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Zuletzt aktualisiert: 30.10.2011 um 09:44 UhrKommentare

Hat die Formel 1 in Indien etwas verloren?

Mit dem ersten "Grand Prix von Indien" fährt die Formel 1 am Sonntag am Stadtrand von Delhi das Rennen der größten Gegensätze in ihrer bisherigen Geschichte. Das Rennen bei uns live im Ticker!

Foto © AP

The Times of India", die größte englischsprachige Zeitung des Landes, spielte sich in ihrer Samstags-Ausgabe mit einer großen Schlagzeile: "Über Pferde, Bullen und einen Hund". In Anspielung auf die historische erste Bestzeit auf dem neuen "Buddh International Circuit" durch einen Ferrari, auf Weltmeister Red Bull und auf den Hund, der über die Strecke hetzte und für eine Unterbrechung des Trainings gesorgt hat. Einer jener bis auf die Knochen ausgemergelten Köter, die hier zu abertausenden herumstreunen und am Rand der Straßen liegen.

Die Formel 1 kam als höflicher Gast nach Indien. Sebastian Vettel hat sein erster Weg zum weltberühmten Taj Mahal geführt. Fernando Alonso hat als Unicef-Botschafter das Kinderspital von Chacha Nehru Bal Chikitsalaya besucht. Und vor der Garage des Sauber-Rennstalls wurde eine "Puja", eine buddhistische Andacht, zelebriert.

Aber ob der milliardenschwere Rennzirkus damit nicht nur sein schlechtes Gewissen beruhigt? Als "kriminelle Geldverschwendung" hat Pilavullakandi T. Usha, 47-jährige Leichtathletik-Legende Indiens, den Grand Prix angeprangert. Denn 99 Prozent aller Inder hätten mit dem Formel-1-Rennen nichts zu tun.

Astronomische Preise

Wie sollten sie auch? Die billigsten Eintrittskarten haben 35 Euro gekostet, für die teuersten am Rennsonntag blättert man 500 Euro hin. Das Pro-Kopf-Einkommen des Inders sei laut Weltbank in den letzten Jahren zwar stetig gewachsen, liegt aber noch immer bei jämmerlichen 775 Euro (!) im Jahr.

Statt einer Titelseite hat die "Yapee Group", Bauherr, Finanzier und Betreiber der neuen 300 Millionen Euro teuren Rennstrecke in Greater Noida am Stadtrand von Delhi, in der "Times of India" ein riesiges Inserat geschaltet. Unter dem Slogan "Kein Traum zu groß" wurden Luxus-Apartments in einem nahe der Rennstrecke entstehenden Hochhaus angeboten. Blick auf die Formel 1 inklusive.

Während ein paar Kilometer entfernt unzählige der rund 16 Millionen in um Delhi lebenden Menschen keine Schuhe an den Füßen und kein Dach über dem Kopf haben. Sie betteln zwischen Autokolonnen. Sie sitzen mit teilnahmslosen Blicken auf Müllbergen mitten in der Stadt, an denen sie fast ersticken. Und sie schlafen teilweise sogar am Mittelstreifen von achtspurigen Schnellstraßen.

Auch der für die Noblesse der Formel 1 widerliche Mief der Ärmsten der Armen ist gerade noch rechtzeitig abgezogen. Mit den Bauarbeiten schwer im Verzug, haben über die Sommermonate 4000 Menschen bei fast 45 Grad Tag und Nacht geschuftet. Nicht einmal für ihre primitivsten Bedürfnisse ist noch Zeit geblieben. Dafür musste das Dach der großen Tribüne bei Start und Ziel herhalten . . .

Aber von all dem sieht der Formel-1-Zirkus nichts. Den Rennfahrern bleibt auch das Chaos in den Straßen mit 134.000 jährlichen Verkehrstoten erspart, an ihre Autoscheiben trommeln keine Bettler. Denn sie wohnen in einem luxuriösen Haus im "Greens Sport City Komplex", einer gigantischen Freizeitstadt, die neben der Rennstrecke im Entstehen ist. Und wenn ausgerechnet Vijay Mallya stolz sagt, die Formel 1 werde "weltweites Interesse auf Indien lenken", klingt das fast wie ein Hohn. Mallya ist indischer Milliardär, 42-Prozent-Teilhaber des Rennstalls Force India, Besitzer von Brauerei und Fluglinie "Kingfisher" sowie des Cricket-Vereins der Royal Challengers Bangalore.

Nach peinlichen Pannen, nicht fertiggestellten Sportstätten und zahlreichen Korruptionsskandalen bei den letztjährigen Commonwealth-Spielen, werde, so schrieb eine Zeitung, der Formel-1-Grand-Prix das Bild von Indien "als Land der Schlangenbeschwörer, Puppenspieler und Fakire" nachhaltig verändern. Fragt sich nur, wie viele der 1,21 Milliarden Menschen des Landes sich das wünschen oder davon profitieren werden.

GERALD POTOTSCHNIG

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Foto © AP

Bild vergrößernDer GP von IndienFoto © AP

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GEPA/Reuters/Fotolia

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Formel-1-Weltmeister seit 2005

2005: Fernando Alonso (ESP; Renault)
2006: Fernando Alonso (ESP; Renault)
2007: Kimi Räikkönen (FIN; Ferrari)
2008: Lewis Hamilton (GBR; McLaren)
2009: Jenson Button (GBR; Brawn)
2010: Sebastian Vettel (GER; Red Bull)
2011: Sebastian Vettel (GER; Red Bull)
2012: Sebastian Vettel (GER; Red Bull)

 

Formel-1-Rekordweltmeister

Fahrer:

1. Michael Schumacher (GER)
7 WM-Titel (1994,95,2000,01,02,03,04)
2. Juan Manuel Fangio (ARG)
5 WM-Titel (1951,54,55,56,57)
3. Alain Prost (FRA)
4 WM-Titel(1985,86,89,93)

Konstrukteure

1. Ferrari
16 WM-Titel
2. Williams
9 WM-Titel
3. McLaren
8 WM-Titel

 

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