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Zuletzt aktualisiert: 19.12.2009 um 19:22 UhrKommentare

Das Motto der FIS: "Nur nichts überstürzen"

Gianfranco Kasper, langjähriger Präsident des Internationalen Schiverbandes, über das Thema Sicherheit, offene Briefe aus Österreich, den drohenden WM-Entzug für Schladming und sein Verhältnis zu Peter Schröcksnadel.

Gianfranco Kasper mit den Olympia-Maskottchen

Foto © GEPAGianfranco Kasper mit den Olympia-Maskottchen

Täglich gibt es neue Meldungen von Verletzten im alpinen Weltcup, das Thema Sicherheit ist präsent. Müssen Sie als FIS-Präsident im Moment auch nur darüber sprechen?
GIANFRANCO KASPER: Wenn man mit Athleten und Trainern spricht, nicht so sehr. Aber es ist klar, dass das Thema jetzt hochgespielt wird. Wir hatten das ja vor drei, vier Jahren schon einmal. Wenn wir eine Lösung für das Problem hätten, oder jemand wüssten, der es lösen kann, hätten wir schon lange etwas geändert.

Aber es gibt ja viele Vorschläge, was zu ändern wäre.
KASPER: Ja, aber oft auch komplett gegensätzliche. Einige, wie Benni Raich, sagen, dass die Schi zu breit sind. So gut sie für die Touristen sind. Andere sagen, sie müssen noch breiter werden. Einige sagen, die Schuhe sind schuld, weil sie zu eng sind. Die Schi-Industrie sagt, man muss ja nur die Anzüge dicker machen. Wobei: Das hatten wir ja schon. Bis man uns erklärte, dass man die dicken Anzüge gar nicht braucht.

Also ist keine Lösung in Sicht?
KASPER: Eines ist klar: Einen Schnellschuss darf es jetzt nicht geben, das bringt auch nichts. Wir haben rund 50 Vorschläge, das sind alles Mosaiksteine. Jetzt müssen wir diese Vorschläge auch wirtschaftlich untersuchen. Wir wissen aus unserem Überwachungsprogramm, dass wir pro Saison von 100 Athleten etwa 30 durch Verletzung verlieren. Aber wir kennen noch keine allgemein gültige Lösung, wie man es besser machen könnte.

Sie sagen immer wieder, dass die Athleten nicht so viel riskieren sollen. Das klingt fast nach Frotzelei.
KASPER: Das verstehe ich ja auch. Ich sage ja auch nicht: Alle Athleten. Die routinierten wissen, wo sie Gas geben können. Und dann gibt es andere, die nicht so viel überlegen. Bei den Damen etwa gab es einige, die steckten den Kopf zwischen die Knie und denken sich: Die anderen sorgen schon dafür, dass mir nichts passiert. So kann es nicht sein, ein gewisses Maß an Eigenverantwortung müssen die Athleten schon haben. Das habe ich gemeint.

Aber es muss doch auch einen Weg geben, um schnell etwas zu verbessern?
KASPER: Für mich der einzige Weg: Reduktion der Geschwindigkeit. Aber: Meist passieren die Stürze dann genau dort, wo das Tempo eingebremst wird. Wenn die Null beträgt, kann man Unfälle praktisch ausschließen. Aber dann kommen ja die Athleten und beschweren sich, dass sie schnelle Passagen haben wollen, dass sie Sprünge haben wollen. Es soll ja Männersport bleiben, wie ich gehört habe.

Und die Kritik am dicht gedrängten Kalender von Alberto Tomba?
KASPER: Das ist ja lächerlich. Wenn alle Stürze im März passieren, dann vielleicht. Aber viel ist ja noch in der Vorbereitung auf die Saison passiert.

Themenwechsel: Toni Innauer hat einen offenen Brief an Sie geschickt, in dem er sich über die Jury beim Schispringen beschwert, die Gregor Schlierenzauer bewusst in Gefahr bringt.
KASPER: Ich habe den Brief selbst erst vor zwei Tagen bekommen, den Inhalt aber aus den Medien schon gekannt. Ich habe ihn sofort an alle Verantwortlichen weitergeleitet, Toni Innauer wird eine Antwort bekommen.

Aber Sie verstehen das Problem?
KASPER: Ja, das gab es ja schon einmal bei Walter Steiner. Gregor Schlierenzauer ist im Moment einfach ein zu guter Schispringer. Klar ist aber: Walter Hofer und die Jury müssen sich am Stärksten orientieren.

Und die neue Regel, die in diesem Fall geholfen hätte?
KASPER: Auch hier gilt: Das wäre ein Schnellschuss. Wir haben sie garde zwei Mal bei Mattenspringen getestet. Einige sagen sogar: Wenn wir jetzt noch das Talent der Springer auf bestimmten Schanzen in den Computer eingeben, braucht man nicht mehr zu springen. Das wäre ebenso ein gefährlicher Schnellschuss gewesen, den Sport so massiv zu verändern. Und stellen Sie sich vor, wir müssen nach Olympia sagen: Um Gottes Willen, was haben wir gemacht? Wir sollten das noch testen.

Ist der Fall "Europäischer Schiverband" für Sie erledigt?
KASPER (schmunzelnd) Es ist kein Fall. Nachdem dieser hervorragende, beste Wettkampf aller Zeiten in der Halle durchgeführt wurde, bestand für den Vorstand die Möglichkeit, Sanktionen zu verhängen. Wir diskutierten im Vorstand, 15 Minuten wurden Vorschläge eingebracht. Die wurden immer extremer.

Zum Beispiel?
KASPER: Bis hin zu einem Entzug der WM für Schladming, es war extrem. Ich habe dann gesagt: Leute, wenn wir das alles tun würden, das wäre eine Katastrophe. Legen wir das auf Eis, sprechen wir uns mit den vier Präsidenten (Österreich, Italien, Schweiz, Frankreich, Anm.) aus. Das wird beim Weltcup-Finale in Garmisch geschehen.

So lange spricht man weiter von den Differenzen zwischen Ihnen und ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel.
KASPER: Das amüsiert mich fast, ich lese immer von einem Krieg. Tatsache ist: Wir waren erst diese Woche Mittagessen, es gibt keinen Krieg. Vielleicht unterschiedliche Auffassungen in Sachfragen. Da wird viel aufgebauscht, auch von den Leuten um uns herum. Ich sag dazu nur: Es hat auch gute Seiten. Hauptsache, es wird vom Schisport geredet. Auch wenn es negativ ist.

INTERVIEW: MICHAEL SCHUEN

Gian-Franco Kasper

  • Geboren: 24. Jänner 1944 in St. Moritz, Schweiz.
  • Eckdaten: Studium Psycho- logie, Philosophie und Journalismus in Zürich. Redakteur des "Courrier de St. Moritz". Aufbau des Schweizer Tourismus-Büros in Montreal. von 1975 bis 1988 Generalsekretär beim Internationalen Schiver- band FIS. Seit Mai 1988 als Nachfolger von Marc Hodler Präsident der FIS. Seit September 2000 Mitglied des IOC und seit Jänner 2003 im Exekutivausschuss der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

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