"Ich werde mein Land stolz machen"
Martine Wiltshire (39) überlebte den Terroranschlag von London 2005 nur knapp, ihr mussten beide Beine amputiert werden. Sieben Jahre später erfüllt sich ihr Traum von den Paralympics.

Foto © KKInspirierende Frau: Martine Wiltshire hat sich dem Schicksal gestellt
Da war ein heller Blitz. Und Martine Wright fühlte, wie sie durch die Luft geschleudert wurde. Tags zuvor, am 6. Juli 2005, hatte sie mit Freunden noch gemeinsam verfolgt, wie London die Olympischen und Paralympischen Spiele 2012 zugesprochen bekommen hatte. Es war nicht der Grund, warum sie an diesem Tag, dem 7. Juli, rund 20 Minuten zu spät dran war. Doch sie entschied sich, diesmal nicht den Zug, sondern die U-Bahn, die "Circle Line" zu nehmen. Genau jenen Waggon, in dem sich kurz darauf ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte; einer von vier. Sie rissen nicht nur sich selbst, sondern 52 weitere Menschen an diesem Tag in London mit in den Tod. Martine Wright überlebte. Sie war die Letzte, die gerettet wurde - und wäre nicht eine Polizeibeamtin außer Dienst bei ihr gewesen, die ihr die abgetrennten Beinstümpfe abgebunden hätte, sie wäre Nummer 53 gewesen. Sie hatte 75 Prozent ihres Blutes verloren. Als sie, noch eingeklemmt unter Trümmern, die Augen öffnete, sah sie zunächst einen Schuh, der im Metall steckte - es war ihr eigener. Im Krankenhaus lag sie zehn Tage im Koma, ihr Körper war auf die doppelte Größe angeschwollen, nicht einmal ihre Geschwister erkannten sie - sie sagten zur Polizei, dass das nicht ihre Schwester wäre.
Martine, heute 39 Jahre alt, kämpfte. Sie überlebte und lernte, ohne ihre ab dem Knie abgenommenen Beine zu leben. Sie lernte zu gehen, sie lernte sogar, ein Flugzeug zu fliegen, sie lernte Fallschirmspringen, sie heiratete ihren Freund und heißt seither Martine Wiltshire, wurde Mutter eines Sohnes. Doch der passionierten Athletin, die zuvor Hockey gespielt hatte, fehlte etwas: der Sport. "Ich wollte die Konkurrenz spüren, die ich kannte - und das Gefühl von Erfolg."
Sitz-Volleyball
Rollstuhl-Tennis sollte es zunächst sein, doch dann wurde Wiltshire auf einen neuen Sport aufmerksam: Sitz-Volleyball. Ein Sport, in dem man den Rollstuhl beiseitelassen kann, ebenso die Prothesen. "Wir rutschen auf dem Hintern über den Boden", sagt Wiltshire und scherzt: "Böse Zungen behaupten, dass der Boden nach den Spielen glüht, weil er so heiß vom Herumrutschen ist." Wiltshire arbeitete und kämpfte - so, wie sie es immer getan hat. Sie war an der Spitze, als die Familien und Opfer der Anschläge, kurz 7/7 genannt, an die Öffentlichkeit gingen - und das schon im Jahr 2006. Sie wurde 2010 in Hertfordshire zur Sportlerin des Jahres gewählt, in diesem Jahr verlieh ihr ein Magazin sogar den Titel der "inspirierendsten Frau des Jahres".
Ihr größter Stolz war es bisher, ein Flugzeug geflogen zu haben. Das könnte sich mit der Eröffnung der Paralympics gestern Abend ändern. "Wenn mir vor sieben Jahren jemand gesagt hätte, dass ich bei der größten Show der Welt dabei sein würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt", sagte Wiltshire vor einigen Wochen - noch ehe die Nominierung klar war - und ergänzte: "Aber ich habe beschlossen, die Welle zu nutzen. Wer weiß schon, was morgen kommt?"
Die Nummer 7
Es kam zumindest der Tag, an dem die Nominierung fix war. Martine Wiltshire ist Teil des Teams. "Ich habe immer geträumt, ein Teil von diesem Team zu sein. Es ist das größte Sportereignis der Welt, in meiner Stadt. Jetzt, da ich es bin, werde ich dorthin gehen und mein Land stolz auf mich machen."
Sie wird das mit der Nummer 7 auf ihrem Trikot machen. Im Gedenken an den 7. Juli - jenen Tag, der ihr Leben veränderte. Kurz, nachdem sie in der Zeitung noch einmal über die Olympia-Vergabe an London las - und sich gerade überlegte, wie sie wohl an Karten kommen könnte.










