Horner: "Vettel ist jetzt ein kompletter Fahrer"
Red Bull ist schnell, für manchen Experten zum Auftakt sogar das schnellste Team der Formel 1. Christian Horner hat den österreichisch-englischen Erfolgsrennstall seit 2005 als Teamchef entscheidend mitaufgebaut. Ein Interview.

Foto © GEPAChristian Horner
Die Ansprüche bei Red Bull sind nach der so erfolgreichen
Vorsaison offensichtlich höher geworden. Ihre Erwartungen an
Sebastian Vettel und Mark Webber?
CHRISTIAN HORNER: Beide haben 2009 eine unglaublich starke zweite
Saisonhälfte gehabt. Wir müssen dieses Level halten und wollen den
WM-Titel. Wir sind das einzige Topteam, das die Fahrerpaarung nicht
gewechselt hat. Unser Programm steht auch für Kontinuität.
Das Auto ist eine Evolution des Vorjahresmodells. Wie sehr kann
man noch vom Vorsprung profitieren?
HORNER: Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir etwas mitnehmen
können. Aber man darf Schwergewichte wie McLaren und Ferrari niemals
unterschätzen. Dazu gibt es andere sehr konkurrenzfähige Teams. Wir
sind optimistisch, aber nicht überoptimistisch. Wichtig ist die
Weiterentwicklung im Lauf der Saison.
Sind die Autos technisch bereits ausgereizt, oder könnte die
Entwicklung ein Schlüsselfaktor in der WM werden?
HORNER: Der Vorderreifen ist signifikant schmäler geworden, dazu
kommt das zusätzliche Gewicht wegen fehlender Tankstopps. Da haben
wir noch sehr viel zu lernen. Die Rate im Winter war enorm, aber wir
haben immer noch viel Entwicklungsarbeit vor uns. Die Geschwindigkeit
der Weiterentwicklung wird die WM entscheiden. Zwischen dem Auto das
wir jetzt haben, und dem, das wir am Saisonende haben werden, liegen
ein bis zwei Sekunden.
Im Vorjahr hat Ihr Team womöglich der Doppel-Diffusor von Brawn
um die WM-Chance gebracht. Was macht Sie zuversichtlich, dass das
neue Reglement keine derartigen Schlupflöcher lässt?
HORNER: Das ist schwierig zu sagen, wenn man noch nicht weiß, was
genau die anderen Autos fahren. Es ist blanke Ironie, dass die Teams,
die im Vorjahr noch Pioniere waren, diese Technik heuer verbieten
lassen wollten. Die Leistung hat sich mit dem Doppel-Diffusor
jedenfalls dramatisch gesteigert.
Hat der Diffusor Ihren Team den WM-Titel gekostet?
HORNER: Jenson Button hat sechs der ersten sieben Saisonrennen
gewonnen, danach kein einziges mehr. Das demonstriert schon die
Stärke dieses Teils. Der Doppel-Diffusor hat der Meisterschaft
geschadet. Wenn man sich die Punkte ab dem ersten Rennen, bei dem wir
eine ähnliche Lösung gehabt haben (7. WM-Lauf in der Türkei/Anm.),
ansieht, wären wir sehr gut dabei gewesen.
Grob gesehen können heuer acht Fahrer Weltmeister werden. Was
sind die speziellen Vorzüge Ihrer beiden Piloten?
HORNER: Sebastian geht in sein drittes volles Jahr in der Formel 1.
Er hat eine sehr gute Vorsaison hingelegt, nun hat er auch die nötige
Erfahrung. Vettel ist jetzt ein kompletter Fahrer. Er hat alles, um
Weltmeister zu werden, Mark Webber auch. Der ist körperlich viel
besser vorbereitet als im Jahr davor und hat zwei Rennen gewonnen.
Das hat sein Selbstvertrauen auf eine neue Ebene gehoben.
Sie haben die Erfahrung von Vettel angesprochen. Hat ihm die
noch zum WM-Titel gefehlt?
HORNER: Erfahrung kann man nicht substituieren, sie ist ein Teil
des Lebens. Das ist das Gleiche im Motorsport, aber auch in allen
anderen Sportarten. Das sind Dinge, die kann einem niemand abnehmen.
Erfahrungen muss man machen, aber Sebastian ist sehr aufnahmefähig.
Auch als Team kann man immer lernen - sogar nach einem so starken
Jahr wie dem vergangenen.
Was ist Ihre langfristige Strategie, um das Team auf diesem
hohen Level zu halten?
HORNER: Unser Ziel ist es, Titel zu gewinnen. Das wird es immer
sein, das ist das ultimative Ziel. Wenn wir das einmal erreicht
haben, wollen wir es wieder tun. Wir wollen unsere erfolgreiche
Strategie so gut wie möglich beibehalten. Wir haben gute Leute, mit
denen wir weiterarbeiten wollen.
Renault ist weiterhin Motorenpartner. Bleibt das auch so,
sollte sich deren Werksteam einmal aus der Formel 1 zurückziehen?
HORNER: Das kommt auf die Leistung der Ingenieure und den Service,
den sie bieten, an. Sie waren immer sehr ehrlich zu uns, was die
Zukunft betrifft. Wir haben ein gutes Verhältnis. Am Ende kommt es
aber auf die Qualität des Produktes an.
Stimmt die Qualität des Produktes?
HORNER: Die Motorenentwicklung ist eingefroren worden. Das Problem
dabei ist, dass das zu einem fixen Zeitpunkt (2007/Anm.) passiert
ist, von dem an die Vor- und Nachteile anhaltend sind. Renault hat
das Reglement im Gegensatz zu anderen sehr wörtlich genommen. Wir
waren dadurch offensichtlich gegenüber den mit Mercedes-Motoren
ausgestatteten Teams im Nachteil.












