Mit 36 ist Maier für immer im "Ziel"
So plötzlich wie er einst aufgetaucht war, so plötzlich hat Hermann Maier seine große Karriere nun beendet. "Danke und Pfiat euch." Es war ein Abschied unter Tränen.

Foto © ReutersHermann Maier
Er war nicht immer pünktlich. Gut, im Ziel sehr oft, sehr oft sogar als Erster. Bei Presseterminen aber, da ließ er sich nicht selten bitten. Am Dienstag jedoch, da nahm Hermann Maier im Blitzlichtgewitter und pünktlich auf die Minute genau dort auf dem Podium Platz, wo er im Lauf seiner großen Karriere inklusive Olympischer Spiele und Weltmeisterschaften 59 Mal stand - in der Mitte. Dort also, wo Sieger hingehören. Und auch am Dienstag feierte Hermann Maier einen solchen. Es war ein Sieg der Sympathie, einer des Menschen Maier über die Rennmaschine Herminator.
Der finale Abschwung
"Hallo und grüß' euch", waren um exakt 14.01 Uhr seine ersten Worte, nachdem ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und Raiffeisen-Werbeleiter Leodegar Pruschak, die ihn während der ORF-Live-Übertragung links und rechts flankierten, kurze einführende Worte geprochen hatten. "Hallo und grüß' Euch." Da lächelte er. Noch. Und obwohl jeder in der Hofburg zu Wien wusste, hatte es etwas fast Bewegendes, wie er sich dem finalen Abschwung näherte. Da war die Rede von "sehr reiflicher Überlegung", von einem "letztlich aber doch spontanen Entschluss", davon, dass er mit dem Training "vollauf zufrieden" gewesen und "alles nach Plan verlaufen" wäre in der bisherigen Vorbereitung auf die Olympia-Saison. "In der vergangenen Woche konnte ich auf dem Gletscher und ohne Beschwerden im Renntempo Schi fahren", sagte Maier.
Hermann Maier
Und dann wollte er das Wort "Schlussstrich" in den Mund nehmen, aber das Wort wollte nicht. Der Hals zugeschnürt, komplett zugeschnürt, Tränen schossen ihm in die Augen.
Totenstille im Saal, ein paar endlose Sekunden lang. Unterbrochen lediglich durch das oft gnadenlose Klicken und Klacken der Fotoapparate. "Und dann habe ich . . ." - abermals der emotionale "Einfädler" und wieder ein paar geschluchzte Sekunden. " . . . habe mich nach kurzer Bedenkzeit entschieden, dass ich einen Schlussstrich ziehen und meine Karriere als Schirennfahrer mit den heutigen Tag beenden werde."
Heraußen war's. Endlich.
Am Freitag der vergangenen Woche hatte er den Entschluss gefasst. Alleine und in seinem Anwesen am Attersee. Dann setzte Maier den ÖSV-Boss in Kenntnis, am Sonntag erst seine Familie. Dass der Pressetermin schließlich derart kurzfristig, nämlich erst einige Stunden vor dem Treffen im Dachfoyer der Hofburg, angesetzt worden war, hatte schlicht den Grund, dass nur ja nichts durchsickern und frühzeitig publiziert werden konnte.
Der ideale Zeitpunkt
Um 14.09 war Maiers Monolog zu Ende. Applaus erfüllte den Saal. Warum Maier in weiterer Folge während des Frage-Antwort-Spiels immer wieder betonte, es täte ihm "leid, dass ich heute so weich geworden bin", bleibt sein Geheimnis. Schließlich ist es eine durchaus menschliche Reaktion, traurig zu sein und das auch zu zeigen, wenn ein herausragender Lebensabschnitt zu Ende geht. Auch für einen Hermann Maier.
Zum Thema
Es hätte sich um den "idealen Zeitpunkt" gehandelt. Just weil es ihm bei der Rückkehr auf die Schi so gut gegangen sei, habe er sich zum Rücktritt entschlossen. "Ich habe auf dem Gletscher gesehen, dass ich wieder alles tun kann, das ist das Schönste." Und das soll so bleiben. Sprich, er will die Gesundheit nicht wieder aufs Spiel setzen. "Ich kann", sagte Maier, "einen Berg nicht nur rauf laufen, ich kann ihn auch runter laufen. Das können nicht viele. Und ich möchte das noch lange können. Und Schi fahren möchte ich. Wo und wann ich will und nicht wenn ich muss."
Noch vor einer Woche, und das versicherte er glaubhaft, hätte er keine Ahnung gehabt, dass es ein paar Tage später so sein würde.
Der größte Erfolg
Unvermeidlich war natürlich die Frage nach dem größten Erfolg in dieser beispiellosen Laufbahn, Und auch da punktete Hermann Maier mit einer ausgesprochen sympathischen Antwort. "Mein größter Erfolg? Meine Beharrlichkeit, irgendwann einmal im Weltcup fahren zu wollen und das auch zu schaffen."
Fakten
Der ORF ändert aufgrund des Rücktritts von Schistar Hermann Maier sein Programm und strahlt am Mittwoch um 20.15 Uhr auf ORF 1 die 30-minütige Sendung "Rücktritt einer Legende" aus. Maier blickt dabei im ORF-Gespräch auf seine einmalige Karriere zurück.
Worte des Dankes richtete Maier an diesem frühen Nachmittag des 13. Oktober (in dieser Reihenfolge) an seine Eltern, "die einen hyperaktiven Buben zu bändigen wussten und auf den richtigen Weg führten", an den Bruder, den Sponsor, den ÖSV-Präsidenten und andere Verbandsmitglieder, "die spät aber doch erkannt haben, dass sich in Österreichs Bergen ein verstecktes Talent herumtreibt", an die Fans und die Heimatgemeinde Flachau und schließlich an die Trainer. "Ich hoffe, dass ich allen etwas zurückgegeben habe und noch zurückgeben werde."
Und wie geht's nun weiter mit dem 36-jährigen Ausnahmeschifahrer Hermann Maier? "Jetzt nehme ich mir zu allererst eine große Auszeit. Aber eines weiß ich: Was auch immer ich neu beginnen werde, es wird und es muss eine spannende Tätigkeit sein. Das bin ich mir uns meinem Wesen schuldig."
Waren seine ersten Worte um 14.01 "Hallo und Grüss' euch", so waren die letzten (offiziellen) um 14.09 "Danke und Pfiat euch."
Wir haben zu danken, Hermann Maier.
Features
Zum Thema
Fotoserie
Steckbrief
- Geboren: 7.12.1972 in Altenmarkt/Pongau
- Wohnort: Flachau/Salzburg
- Größe/Gewicht: 1,81 m/86 kg
- Verein: USC Flachau
- Familienstand: ledig
- Schi/Schuhe: Head/Lange
- Beruf: Schirennläufer, Maurer, Schilehrer
- Hobbys: Motorrad, Fußball, Klettern, Schitouren
Größte Erfolge
- Olympia: Gold Super G und Riesentorlauf 1998 Nagano, Silber Super G 2006 Turin/Sestriere, Bronze Riesentorlauf 2006 Turin/Sestriere
- WM: Gold Abfahrt und Super G 1999 Vail, Gold Riesentorlauf 2005 Bormio, Silber Abfahrt 2001 St. Anton und Super G 2003 St. Moritz, Bronze Super G 2001 St. Anton
- Weltcup: 4 Gesamt-Siege (Punkterekord 1999/2000: 2000 Punkte), 10 Disziplinen-Siege, 54 Weltcupsiege (Rekord mit Stenmark: 13 Siege in einer Saison)
- Ehrungen: Viermal in Serie Österreichs Sportler des Jahres (1998, 1999, 2000, 2001)





















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