - aber sicher." Zumindest spektakulär ist die Abfahrt geworden. Und vom Gelände - wenn auch nicht der Kurssetzung - waren alle begeistert. Frage an Architekt Russi: Auch Wladimir Putin? "Die ganze Abfahrt hat er ja noch nicht gesehen - und ich hab' ihn noch nicht gesehen", sagt Russi lächelnd. Ob er denn dessen Nummer für Notfälle hat? "Nein. Nicht seine. Aber eine andere. Einmal habe ich sie auch gewählt, weil ich dringend einen Helikopter benötigte, aber keiner starten durfte, weil er selbst gerade Schifahren war." 15 Minuten später durfte Russi fliegen.
Das erste Training auf der neuen Strecke ist vorbei, Russi zufrieden. Zugeben will er es nicht, aber man sieht es ihm an. Diese Abfahrt soll sein Meisterstück sein: "Weil sie wirklich alles hat, was eine Abfahrt braucht."

















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