Auf der Streif regiert die Angst
Geschockte Gesichter, Hoffnung - und auch Angst: All das spiegelte sich in den Gesichtern der Schi-Stars wieder, die nach dem Sturz von Hans Grugger aus dem Starthaus der Streif mussten. Am Freitag gibt es einen Super-G (11.30 Uhr, ORF eins).

Foto © GEPAMichael Walchhofer stellte sich die Sinnfrage
Irgendwie waren alle noch eine Spur bleicher als sonst. Und die meisten atmeten tief durch, als sie im Ziel abgeschwungen hatten; endlich. Und jeder war froh, dass er gesund zum Stillstand kam. Einen einzigen Sturz hatte es gegeben - einen mit verheerenden Folgen. Und weil Kitzbühel eben Kitzbühel ist, kam in diesem Fall hinzu, dass die Fahrer am Start fast alle via Fernsehen live dabei waren.
Klaus Kröll ist der Zimmerkollege von Hans Grugger. Auch in Kitzbühel. "Den Sturz", sagt er, "habe ich zum Glück nicht gesehen." Und doch war ihm bald klar, dass es seinen Zimmerkollegen schwer erwischt hat. "Wenn die Unterbrechung einmal eine halbe Stunde dauert, dann weißt du, dass es kein Kratzer ist . . ." Und damit beginnen die Gedanken abzuschweifen. Den Fokus zu verlieren, der so wichtig ist. "Im Rennen wäre es ja vielleicht gegangen, die Konzentration zu halten. Aber im Training beschäftigt das einen schon sehr", sagt der Sieger von Wengen. Und ergänzte: "Es war eine Kleinigkeit. Aber in diesem Fall hat man gesehen, dass kleine Fehler hier große Auswirkungen haben." Und, wie Kröll ergänzte: "Sicher warten wir, bis wir genau wissen, was los ist. Aber: Jeder, der diesen Job macht, weiß, was passieren kann. Und alleine deswegen muss man das einfach ausblenden."
Und doch: Die Konzentration auf den Super-G (11.30 Uhr) wird mehr als schwerfallen; aber zugleich als Ablenkung wichtig sein.
Mario Scheiber fühlte sich auch Minuten nach seiner Fahrt nicht wohl. "Ich muss es zugeben: das erste Mal in meiner Karriere habe ich während der Fahrt Angst bekommen. Und das ist mir vorher noch nie passiert." Weil er den Sturz von Grugger sah - und die Folgen.
Fehlende Konzentration
"Danach konnte ich mich einfach nicht mehr konzentrieren. Mein einziges Ziel war, gesund herunterzukommen. Weil ich es hier noch nie so brutal erlebt habe. Es gibt so viele Schläge, dass du dich immer unsicher fühlst. Und mir war es dann wurscht, ob ich die richtige Linie habe. Ich wollte nur mehr runter." Vielleicht, weil auch Scheiber schon so viele Verletzungen hatte wie auch Hans Grugger, "und weil wir deswegen natürlich in den Verletzungspausen viel telefoniert haben . . ."
Auch Benjamin Raich, am Vortag noch von Fieber ins Bett gezwungen, schaute sehr ernst durch den beginnenden Schneefall in Kitzbühel: "Ich hab den Sturz auch gesehen. Leider. Denn dementsprechend gehst du dann aus dem Starthaus. Ich habe schon vor der Mausefalle extrem viel Tempo rausgenommen, aber im Rennen geht das nicht mehr." Dann ergänzte der Tiroler: "Angst? Ja, manchmal kommt das vor. Wenn man solche Stürze sieht. Aber das heute, das war nicht gut."
Die Sinnfrage
Eines vermied Raich in diesem Moment: Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen. "Das", sagte er, "verdrängt man. Ich habe nur versucht, mich zu schonen. Das war nach dem Fieber am Vortag aber auch wichtig."
Die Sinnfrage kam dagegen Michael Walchhofer sehr wohl in den Sinn. Zumal der Salzburger, Führender im Abfahrts-Weltcup, erst am Mittwoch selbst einen schweren Trainingssturz hatte, sich dabei eine schmerzhafte Kehlkopffraktur und eine Knieverletzung zuzog. Erst nach einem Test, ob er genug Luft bekommt, startete er in das Training - und sah dann den Sturz. "Es hat extrem schlimm ausgeschaut. Ich hoffe, das geht gut aus für den Hans", sagte er. Und ergänzte dann: "Als ich den Sturz gesehen habe, hab' ich mir schon überlebt: Ist es das wirklich Wert? Aber dann schüttelst du dich und denkst dir: Entweder du schiebst diese Gedanken jetzt beiseite, oder du brauchst die Schi nicht mehr anzuschnallen. Leider gibt es solche Momente immer wieder in einer Karriere."
Das beste Rezept in diesem Fall ist zugleich das schwierigste: "Du musst attackieren, du musst riskieren. Denn wenn du passiv fährst und abwartest, wird es wirklich gefährlich", sagte etwa Romed Baumann, der die Streif "noch nie so schwer" erlebte. "Aber das mit dem Risiko geht nicht immer nach Wunsch. Ich war extrem froh. Als ich die Mausefalle heil überstanden hatte. Und ich hoffe, wir alle hoffen, dass es für Hans gut ausgeht."
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Klaus Kröll, der Zimmerkollege Hans Grugger Foto © GEPA














