Geierspichler: "Behinderte sind keine Luschis"
Thomas Geierspichler sieht sein Paralympics-Gold als Auftrag, "die Gosch'n aufzureißen" und seine Rolle als Botschafter auszufüllen.

Foto © GEPAThomas Geierspichler
Es ist neun Uhr früh, der schmucke Hof in Anif bei Salzburg wirkt verschlafen. Thomas Geierspichler öffnet noch leicht verschlafen die Tür - und dennoch blitzen die blauen Augen schon voller Freude. Freude am Leben und Freude am Erfolg, den er am Mittwoch in Peking gefeiert hat: Er gewann Gold im Rollstuhl-Marathon - und das in neuer Weltrekordzeit.
Wie viel haben Sie eigentlich seit Ihrem Triumph geschlafen?
THOMAS GEIERSPICHLER: Nicht viel (lacht). Fünf Stunden vor dem Rennen, weil ich da nicht konnte. Danach ging's acht Stunden durch, dann drei Stunden am Zimmer, dann packen und Heimflug, Empfang in Wien, Empfang in Salzburg - und einen Jet-Lag habe ich auch noch.
Haben Sie eigentlich schon realisiert, dass Sie mit Ihrem Erfolg zu einer Art Botschafter wurden?
GEIERSPICHLER: Ich habe ja noch nicht einmal Zeit gehabt, den Erfolg zu realisieren. Ich hatte keine ruhige Minute. Ich sehe zwar immer die Bilde von der letzten Runde im Stadion, den tausenden Menschen - aber begriffen habe ich es noch nicht.
Können Sie das Gefühl beschreiben, als sie gewonnen haben?
GEIERSPICHLER: Das Rennen war sehr schnell, ich dachte schon, das geht sich nicht aus. Aber ich war nicht nervös, ich habe mich auf mein Rennen konzentriert. Und dann im Stadion, auf den letzten 150 Metern, habe ich auf dem Monitor gesehen, dass ich 20 Meter vorne bin - und habe es nur genossen. Ich habe ganz bewusst gesagt: Das ist jetzt ein Geschenk von Gott. Und auch, wenn sich das arrogant anhört: Jetzt weiß ich, worum es geht.
Im Sport oder im Leben?
GEIERSPICHLER: Beides. Im Rennen weiß ich jetzt, was man braucht, um zu gewinnen: Ruhe, Selbstsicherheit, ein kühler Kopf. Und du darfst das Ziel nie aus den Augen verlieren. Du kannst trainieren wie ein Depp, aber irgendwann hast du es nicht mehr in der Hand. Dann musst du sagen: Ich habe alles getan, ich lasse es passieren. Nicht im Kleinen denken, sondern aufs Ziel gerichtet.
Ein Beispiel?
GEIERSPICHLER: Das ist wie in den James-Bond-Filmen, wenn er einen Haken genau dorthin schießt, wo er ihn haben will. Mein Anker ist der Glaube. Ich schaue nicht auf Hindernisse auf dem Weg, sondern dorthin, wo ich hin will. Das geht im Rennen -und auch im Leben.
Features
Zur Person
Thomas Geierspichler, geboren am 14. April 1976 in Salzburg.
Seit einem Auto-Unfall am 4. April 1994 querschnittgelähmt.
Beruf: Rennrollstuhlfahrer
Erfolge: Paralympics, 2 Gold, 3 Silber, 3 Bronze, Weltrekord im Marathon in Peking, 4 x WM-Gold, 4 x EM-Gold
Motto: "Dem Glaubenden ist alles möglich" (Markus-Evangelium, 9:23)













