Das doppelte Handicap
Ab heute kämpfen rund 4.200 Sportler mit Behinderung - 32 aus Österreich - bei den Paralympischen Spielen in London in 20 Sportarten um Gold. Doch viele der Medaillenentscheidungen sind bereits im Vorfeld beeinflusst worden. Von Thomas Huber.

Foto © APDie Teilnehmer der Paralympics wollen aus dem Schatten von Olympia heraus
Der eine ist mehrfacher Weltmeister im Speerwerfen, der andere Paralympics-Sieger über 1500 Meter und im Marathon. Dennoch dürfen der blinde Bil Marinkovic und der querschnittgelähmte Thomas Geierspichler bei den heute startenden Paralympics in London nicht in ihren Paradedisziplinen antreten - weil diese nicht mehr auf dem offiziellen Wettkampfplan stehen. Ein Schicksal, das nicht nur die beiden Österreicher trifft.
Weniger Klassen, mehr Öffentlichkeit
Alle vier Jahre legt das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die Behindertenklassen vor den Sommerspielen zusammen und streicht Disziplinen. Auch diesmal. "Die Klassen werden reduziert, um dafür mehr Öffentlichkeit zu erreichen - eine schwierige Problematik", gesteht Werner Simlinger vom Österreichischen Paralympischen Komitee (ÖPC). Auch die Kosten spielen eine Rolle. "Bei den Paralympics sind mittlerweile beachtliche Summen im Spiel. Viele Disziplinen werden aus finanziellen Gründen gestrichen", sagt Heinz Zwerina vom österreichischen Behindertensportverband im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Jeder Wettkampftag und jede Sportstätte kosten den Veranstalter Geld. Das Duell lautet: sportliche Fairness gegen voranschreitenden Kommerz - eine Gratwanderung, bei der ein Kompromiss laut Zwerina aufgrund der zahlreichen Interessen immer schwieriger werde.
Viele Athleten fallen dabei durch den Rost und sehen ihre Medaillenchancen aufgrund der Klassifizierungspolitik minimiert. "Es werden Gute und Schlechte zusammengemischt. Schwerbehinderte müssen jetzt gegen leichter Behinderte kämpfen. Das ist ungerecht", spricht Geierspichler Klartext. Seit 14 Jahren trainiert Österreichs erfolgreichster Rollstuhl-Leichtathlet auf den Langstrecken und im Marathon. Eineinhalb Jahre vor den Paralympics 2012 hat er erfahren, dass es in London nur Wettbewerbe über die Kurzdistanz geben wird. "Das ist Wahnsinn", ärgert sich Geierspichler über das IPC - und sein doppeltes Handicap.
"Eine eigene Wissenschaft"
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Foto vergrößernVor allem die Schwimmer müssen sich zur Klassifizierung genau vermessen lassenFoto © AP
"Ich finde das nicht gut", hält auch Zwerina wenig von dieser Entwicklung. Der Arzt des österreichischen Behindertensportverbandes ist seit den Paralympics 1992 in Barcelona ehrenamtlich als sogenannter Klassifizierer im Einsatz. Mit einem Team aus Fachleuten teilt er Athleten aus aller Welt je nach Handicap sechs Haupt- und etlichen Unterklassen (siehe Infoxbox rechts) zu - ein aufwändiger Prozess, der bis spätestens sechs Wochen vor Beginn der Paralympics abgeschlossen sein muss und größtmögliche Gerechtigkeit garantieren soll. "Die Klassifzierung ist eine eigene Wissenschaft für sich", gibt Zwerina zu. "Früher wurde darauf geschaut, was der Athlet hat. Heute muss darauf geschaut werden, was er in Bezug auf eine bestimmte Sportart hat." Diese funktionelle Beurteilung mache die Einteilung immer komplexer. Bei beispielsweise drei Blindenklassen, acht Cerebralparetiker (u.a. Spastiker), fünf Amputierten- und "Les Autres"-Klassen sowie acht Querschnittgelähmten-Klassen allein in der Leichtathletik blicken selbst Trainer oft nicht mehr durch.
Dass in vereinzelten Sportarten auch ein Punktesystem zum Einsatz kommt, macht die Sache nicht übersichtlicher. Im Rollstuhl-Basketball bekommen die Athleten etwa von den Klassifizierern je nach Einschränkung Punkte von 1 bis 4,5 zugewiesen. Auch Leicht- und Nichtbehinderte dürfen teilnehmen, kassieren aber die meisten Bewertungspunkte - und das fünfköpfige Team darf 14 Punkte nicht überschreiten. Die Konsequenz: Beim Basketball kommen zwangsläufig nicht die besten Spieler ins Nationalteam, warnt der deutsche Klassifizierungsexperte Ralf Otto im Berliner "Tagesspiegel".
Behinderungen vorgetäuscht
Ein Skandal im Basketball war es auch, der die Lücken der Klassifizierung gnadenlos aufgedeckt hat: Bei den Paralympics 2000 in Sydney stellte sich im Nachhinein heraus, dass einige Sportler ihre geistige Behinderung nur vorgetäuscht hatten. Athleten mit geistiger Behinderung – egal welcher Sportart – durften daraufhin nicht mehr an den Paralympics teilnehmen. Erst heuer in London feiern sie ein Comeback.
302 Medaillenentscheidungen in 26 Sportarten waren es bei Olympia, 503 Medaillenentscheidungen in 20 Sportarten werden es in den kommenden elf Wettkampftagen bei den Paralympics in London sein. Doch schon vor offiziellem Startschuss sprechen Athleten aus vielen Nationen wegen der Klassenrationalisierung von den "ungerechtesten" Paralympics aller Zeiten – und fühlen sich durch Ralf Otto wohl bestätigt, der sagt: "50 Prozent der Medaillen werden auch am grünen Tisch gewonnen und nicht nur auf dem Trainingsplatz."
Features
Große Show zum Start
Daten & Fakten
Die Paralympischen Spiele in London (29. August bis 9. September) sind mit rund 4.200 Athleten aus 166 Nationen die zweitgrößte Sportveranstaltung weltweit. Die Organisatoren rechnen damit, dass die Paralympics (2,5 Millionen Tickets) zum ersten Mal ausverkauft sein werden.
Thomas Geierspichler
Die Klassifizierung
Um Vergleichbarkeit, Chancengleichheit und Spannung zu gewährleisten, sind die Athleten mit ihren unterschiedlichen Behinderungen in sechs Hauptklassen unterteilt: Amputiert, Cerebralparetiker, Sehbehinderte, Rollstuhlsportler, Kleinwüchsige und "Les Autres". Diese werden in Unterklassen weiter differenziert.
Die Klassifizierung erfolgt durch ausgebildete und geprüfte Klassifizierer. Die Einteilung in Klassen erfolgt durch verschiedene Prozesse: einerseits die physische und technische Überprüfung, andererseits die Untersuchung und Beobachtung der AthletInnen während und außerhalb von Wettbewerben.










