Schock nach tödlichem Rodel-Unfall
Der georgische Rodler Kumaritaschwili starb nach einem Trainings-Sturz im umstrittenen Eiskanal in Whistler - die gesamte Rodel-Familie ist zutiefst geschockt und stellt Geschwindigkeits-Rausch im Kufensport zur Diskussion.

Foto © Reuters
Die XXI. Olympischen Winterspiele sind wenige Stunden vor ihrer Eröffnung durch den Todesfall eines Athleten überschattet worden: Der 21-jährige Georgier Nodar Kumaritaschwili wurde nach einem Fahrfehler in der letzten Kurve mit mehr als 100 km/h aus der Bahn katapultiert und prallte gegen den ungesicherten Eisenpfeiler der Bahnüberdachung, der sich unmittelbar neben der Strecke befindet. Das Training wurde sofort nach dem Unfall abgebrochen. "Das Unfassbare ist passiert. Jetzt müssen wir alle diese Nachricht erst einmal verarbeiten", sagte ÖRV-Cheftrainer Rene Friedl mit Tränen in den Augen nach der Mannschaftsführersitzung, an deren Ende die Nachricht vom Tod des Georgiers bekanntwurde. Das georgische Team überlegte laut seiner Führung wegen dieser Tragödie einen Rückzug von den Spielen.
Schwer geschockt
Es war paradox: Auf einem TV-Flatscreen im Österreich-Haus begrüßten im Hintergrund zehntausende Kanadier im B.C. Place von Vancouver bei der Eröffnungsfeier der XXI. Olympischen Winterspiele die Sportwelt, im Vordergrund wurde ÖRV-Sportdirektor Markus Prock von Interview zu Interview gereicht. Der tragische und in dieser Form noch nie da gewesene tödliche Rodel-Unfall des lockte auch internationale TV-Sender ins Österreich-Haus, um den zehnfachen Weltcup-Gesamtsieger und sechsfachen Olympia-Teilnehmer zu befragen. Der Schock stand allen anwesenden Rodel-Funktionären ins Gesicht geschrieben. Neben Prock und Friedl auch ÖRV-Generalsekretär Christoph Schwaiger. Am traurigsten blickte aber Angelika Neuner drein. Die für den ORF als Fachkommentatorin angereiste Tirolerin, Olympia-Zweite 1992 und -Dritte 1994, konnte es kaum fassen, was an diesem schwarzen Tag der Olympia-Historie passiert war.
"Es ist eine ganz traurige Geschichte. Ich habe es gesehen, wie sie probiert haben, ihn zu reanimieren. Ich habe Gott sei Dank den Unfall nicht gesehen. Mir ist es sehr nahe gegangen", meinte Neuner. Traurig findet sie auch, in welche Richtung sich der Rodelsport entwickelt hat. "So etwas darf eigentlich nicht mehr passieren". Die Bahn im Whistler Sliding Centre sei zwar toll. "Es ist eigentlich eine schöne Bahn, nur halt leider mit kleinen Tücken". Nahe gegangen ist es freilich auch den ÖRV-Starterinnen Veronika Halder und Nina Reithmayer, die sich dann aber doch auch zwecks Ablenkung zur Teilnahme an der Eröffnungsfeier in Vancouver überreden ließen. "Ich weiß, dass Veronika den Unfall während des Krafttrainings mitverfolgt hat und sicher ziemlich schockiert war, ihr ist es sehr nahe gegangen. Aber die Trainer waren dann gleich da und haben mit ihnen geredet".
"Wirklich am Limit"
Bis Freitagabend Ortszeit war allerdings von einem Verzicht eines ÖRV-Sportlers auf ein Antreten nicht die Rede. Doch auch wenn die "Show weitergehen muss", das Gold des Siegers wird wohl nicht so glänzen wie sonst. "Mir tun die Sportler Leid", meint auch Neuner. "Ich glaube nicht, dass sich der Olympiasieger wirklich so voll freuen kann über den Sieg. Es hat alles einen Beigeschmack und es wird wohl eher die Erinnerung an den tragischen Unfall bleiben". Das "Höher, weiter, stärker (und schneller)" hat eben auch seine Grenzen. "Man sollte vielleicht nicht mehr solche Hochgeschwindigkeitsbahnen hinstellen. Das ist wirklich am Limit. Es war damals schon in Salt Lake City so, als sie gesagt haben, das ist eine Autobahn, das ist zu schnell", erinnert sich Neuner. Danach seien in Cesana und in der Nähe von Moskau wieder so schnelle Eiskanäle gebaut worden.
Besonders tragisch: Nach dem Geschwindigkeits-Weltrekord von Manuel Pfister mit 154 km/h war noch knapp 24 Stunden davor eine Diskussion gestartet worden, künftige Olympiabahnen langsamer zu machen. Der ÖRV-Sportdirektor Markus Prock kann seine Athleten trotz des tragischen Unfalls "mit ruhigem Gewissen runterschicken, aber wir haben es ihnen freigestellt zu starten". Es sei der erste tödliche Unfall im Rodelsport seit den sechziger Jahren gewesen, ein Risiko werde es immer geben. Die Geschwindigkeit sei grundsätzlich aber auch ihm zu viel. "Es wäre genug, wenn man 130 bis 135 kmh fährt", so Prock. Den Todessturz aber nur auf die Geschwindigkeit zu reduzieren, wäre zu einfach, denn auch mit 15 km/h weniger hätte der Unfall mit der Fahrlinie des Georgiers genauso enden können, glaubt der Tiroler.
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Kurzporträt
Der tödlich verunglückte Nodar Kumaritaschwili hatte sich zum ersten Mal für Olympische Winterspiele qualifiziert.
Erst zwei Wochen vor seinem tödlichen Unfall am Freitag löste er das Ticket für die Hochgeschwindigkeitsbahn von Whistler. Beim Weltcup-Finale auf der Olympia-Bahn im italienischen Cesana schaffte es der 21-Jährige auf den 28. Platz. In der Weltcup-Gesamtwertung erreichte Kumaritaschwili den 44. Rang.
Seit dem vorolympischen Winter war der junge Georgier aus der Stadt Borjomi meist im Nationen-Cup unterwegs.
Die Saison 2008/09 beendete Kumaritaschwili auf Platz 55. Bei den Winterspielen in Vancouver war er der zweite georgische Starter im Einsitzer neben Levan Gureshidze. Gureshidze war beim sechsten Trainingslauf unmittelbar vor seinem Landsmann gestartet.
Fakten zum olympischen Eiskanal in Whistler
Länge Herrenstrecke: 1.450 m, 16 Kurven
Höhendifferenz: 152 m (Start bei 939 m, niedrigster Punkt bei 787 m)
Geplante Höchstgeschwindigkeit (laut Weltverband): 137 km/h
Erreichte Höchstgeschwindigkeit: 154,00 km/h (Manuel Pfister/AUT im Training am Donnerstag)
Baugeginn 2005, Fertigstellung 2007
Baukosten: 104,9 Millionen kanadische Dollar (ca. 71 Mio. Euro)
Sportarten: Bob, Rodeln, Skeleton (insgesamt acht Entscheidungen)
Zuschauerkapazität: 12.000














