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Zuletzt aktualisiert: 22.11.2008 um 18:56 UhrKommentare

Herrn Morgensterns Gespür für Schnee

Thomas Morgenstern (22) plaudert über seine überwundene Angst vor Haien, zu vielen Kilos, Doping und einen Sprung in New York.

THomas Morgenstern

Foto © GEPATHomas Morgenstern

Das beinharte Trainingsprogramm, der Sommer-GP, dazu noch den Flug- und den Tauchschein "abgeholt" - es hat den Anschein, als wäre Ihnen in den letzten Monaten alles andere als langweilig gewesen.
Thomas Morgenstern: (lacht) Das kann man so sagen. Vor allem der Pilotenschein war eine Vision, die ich von kleinauf hatte und mir unbedingt erfüllen wollte. Fliegen hat mir - no, na, net - immer schon extremen Spaß gemacht.

Kann man da auch Parallelen zum Schispringen finden?
Morgenstern: Auf alle Fälle. Auch, weil es ebenfalls ein Erlebnis ist, das nicht viele Leute kennenlernen dürfen. Es ist spannend, einmal länger als sechs bis sieben Sekunden in der Luft zu schweben. Und ich wollte schon immer probieren, wie es ist, mit Hilfsmitteln zu fliegen.

So gesehen wandeln sie jetzt auf den Spuren von Niki Lauda und Armin Kogler, die ja beide sogar Passagiermaschinen steuern. Ist das auch eine Ihrer Visionen?
Morgenstern: Na ja, jetzt habe ich erstmal den Privatpilotenschein mit Sichtflug bis 2,5 Tonnen. Aber ich möchte mich nebenbei weiterentwickeln und irgendwann mit dem Flieger eins sein. Eben so wie beim Autofahren. Habe ich das geschafft, kann ich mich größeren Fliegern widmen.

Und wie steht's mit dem Tauchen - können Sie da auch etwas auf die Schanze mitnehmen?
Morgenstern: Na ja, es ist eben auch eine ganz eigene Welt. Die Geräusche sind anders, dazu das graziöse Bewegen der Fische. Ich hab' übrigens auch einen Hai gesehen und meine Angst vor ihnen überwunden. Wenn du den Big Boss siehst und er so majestätisch dahin gleitet - das beeindruckt extrem. Und aus seinen Bewegungen kann man auch etwas mit in die Luft nehmen.

So gesehen sind Sie jetzt ein Wesen der Elemente . . .
Morgenstern: (grinst) Ja, ich bin in der Luft, auf der Erde und im Wasser unterwegs. Fehlt mir eigentlich nur noch das Feuer.

Saison-Einstimmung im heißen Ägypten - wodurch kann da ein Schispringer profitieren?
Morgenstern: Für uns ist es die genialste Vorbereitung, die man machen kann. Denn in Europa kann man eh fast noch nirgends springen - und auf die 15 Trainingssprünge mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an.

Können Sie sich vorstellen, Ihren Lebensabend in einem Land zu verbringen, wo Schnee ein Fremdwort ist?
Morgenstern: Was in 50 Jahren sein wird, weiß ich nicht, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Ich bin sehr heimatverbunden und brauche den Schnee. Ich freue mich schon auf den nächstwöchigen Saisonstart in Kuusamo und die minus 20 Grad dort. Mir taugt es, wenn in der Nase der Schleim vor lauter Kälte einfriert.

Sie sind Doppel-Olympiasieger, Team-Weltmeister und Gesamt-Weltcupsieger - was kann man sich da für einen Saisonstart noch vornehmen?
Morgenstern: Mein Ziel lautet heuer ganz klar die WM in Liberec. Dort steht meine Lieblingsschanze, wo ich meinen ersten Weltcupsieg gefeiert habe - und dort will ich Gold im Einzel holen. Das fehlt mir ja noch. Natürlich wäre auch ein Tourneesieg toll, aber ich habe gelernt, mir immer nur ein Ziel zu setzen. Und das hat bisher auch gut geklappt.

Abgesehen von Ihrem Schiwechsel, hat sich sonst noch etwas an Ihrer Vorbereitung geändert?
Morgenstern: Nicht wirklich. Neben Trainingssprüngen und Gewichtheben bis zum Umfallen lag das Hauptaugenmerk auf dem mentalen Bereich - da ist noch am meisten Potenzial vorhanden. Aber im Endeffekt muss das Gesamtpaket passen.

Zu Beginn der letzten Saison haben Sie sechs Siege en suite gefeiert - war das einmalig?
Morgenstern: Das denke ich nicht. Ahonen hat öfter große Serien hingelegt. Ich bin erst 22 Jahre und hab' noch lange Zeit, das zu wiederholen.

Die größte Konkurrenz scheint heuer aus dem eigenen Lager zu kommen. Wie ist Ihr Verhältnis zu Gregor Schlierenzauer?
Morgenstern: Wir sind in einem Team, wir verstehen uns gut. Und er wird heuer sehr gefährlich - das hat der Schlieri schon mit seinem Sieg beim Sommer-GP, wo er mit Abstand der Beste war, bewiesen.

Belastet Sie die Gefahr, dass Ihnen ein Konkurrent aus den eigenen Reihen den Rang im Rampenlicht ablaufen könnte?
Morgenstern: Im Gegenteil, es wäre gut und wichtig, wenn er aus den eigenen Reihen kommen würde. Denn ihn kann ich tagtäglich beim Training beobachten, was er anders macht als ich und mich danach orientieren. Aber mein Ziel ist es, der Beste zu sein. Bin ich das nicht, muss ich weiterarbeiten, bis ich ihn schlage. Da ist es egal, ob er ein Teamkollege ist oder nicht.

Wenn Sie etwas im Schisprung-Sport verändern könnten, was wäre das?
Morgenstern: (schmunzelt) Ich würde den Body Mass Index weiter nach oben schrauben. Denn mit dem Gewicht habe ich immer ein bisschen Probleme, da sind meist zwei, drei Kilo zu viel da. Aber ansonsten ist alles perfekt - der Sport hat sich in den letzten Jahren genial weiterentwickelt.

Welcher wäre der schrägste Ort, wo Sie gerne einmal springen würden? Vielleicht der New Yorker Times Square?
Morgenstern: Wenn es in New York gehen würde, wäre ich sofort dabei. Das wäre sicher geil. Aber es gibt ja bereits Pläne, dass künftig in Moskau, in der Türkei und in den Arabischen Emiraten gesprungen werden soll. Wann diese in die Realität umgesetzt werden, weiß ich aber nicht.

Das leidige Thema Doping - macht das im Schispringen überhaupt Sinn?
Morgenstern: Ich bin froh, eine Sportart auszuüben, wo Doping hundertprozentig keine Rolle spielt. EPO würde bei uns höchstens in Bischofshofen helfen, weil dort der Weg zum Schanzenturm so lang und anstrengend ist.

Der Dopingfall Bernhard Kohl hat Österreichs Sportwelt erschüttert - wie denken Sie darüber?
Morgenstern: Ich war enttäuscht, dass die Gedanken vieler Menschen bestätigt wurden. Erstmals hab ich heuer die Tour im Fernsehen verfolgt und hab mich für Kohl voll gefreut. Aber irgendwie ist es logisch: Du kannst nicht sechs Stunden am Rad sitzen und am nächsten Tag wieder dieselbe Leistung erbringen.

Was ist denn Ihr bestes Doping?
Morgenstern: (lacht laut) Red Bull natürlich! Und meine Familie und die Heimat.

Deutschlands Eishockey-Teamgoalie Robert Müller ist mit 28 unheilbar krank und weiß, dass er bald sterben muss - relativiert sich da nicht einiges?
Morgenstern: Auf alle Fälle. Vor kurzem erst ist ein Schulfreund von mir gestorben. Oft ärgere ich mich über schlechten Wind oder einen fünften Platz - aber wenn man solche Geschichten hört, merkt man, wie nebensächlich solche Dinge sind.

Spekulieren Sie neben Siegen auch mit Aktien, und hat Sie die Finanzkrise getroffen?
Morgenstern: Ein bisschen bin ich schon zum Opfer geworden. Aber ich mag nicht in Aktien anlegen, dieses Risiko gehe ich nicht ein. Ich muss ja sonst schon genug im Leben riskieren.

Dank Ihrer Erfolge haben Sie schon gut verdient - welchen Lebenstraum haben Sie sich damit schon erfüllt?
Morgenstern: Ein Traum ist es, ein Haus zu bauen. Und diesen werde ich mir demnächst in Seeboden erfüllen.

Und Ihr größter Traum?
MORGENSTERN: Glücklich sein und am Ende sagen zu können, dass ich das Leben perfekt genützt habe.

INTERVIEW: ALEXANDER TAGGER

Zur Person

Thomas Morgenstern

Geboren: 30. Oktober 1986
Wohnort: Seeboden
Größe/Gewicht: 1,84 m/66 kg
Familienstand: ledig, Freundin Kristina
Größte Erfolge, Olympia: Einzel- und Team-Gold 2006;
WM: 3 x Team-Gold 2005 und 2007 und Einzel-Bronze 2007;
Schiflug-WM: Team-Gold 2008;
Gesamtweltcup-Sieger 2007/08; Tournee-Zweiter 2007/08; 12 Weltcupsiege

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