Auch im Sommer haben wir Winter
Ist es wirklich nur das ambivalente Verhältnis zwischen Sommer- und Wintersport, warum Österreich aus London ohne Olympia-Medaille zurückkommt?

Foto © GEPA, APA
"Unsere Erfolge bei den Spielen können uns helfen, den Schulsport zu retten", hat "Daily Mail" vergangenen Montag groß getitelt und damit bereits zu Beginn der zweiten Olympia-Woche eine landesweite Diskussion über eine angeblich dringend notwendige Reform des englischen Schulsportsystems losgetreten.
Lord Moynihans, Vorsitzender des britischen Olympia-Verbandes, klagt, dass rund die Hälfte der Olympia-Sieger Absolventen teurer Privatschulen seien. Premierminister David Cameron wirft den Lehrern "Unwilligkeit" vor. Und sein konservativer Parteikollege, Londons bisweilen eigenwilliger Bürgermeister Boris Johnson, fordert nun gar an englischen Schulen zwei Turnstunden. Täglich.
Jetzt ist es aber nicht so, dass das Gastgeberland auf ein sportliches Fiasko zusteuern würde. Großbritanniens "Team GB" wird Olympia kommende Nacht auf Rang drei der Medaillenrangliste beenden. Dank der mehr als zwei Dutzend Goldmedaillen sogar vor Russland. Österreich kommt aus London 2012 mit leeren Händen nach Hause. Ohne Medaille. Als einziges von nur drei EU-Ländern. Neben Luxemburg und neben Malta.
Früh übt sich
Vergleiche mögen hinken. Aber sie drängen sich auf. Österreich hat eine Gesamtfläche von 83.000 Quadratkilometern und 8,45 Millionen Einwohner. Auf der Karibikinsel Jamaika leben 2,8 Millionen Menschen, sie ist 11.000 Quadratkilometer klein. Jamaika gewinnt ein Dutzend Medaillen. Usain Bolt & Co. laufen nach Belieben zu Olympia-Siegen.
"Unsere Stärke beginnt im Kindersport", sagt Usain Bolt. "Wir haben die Champs in Kingston Town." Die "Champs", das ist eine Art Bundesfinale, in dem sich Jamaikas Kinder vor den Augen von Scouts und Trainern messen. Die besten von ihnen bekommen Stipendien und Plätze in Trainingsgruppen. Usain Bolt versucht, zu Hause seine Vorbildrolle zu leben. Und er sagt, dass die Kräfte auf Jamaika gebündelt werden. "Die Leichtathletik hat so viele Bewerbe. Und wir konzentrieren uns einfach nur auf den Sprint."
Als Usain Bolt heute vor einer Woche im 100-Meter-Sprint zu seinem zweiten Olympia-Sieg - nach Peking 2008 - "geflogen" ist, hat die "New York Times" in einem virtuellen Video alle Medaillengewinner über 100 Meter seit den Anfängen der Spiele in Athen 1896 gegeneinander laufen lassen. Auch ein Vergleich zum US-Nachwuchs wurde gezogen. Die Bestzeit der Achtjährigen steht in den USA bei 13,46 Sekunden. 16-Jährige laufen die 100 Meter bereits in 10,2. Österreichs Saisonbestmarke ist Ryan Moseley in 10,55 Sekunden gelaufen. Er ist auf Barbados geboren und eingebürgert.
Ganzjährig Winter
Aber vielleicht ist es tatsächlich das ambivalente Verhältnis von Sommer- und Wintersport in Österreich. Der Gastgarten vor dem "Austria House Tirol" im altehrwürdigen Trinity House, nahe der Tower Bridge, ist mit Plakaten von verschneiten Bergen umhüllt. Vor dem Haus steht eine Sesselliftgondel, Gäste können sich im Skigewand und mit alten Holzbrettern fotografieren lassen, sogar künstlicher Schnee fiel herunter. Gefeiert wurden ehemalige Ski-Olympiasieger, die mit dem Rad nach London gefahren waren. Zu Gast waren Niki Hosp, Skisprung-Clown Eddie The Eagle. Und das größte Tamtam gab es beim Besuch von Hermann Maier himself.
Paul Schauer, Präsident des Schwimmverbandes (OSV) und einer der mächtigsten Sportfunktionäre Österreichs, hat das Debakel kommen sehen und zog einen Vergleich mit dem Winter und Sarajevo 1984, als Jimmy Steiner in der Herren-Abfahrt für Österreich eine einzige Medaille gewonnen hat. "Dann ist der Peter (Schröcksnadel, Anm.) gekommen und er hat dem Sport eine Struktur gegeben", sagte Schauer in London.
Vielleicht ist Verteidigungsminister Norbert Darabos auch deshalb auf die Schnapsidee gekommen, Peter Schröcksnadel, Präsident des Skiverbandes (ÖSV), als Vorsitzenden für eine geplante "Arbeitsgruppe Sommersport" vorzuschlagen. Peter Schröcksnadel, inzwischen 71, hat abgewunken. Er konzentriere sich, wie könnte es anders sein, auf die bevorstehende Ski-WM 2013 in Schladming.
Wenig Interesse
Im Mai 2009 wurde auf Initiative von Darabos eine "Task Force Sportler für den Sport" ins Leben gerufen. Mit dem Beachvolleyballer Nik Berger an der Spitze waren anfangs 44 Sportler dabei. Bei der zweiten Runde war es nur noch die Hälfte, bei der dritten ein Dutzend.
"Die Gesellschaft muss sich in einem Diskurs zuerst fragen, welche Art von Spitzensport sie haben will. Welches Personal brauchen wir? Welche Chancen bieten wir den Athleten? Was kosten diese Modelle?", sagte Sportsoziologe Eike Emrich der "Frankfurter Allgemeinen" zu Strukturproblemen im deutschen Sport. Deutschland hält in London bei über 40 Medaillen.














