16-jährige Ye Shiwen: schneller als der Herr Superstar
Ye Shiwen begeistert China mit Gold und Weltrekord, der Rest der Welt rätselt. Die 16-Jährige kraulte die letzten 50 Meter nämlich schneller als US-Superstar Ryan Lochte.

Foto © ReutersYe Shiwen
Sie ist 16 Jahre, heißt Ye Shiwen, ist Olympiasiegerin über 400 Meter Lagen und sorgt dafür, dass bei der chinesischen Reporter-Schar im Aquatics Centre heilloses Chaos ausbricht. Ye Shiwen, Superstar. Dass Chinas Damen seit Barcelona 1992 konstant olympisches Edelmetall gewinnen, daran ist man in dem Land, das 1,4 Milliarden Einwohner zählt, gewöhnt. Erfolg wird verlangt, von Politik, System und Medien. Bei Ye Shiwen, die in Hangzhou lebt und als Sechsjährige über das Schulprogramm zum Schwimmen gebracht wurde, flippen die Reporter aber aus.
Bei der WM in Shanghai 2011 schrieb sie als 15-jährige Weltmeisterin erstmals Schlagzeilen. "Bei Olympia, hier in London", sagt eine Reporterin von CCTV, "wird sie ein Superstar." Einer Kollegin, die sicherheitshalber ihre Akkreditierung und damit den Namen verdeckt, missfällt das. Sie sagt: "Ye sieht für mich aus wie ein Mann."
Spekulationen
Eine harte Aussage für eine 16-Jährige, die jedoch einer gewissen Ironie und Brisanz nicht entbehrt. Ye, 1,72 Meter groß und 64 Kilogramm schwer, war die letzten 50 Meter Kraul in 28,93 Sekunden nämlich schneller geschwommen als der Amerikaner Ryan Lochte (29,10). Auch ein anderer Vergleich imponiert und irritiert zugleich. Ye schwamm über den letzten Abschnitt, also 100 Meter Kraul, exakt so schnell wie ein gewisser Johnny Weissmüller. Der "Tarzan"-Darsteller hatte 1928 in Amsterdam in 58,68 Sekunden triumphiert.
Das gibt Nahrung für Doping-Spekulationen und es scheint ein gewisses Unbehagen in der Chlorwasser-Familie zu herrschen. Hartes Training, Drill, Klub, Ausbildung - das klingt ähnlich der Machenschaften, die über kindliche Turner und Gymnastinnen die Runde machen. Über Ausbeutung und Qual ist aber nichts bekannt. Der erste Weltrekord in London - in Peking waren es mit den seit 2010 verbotenen Ganzkörper-Anzügen 25 - ist offiziell.
Obendrein hält ein höchst anerkannter Trainer die schützende Hand über Ye. Es ist der Australier Dennis Cotterell, der schon aus Grant Hackett einen Superstar geformt hat. Bei ihm erhielten die von der Partei geförderte Sportlerin Sonderschichten. Er nahm sie im März sogar - das war bislang in China undenkbar - an der Gold Coast in einem Trainingslager auf. 50.000 Dollar soll ihm China für den Job zahlen. Cotterell sagt: "Mit dem Potenzial, das sie hat, kann man Resultate erzielen, die den ganzen Planeten interessieren." China wird ihm für diese Aussage wohl einen weiteren Scheck überweisen.













