Hirscher: "Jedes Auto wäre zu schnell gewesen"
Marcel Hirscher über seinen Autounfall und das riesige Interesse daran. Der Weltcup-Sieger über Klischees, Verdächtigungen und die Lehren, die er aus dem Unfall ziehen muss.

Foto © APAMarcel Hirscher
Eine banale Frage, aber fünf Tage nach einem Unfall gestattet: Wie geht's?
Marcel Hirscher: Danke der Nachfrage, gut.
Sind die Schmerzen - körperlich wie seelisch - überwunden?
Hirscher: Die Prellungen sind abgeklungen, ich trainiere wieder. Die seelischen Schmerzen sind nicht überzubewerten. Es war ein Unfall mit Sachschaden. Das kann passieren.
Sie sind an mediales Interesse gewöhnt - aber hat Sie die Dimension nach dem Unfall überrascht?
Hirscher: Ja, weil es ein banaler Unfall war, wie er mehrmals täglich in Österreich vorkommt. Nur ist das normal ein Einspalter in den Bezirksnachrichten.
Sofort nach dem Unfall gab es Verschwörungstheorien: Sie seien zu schnell gefahren, es werde etwas vertuscht, Sie hätten ein zu schnelles Auto, und, und, und. Was denken Sie sich dabei?
Hirscher: So ist es halt. Aber ehrlich: Es ist verblüffend, wie viele unabhängige Unfallsachverständige es gibt, die - anonym - Ferngutachten des Unfalls gepostet haben. Viele Menschen haben Meinungen, die nichts mit der Realität zu tun haben.
Waren Sie zu schnell?
Hirscher: Nein, ich fuhr etwas weniger als die erlaubten 80 km/h.
Haben Sie ein Auto, das zu schnell und mit 525 PS zu stark ist?
Hirscher: Erstens: Es hätte in diesem Fall kein Auto gegeben, das nicht zu schnell ist, weil jedes Auto 80 fährt. Zweitens: Warum glauben manche, sie müssten sich Gedanken darüber machen, was ich für ein Auto fahre?
Haben Sie es unter Kontrolle?
Hirscher: Das Leben und den Straßenverkehr hat man nie ganz unter Kontrolle. Ich habe seit fünf Jahren den Führerschein, fahre pro Jahr 60.000 Kilometer, absolviere Fahrtrainings. Dort dürfte ich schon was gelernt haben, denn ich habe eine frontale Kollision mit einer Frau verhindert, die mich übersehen hat - insofern hatte ich das Auto im Griff.
Verletzt es, dass Sie als Skifahrer automatisch als Raser gelten?
Hirscher: Na ja, ich weiß, dass das Blödsinn ist, die Polizei weiß das auch. Das Gros orientiert sich ja an Fakten - einige können nicht anders, als reflexartig zu sagen: Eh klar, wie beim Nierlich oder Maier. Es ist nicht angenehm, wenn Klischees strapaziert und Fakten ignoriert werden. Verletzen tut es mich nicht. Es wäre naiv zu glauben, dass einem alle wohlgesonnen sind. Ich denk mir dann: Leute, besorgt euch bitte ein eigenes Leben!
Rund um Ihren Unfall wurden gleich Psychologen befragt - ich frage Sie: Sind Skifahrer Raser?
Hirscher: Wahrscheinlich haben Gärtner, Botaniker, Lehrer oder Köche auch Unfälle mit Sachschaden. Ob Skifahrer prozentuell mehr Unfälle haben oder schneller fahren, weiß ich nicht. Für mich trifft es sicher nicht zu. Ich kann es mir leisten, auf einer gesperrten Strecke zu fahren, wenn ich schnell fahren wollte.
Haben Sie - oder Skifahrer im Allgemeinen - ein anderes Verhältnis zur Geschwindigkeit?
Hirscher: Das Verhältnis zur Geschwindigkeit und der Sinn für Distanzen sind bei uns sicher besser ausgebildet, logisch. Aber das heißt nicht, dass wir süchtig nach Tempo sind - schon gar nicht im Straßenverkehr.
Wie denken Sie grundsätzlich über Klischees und Vorurteile?
Hirscher: Klischees und Vorurteile machen nix besser - wenn's einen so betrifft wie mich in der vergangenen Woche, wird einem das wieder bewusst. Einigen hab ich zurückgeschrieben und gefragt: Warum fällen Sie ein Urteil, ohne die Fakten zu kennen?
Welche Lehren ziehen Sie?
Hirscher: Dass man im Straßenverkehr nie vorsichtig genug sein kann. Dass ich noch mehr Rücksicht darauf nehme, was die anderen tun. Aber auch, dass ich mir künftig besser überlegen werde: Was kommuniziere ich und was nicht. Ich müsste ja nicht mitteilen, was ich für ein Auto fahre. Denen, die sich über die PS-Zahl meines Autos aufregen, stell ich auch gern eine Frage: "Wenn Dir so ein Auto zur Verfügung gestellt werden würde, würdest du damit fahren!?"















