Anleitung zum Schifliegen: "Ein genialer Wahnsinn"
Für Normalsterbliche sind Sprungschanzen tabu. Wie fühlt es sich an, vom Kulm zu springen? Martin Koch nahm die Kleine Zeitung mit auf den Bakken.

Foto © GEPAMartin Koch zeigt, wie's geht...
Der Trip dauert etwa sieben Sekunden und davor das Wort "Horror" zu setzen, wäre wohl nicht ganz falsch. Während Normalsterbliche schon den Sprung von einer Normal- oder Großschanze nicht überleben würden, nähern sich selbst die ÖSV-Adler den großen Schiflug-Schanzen wie der am Kulm mit einer gehörigen Portion Respekt: "Man ist doppelt so lange in der Luft und fliegt mehr als ein Drittel weiter - es ist ein ganz besonderes Gefühl", sagt Martin Koch, der passionierteste "Flieger" im österreichischen Nationalteam und amtierender Schiflug-Vizeweltmeister.
1. Die Vorbereitung. Der Puls schnellt in den letzten Minuten vor dem Sprung auf 140 Schläge hoch, zwei Minuten vor dem Start machen sich Koch & Co. "sprungfertig" - die Verbindung Schuh - Schi wird noch einmal geprüft. Die zwölf Zentimeter breiten und rund 2,70 Meter langen "Latten" werden parallel zum Absprungbalken in Position gebracht.
2. Der Anlauf. Eine Ampel zeigt dem Springer ein zehnsekündiges Zeitfenster an, in dem er den Sprung einleiten muss - sonst droht die Disqualifikation. Dann der Abstoß: "Die Beschleunigung ist ein Wahnsinn, du bist in drei Sekunden von null auf hundert, schneller als die meisten Sportautos. Einen Untrainierten würde es praktisch gleich zerbröseln, weil die Oberschenkel den Druck des Schanzenradius nicht standhalten können", sagt Koch über den Kulm.
3. Der Absprung. Noch extremer, noch schwieriger als auf einer Sprungschanze. Geschwindigkeit und G-Belastung zwingen den Springer in die Knie - reine Muskelkraft arbeitet dagegen, oder in den Worten Kochs: "Bewusst nimmst du da nichts mehr wahr - es ist ein automatisierter Ablauf: Du spürst den Druck der im Radius immer größer wird und merkst wie es zum Schanzentisch hingeht. Die Augen sind viel zu langsam für das was um dich herum passiert - aber Kopf und Instinkt sagen dir am Schanzentisch: Jetzt springen!"
4. Der Flug. "Einen richtig geilen, perfekten Sprung merkst du sofort. Es ist so als würdest du auf einem großen Luftpolster dahinschweben. Schifliegen ist da mit dem Springen nicht zu vergleichen - du bist ja sieben, acht Sekunden in der Luft. Wenn alles stimmt, reitest du die perfekte Welle - so als würdest du mit dem Snowboard einen Tiefschneehang hinunterfahren." Aus den 100 km/h werden im über 200 Meter weiten Flug 130.
5. Die Landung. "Eigentlich ist es ja eine kontrollierte Kollision mit dem Aufsprunghügel. Sowohl im Flug als auch am Boden sind die Arme dein wichtigste Werkzeug, um deinen Körper auszubalancieren. Wenn du bei 130 einen Fehler bei der Landung machst, kannst dir gratulieren. Du bist gerade über 200 Meter geflogen und federst dann dein ganzes Gewicht mit einem Bein und Telemark ab - ein Wahnsinn. Aber ein genialer Wahnsinn."















