"Behandlungsfehler": Details des Lanzinger-Gutachtens
Bernd Steckmeier, Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum München hat das Gutachten im Fall Matthias Lanzinger erstellt. Seiner Meinung nach hätte man bei optimalen Verlauf das Bein retten können.

Foto © GEPAMIt dem Ackja wurde Matthias Lanzinger zum Hubschrauber gebracht
Matthias Lanzinger ist nach seiner Überstellung in die Universitätsklinik Ulleval in Oslo nicht den Regeln der ärztlichen Kunst entsprechend versorgt worden. Zu diesem Schluss kommt Bernd Steckmeier, Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum München, in einem 54 Seiten starken Gutachten.
Organisationsverschulden. Steckmeier zeigt darin Versäumnisse und Verwechslungen vor bzw. bei den ersten operativen Eingriffen in Norwegen auf. Sein Fazit: "Es liegt ein Behandlungsfehler vor." Aufseiten des Veranstalters sieht der Sachverständige ein "Organisationsverschulden": Es hätte nicht passieren dürfen, dass Lanzinger zuerst ins Spital nach Lillehammer gebracht wurde, wo keine Möglichkeit zu einer adäquaten gefäßchirurgischen Behandlung gegeben war. Dabei war bei einem Meeting unmittelbar vor den Weltcup-Rennen in Kvitfjell dieses Spital als Krankenhaus der Versorgungsstufe 1 ausgewiesen worden, was gemäß den europäischen Standards die Möglichkeit einer gefäßchirurgischen Intervention miteinschließen hätte müssen.
Nicht fachgerecht. Nach mehreren mehrstündigen Operationen war dem 27-jährigen Sportler der linke Unterschenkel amputiert worden. Die zuvor durchgeführten gefäßchirurgischen Eingriffe in Oslo beschreibt Steckmeier als nicht fachgerecht. Er bemängelt, dass vor der ersten Operation von einer Angiographie (Darstellung von Blutgefäßen, Anm.) Abstand genommen wurde, weshalb nicht erkannt worden sei, an welches Gefäß der Bypass überhaupt angelegt wurde. Während laut OP-Bericht der primäre Bypass im Bereich der hinteren Schienbeinschlagader gelegt worden sein soll, wurde dieser in Wahrheit an der Wadenbeinschlagader angebracht.
Fehler. Für Steckmeier ist das ein eindeutiger Fehler der norwegischen Ärzte, da die Wadenbeinschlagader weniger zur Blutversorgung des Fußes beitrage als jene am Schienbein und diese daher erst bei Ausschluss anderer Bypassmöglichkeiten herangezogen wird: "Schon aufgrund dessen muss festgehalten werden, dass der gefäßchirurgische Eingriff nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt wurde." Der österreichische Gefäßchirurg Thomas Hölzenbein wurde nach Norwegen geflogen, wo er 31 Stunden nach dem Sturz eine weitere Operation in die Wege leitete, wobei nun erstmals eine Angiographie zum Einsatz kam. Er legte in einem fast vierstündigen Eingriff einen sogenannten Non-reversed-Bypass an der Scheinbeinschlagader. Aber auch diese Behandlungsmethode kam zu spät.
Vermeidbar? Zur Frage, ob die Amputation bei ordnungsgemäßer Behandlung vermeidbar gewesen wäre, räumt Steckmeier zwar ein, beim Patienten habe bereits ein fortgeschrittenes und ausgedehntes Unterschenkeltrauma mit Verletzung aller dreier Unterschenkelgefäße vorgelegen. Der renommierte Gefäßchirurg betont allerdings: "Die Möglichkeiten eines Extremitätenerhalts wurden unnötigerweise durch die verlängerte Ischämiezeit (Zeit ohne Blutversorgung, Anm.) und aus meiner Sicht fehlerhaften Durchführung der primären Bypassanlage wesentlich vermindert."
Nach Amputation
Amputation
Matthias Lanzinger musste im vergangenen März nach einem schweren Sturz beim Super G in Kvitfjell (Norwegen) der linke Unterschenkel amputiert werden.
Lanzinger hatte bei seinem Sturz einen offenen Schien- und Wadenbeinbruch sowie Gefäßverletzungen erlitten.
















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