Sumann: "Einmal der Gigl, einmal der Gogl"
Christoph Sumann spricht nach Olympiasilber über Höhen und Tiefen und seine ganz persönliche Versöhnung mit Olympia.

Foto © GEPAChristoph Sumann
Eine Olympia-Silbermedaille im Biathlon für Österreich – hatten Sie selbst schon Zeit, das zu verarbeiten?
CHRISTOPH SUMANN: Nein, nicht wirklich. Eine Medaille ist Stress, angenehmer Stress. Aber zum Glück steckt man in diesem Zustand einiges weg, der Adrenalin-Spiegel ist so hoch, dass man wie auf einer Wolke schwebt. Genießen kann ich es noch nicht, aber die Zeit wird kommen. Zum Glück steht bei der Dopingkontrolle ein Computer. Da habe ich einmal durchgeklickt, wie so die Resonanz zu Hause ist.
Was waren die ersten Gedanken im Ziel?
SUMANN: Gar nichts. Oder besser: Das kann man nicht beschreiben, das ist Emotion pur. Das sind Eindrücke, die von überall her auf einen einstürzen. Ich hab' die ganze letzte Runde genossen, ich bin als Dritter vom letzten Schießen weg, habe mich umgedreht und gewusst: Das geht sich aus. Dann habe ich auch noch den Franzosen vor mir gesehen, der Abstand wurde geringer, ich bin hin und vorbei. Und ich habe mir kurz gedacht: Olympia-Bronze (Salt Lake City 2002 durch Wolfgang Perner, Anm.) haben wir schon, also muss es Silber werden.
Ihre Familie ist in Kanada – war aber trotzdem nicht bei ihrem Triumph dabei.
SUMANN: Ja, die Kleine war nicht ganz fit, deshalb habe ich zu meiner Frau gesagt: Komm' am Donnerstag. Ein schwerer Fehler, das habe ich ihr auch via TV ausgerichtet. Aber sie hat das Rennen ja nicht einmal im Fernsehen gesehen, weil es nicht übertragen wurde.
Und was haben Sie ihr dann als Erstes gesagt?
SUMANN: Sie war sprachlos. Und ich hatte ihr versprochen, dass ich nach dem Rennen zu ihr ins Quartier komme. Deshalb habe ich nur gesagt: Du, es wird a bisserl später werden (lacht). .
Was heißt die Medaille für das österreichische Biathlon, das vor vier Jahren am Tiefpunkt war?
SUMANN: Ich habe im Vorfeld gesagt: Hoffentlich geht das österreichische Biathlon-Märchen weiter. Und es geht weiter. Jetzt haben wir den Fluch abgelegt, das Soll ist erfüllt, die eine Medaille, die wir uns vorgenommen haben, ist da. Auch die anderen waren sehr gut. Ich glaube, wir sind gut gerüstet und es sind ja noch drei Wettkämpfe ausständig mit allen Chancen. Das Einzel morgen wird sicher eine gute Geschichte, dann kommen die Bewerbe, wo wir letztes Jahr schon Erfolge gefeiert haben. Der Massenstart und die Staffel, der absolute Höhepunkt.
Bisher hatten Sie ein gestörtes Verhältnis zu Olympia Ist das jetzt anders?
SUMANN: Ja, ich bin versöhnt. Ehrlich, ich bin mit Vorbehalten hergeflogen. Aber der Olympic Spirit, der ist diesmal definitiv zu spüren. Das Olympische Dorf, die Eröffnungsfeier – ja, es ist was Besonderes. Oder die Siegerehrung: Wenn die Fahne so aufgeht vor dir, dann musst' aufpassen, dass dir kein Achterl abgeht in die Hose
Sie sind ein absoluter Sympathieträger. Haben Sie dafür eine Erklärung?
SUMANN: Vielleicht liegt es daran, dass ich sehr viele Ups and Downs hatte. Ich war einmal der Gigl, einmal der Gogl. Und ich bin ein sehr emotionaler Typ, das sieht man auch bei den Rennen. Aber Emotionen gehören zum Sport, machen ihn aus. Und ich zeige sie, im Ärger wie in der Freude. Vielleicht ist das der Grund, warum mir einige die Medaille gönnen.
Ist diese Medaille auch eine Art Genugtuung?
SUMANN: Für mich ist wichtig, dass ich vor zwei Jahren nicht aufgehört habe, da war ich unten. Aber ich habe einen Neustart probiert, mich mit Hilfe von Freunden und Teamkollegen und Familie aufgerafft und gesagt: So kann es nicht enden. Dafür habe ich zu viel Zeit und Energie und Herzensfreude investiert. Und ich habe die Kurve gekriegt, den Neustart geschafft. Was mich freut: Dass ich es geschafft habe, auf den Punkt das zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe.
Welchen Anteil daran hat Ihr Trainer Reinhard Gössweiner?
SUMANN: Einen riesigen. Er hat mich vom Nullpunkt weg wieder dorthin geführt, wo ich jetzt bin. Wir haben alles geändert, er hat mir den Lebensatem wieder eingehaucht, den Willen, den Kampfgeist.
Wo verbrachte die Medaille die Nacht?
SUMANN: Nicht am Hals. Die ist so schwer, da hätte ich mich nicht umdrehen können. Und ich bin kein Trophäensammler, auch wenn diese diese Medaille einen sehr großen Wert hat. Aber dass ich mich tagelang ohne zu waschen mit der Medaille herumschlagen würde, das bin ich nicht.
Kann man die Medaille mit WM-Silber im Vorjahr vergleichen?
SUMANN: Sie ist eine Stufe drüber. Olympia ist was anderes, das ist Mythos. Das hat einen noch größeren Wert. Olympia ist ein Event von Weltformat. Das kann man nicht vergleichen mit einer Biathlon-WM in Pyeongchang, wo zwei Hansl'n auf der Tribüne sitzen. Aber es überrascht mich doch, welcher Aufruhr hier herrscht. Und: Man sollte zwei Medaillen nicht miteinander vergleichen.
Haben Sie auch darüber nachgedacht, dass bei einem Schießfehler weniger auch Gold möglich gewesen wäre?
SUMANN: Das "Wenn ich, hätt ich, sollt ich" hat im Biathlon nichts verloren. Sicher: Die Chance auf Gold war da, aber die hätten andere ohne Fehler ja auch gehabt.
Gibt es einen Unterschied zum Weltcup?
SUMANN: Wenn ich beim Weltcup unterwegs bin und gewinne, dann habe ich gewonnen. Dann ist es nicht so sehr die Fahne. Aber Olympia ist im Interesse von Österreich. Ich hätte es mir selbst nicht gedacht, aber du stehst dann als Österreicher da, für das Land. Und das ist ein angenehmes Gefühl.
INTERVIEW: MICHAEL SCHUEN, ROLAND VIELHABER, WHISTLER
Features
Die Medaillengewinner
GOLD: Björn Ferry (SWE)
SILBER: Christoph Sumann (AUT)
BRONZE: Vincent Jay (FRA)
Reaktionen
Reinhard Gösweiner (ÖSV-Trainer): "Ein Traum. Ich hätte nicht geglaubt, dass sich das noch ausgeht. Wir haben gezeigt, dass wir zurückschlagen können und dass unsere Athleten sehr stark sind. Unsere Devise war es, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern nach vorne zu schauen. Das ist der Lohn für alle Mühen. Ich bin einfach überglücklich."
Dominik Landertinger (ÖSV-Teamkollege, 14. in der Verfolgung): "Ich weiß, wie hart er gearbeitet hat und wie oft er nach Niederlagen wieder aufgestanden ist. Ich freue mich sehr für ihn."
















