Giger: "Müssen Außenseiterrolle akzeptieren!"
Der ÖSV-Herrenchef schraubt die Erwartungen für die Königsdisziplin zurück und sieht Kritik als "positiv für den Schisport"

Foto © APAToni Giger
Sie mussten in den vergangenen Wochen viel mediale Kritik
einstecken. Wie sehr nagt das?
TONI GIGER: Das ist einem nicht gleich. Schifahren ist meine Leidenschaft
und ich will, dass österreichische Schifahrer gute Ergebnisse
abliefern. Wenn dann in der Abfahrt die Ziele nicht erreicht werden,
ist man selbst einmal enttäuscht. Man versucht, sich mit breitem
Rücken vor die Mannschaft zu stellen und sich an anderen Disziplinen
aufzurichten.
Sie bezeichneten die Kritik teilweise als respektlos. Was meinen
Sie damit?
GIGER: Ich glaube zu spüren, wo Kritik mit dem Willen verbunden
ist, dass etwas besser wird und wo man mit Kritik eher Unruhe
reinbringen will. Ich möchte gerne konfrontiert werden mit dem, der
etwas kritisiert, und ich möchte die Möglichkeit bekommen, mich dazu
zu äußern. Mein Ziel ist es, Kritik so zu verwerten, dass man einen
Schritt vorwärts macht.
Einmal hieß es sogar, Sie seien nur "mäßig beliebt". Was kann
damit gemeint sein?
GIGER: Jeder will beliebt sein. Als Cheftrainer muss ich aber
zusammen mit Hans Pum auch die unangenehmen Entscheidungen treffen,
das ist eine Verantwortung, der wir gründlich nachkommen. Das ist
auch ein Schutz für die Trainer, die unmittelbar am Athleten das
tägliche Coaching machen. Damit macht man sich natürlich nicht
beliebt. Ich habe aber als Gruppentrainer am eigenen Leib verspürt,
was es bedeutet, einem Athleten eine Nichtnominierung mitzuteilen.
Das steht dann in der künftigen Coaching-Arbeit ganz einfach im Weg.
Haben Sie Verständnis für die mediale Kritik?
GIGER: Ich kann nicht alles lesen, weil ich oft erst um 22.00 Uhr
aus der letzten Sitzung komme. Das ganze Spektrum von seriös bis
Unterhaltung spiegelt aber wieder, wie wichtig der Sport in
Österreich ist. Das sollte man positiv für den Schisport sehen, auch
wenn uns die eine oder andere Meldung nicht gefällt.
Wird die Abfahrt am Samstag entscheidend dafür, ob es dann bei den
Spielen gut oder schlecht laufen wird?
GIGER:Die Erwartungshaltung in der Abfahrt darf nicht so hoch
sein, und man muss die Bewerbe einzeln sehen. Nach nur zwei
Podestplätzen, also nur zehn Prozent des Möglichen, wird die Kunst
sein, dass man in der Abfahrt ergebnisorientiertes Denken ausblendet
und sich stattdessen auf die Leistung am Tag X konzentriert.
Wie kann man das?
GIGER:Frech gesagt dadurch, dass wir die Außenseiterrolle in der
Abfahrt akzeptieren und annehmen. Wir können nicht von Rennen zu
Rennen sagen, dass wir die Favoriten sind. Die anderen waren bisher
stärker und sind daher in der Favoritenrolle.
Ist jede Medaille gleich viel wert?
GIGER:Es gibt keine Statuten im Schiverband die sagen, ob es mehr-
oder minderwertigere Medaillen gibt. Es ist in jeder Disziplin
schwer, bei Großereignissen Medaillen zu holen.
Präsident Schröcksnadel hat sich Trainer-Diskussionen bis Olympia
ausgebeten, für danach aber alles offen gelassen. Machen Sie weiter?
GIGER:Ich hoffe, dass es beim Weltcup-Finale die großen Analysen
gibt. Olympia ist wichtig, der Weltcup aber auch, und da sind wir
gewaltig gut im Rennen. Wir hatten schon kniffligere Situationen und
sind dort jetzt auf einem sehr guten Weg wie z.B. im Riesentorlauf.
Wir können nicht immer auf höchstem Niveau dahinfahren. Unsere
Wellenbewegungen sind aber permanent auf hohem Niveau.
Gibt es schon Erkenntnisse bezüglich eventueller
Fehlentwicklungen?
GIGER:Natürlich, man macht ja laufend Beobachtungen und überlegt
schon während der Saison Korrekturen. Selbst Kritik ist verwertbar.
Aber das ist jetzt nicht die Zeit, das nach außen zu tragen.
Also machen Sie weiter?
GIGER:Es ist fix, dass ich bis Saisonende in dieser Position
bleibe. Danach ist einiges angedacht, aber nichts definitiv
beschlossen. An Motivation mangelt's mir nicht. Ich habe auch noch
viel Kraft für eine solchen Job. Und ich bewege mich gerne im
Schnee.
Wie viele Medaillen gewinnen Ihre Herren?
GIGER:Das Ziel ist mit drei bis vier Medaillen vorgegeben. Das ist
realistisch. Ein Großereignis ist immer eine Mischung aus
Überraschungen und Rennen, in denen sich doch wieder die Favoriten
durchsetzen.
Turin ist unerreichbar?
GIGER:Der Slalom am Ende war ein historisches Schiergebnis, und es
ist trotzdem irgendwie untergegangen im Doping-Wahnsinn. Wir haben 8
von 15 möglichen Medaillen geholt, das waren Megaspiele. So etwas
wieder anzupeilen, ist unrealistisch. 2002 und 2006 haben wir vor den
Spielen circa 50 Prozent der Rennen gewonnen und 40 Prozent der
Stockerlplätze geholt. Jetzt halten wir bei einem Schnitt von jeweils
30 Prozent. Das ist gut, aber nicht so stark wie bei meinen
vorangegangenen Spielen als Cheftrainer.


















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