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Zuletzt aktualisiert: 17.01.2011 um 17:17 UhrKommentare

"Ich wusste, der Kollaps ist unvermeidlich"

Eine Lebensbeichte in Buchform. Auf 248 Seiten gibt Stefan Matschiner Einblick in sein Tun und Handeln als Dopingdealer, seine Perspektiven und seine Zeit in der U-Haft mit Julius Meinl.

Stefan Matschiner

Foto © APAStefan Matschiner

Herr Matschiner, in Ihrer Biografie "Grenzwertig" legen Sie ein Geständnis über Ihre Karriere als Dopingdealer ab. Was hat Sie dazu bewogen?

STEFAN MATSCHINER: Ich wollte ein sehr wesentliches Kapitel meines Lebens aufarbeiten und damit abschließen. Und dafür scheint mir eine Autobiografie, sicherlich die radikalste Form der Vergangenheitsbewältigung, das geeignete Mittel zu sein.

Wollen Sie sich reinwaschen?

Zitiert

Das Buch soll keine Entschuldigung für mein Tun sein, bestenfalls eine Erklärung.

MATSCHINER: Nein. Ich überlasse es allein dem Leser, mich als Person zu beurteilen. Es soll keine Entschuldigung für mein Tun sein, bestenfalls eine Erklärung. Und das Buch soll Einblick geben in eine Welt, in die der normale, vor dem Fernseher sitzende Sportkonsument, keinen Einblick hat.

Wie kommt man auf die Idee, Sportler in ganz Europa mit EPO, Testosteron, Designersteroiden und Wachstumshormonen zu versorgen und sich dann auf Eigenblutdoping zu spezialisieren?

MATSCHINER: Ich selbst war Mittelstreckenläufer und wollte besser werden. Also habe ich zu Dopingmitteln gegriffen. Wegen meiner technischen Schulvergangenheit und meiner Gabe, analytisch zu denken, bin ich draufgekommen, wie man noch besser dopen kann und habe, obwohl es bei mir selbst nur recht wenig gebracht hat, begonnen, dieses Know-how zu nützen und anderen zu helfen.

Wie kommt man zu seinen Klienten? Durch ein Inserat in einer Zeitung wohl kaum ...

MATSCHINER: Mundpropaganda. Ich habe meine Sache, das hat man nicht nur bei Radfahrer Bernhard Kohl gesehen, gut gemacht. Sehr gut. Auch wenn ich gewusst habe, dass irgendwann der Kollaps kommt.

Wer war - nach Ihrer Person - Ihr erster Klient?

MATSCHINER: Eine Läuferin. Vor rund acht Jahren. Namen werden Sie jetzt aber keinen hören.

Hatten Sie irgendwann Zweifel? Schlechtes Gewissen?

MATSCHINER: Nein. Obwohl ich wusste, dass es Wahnsinn ist und sicher nicht die Grundlage einer gesicherten Existenz sein kann. Zumal ich, wie gesagt, wusste, dass es zum Kollaps kommen muss. Im Hochleistungssport muss man Doping vor allem als Form der Unterstützung sehen und nicht wie im Breitensport, wo ohne jegliche Rücksicht auf die Gesundheit wahllos Mittel geschluckt werden. Auch wenn es provokant klingt: Diese Unterstützung ist gesünder als Hochleistungssport ohne Doping.

Sie schreiben, dass es stets ein "erhebendes Gefühl gewesen ist", wenn etwa bei einer Bergankunft eines Radrennens Ihr Mann auf den letzten Kilometern der Konkurrenz davongezogen wäre. Was war daran erhebend? Besser als die anderen gedopt zu haben?

MATSCHINER: In Momenten wie diesen denkt man keine Sekunde an Doping. Keine Droge dieser Welt gibt dir dieses Glücksgefühl, das du verspürst, wenn du gewinnst. Ich weiß das, ich habe ja auch hin und wieder etwas gewonnen. Und wenn man nun an so einem Sieg eines Sportlers nicht ganz unbeteiligt ist und miterlebt, wie glücklich der ist, dann ist das erhebend.

Auch wenn man eine Scheinwelt bejubelt . . .

MATSCHINER: Auch dann. Aber bei Bernhard Kohl war ich ja nicht nur wegen des Dopings beteiligt, mit ihm bin ich bereits im Vorfeld der Tour de France alle Etappen abgefahren. Er auf dem Rad, ich im Auto. Der hat sich genug gequält.

Apropos: Wenn Kohl jetzt hier bei der Türe reinkäme, würden Sie ihn grüßen? Immerhin hat er Sie ja der "Soko Doping" ans Messer geliefert.

MATSCHINER: Grüßen ja. Aber auf einen Kaffee würde ich nicht mit ihm gehen. Er ist mir egal.

Haben Sie gut verdient?

MATSCHINER: Ich habe verdient. Aber ich habe erst dann verdient, wenn sich Erfolg eingestellt hat.

Kann Sport je sauber werden?

MATSCHINER: Hochleistungssport nie, weil es immer einen geben wird, der noch ein bisserl mehr gewinnen will als der andere.

Wie beurteilen Sie eigentlich Ihre Nachfolger? Machen die ihre Sache, wenn man so sagen darf, gut? Sie schreiben zumindest, dass die Fahnder auch in Zukunft auf verlorenem Posten stehen werden.

MATSCHINER: Ich war immer nur ein Mitspieler im internationalen Geschäft, nicht die ganz große Nummer. Also hinterlasse ich auch keine ganz große Lücke. Aber zur Frage: Sie machen es immer so lange nach ihrem Verständnis ,gut', solange sie nicht auffliegen.

Sie haben eingangs gesagt, Sie wollen mit dem Buch ein Kapitel Ihres Lebens abschließen. Doping interessiert Sie also gar nicht mehr? Oder machen Sie sich doch Gedanken, wie man gegen Doping vorgehen könnte?

MATSCHINER: Und auch wenn ich sie mir machte, die Seite würde ich nie wechseln, denn auf der anderen Seite stinkt es auch. Sogar mehr. Politik, Korruption, all das. Da ging's auf meiner Seite fast ehrlicher zu, auch wenn's nicht legal war. Aber was war's schon anderes als ein Deal zwischen zwei Personen? Es läge mir fern, einen Sportler zu überführen.

Was planen Sie in Zukunft?

MATSCHINER: Ich bin in die Lebensmittelbranche eingestiegen. Ich verarbeite mit meinem Unternehmen, das ich in den USA gegründet habe, getrocknete Pilze für die Gastronomie. Und gerade dieser Tage beginnen wir mit der Produktion von neuen Polenta- und Risotto-Mischungen.

Letzte Frage: Wie war's denn mit Julius Meinl als Zellengenosse in der Untersuchungshaft?

MATSCHINER: Eine unglaublich bereichernde Erfahrung.

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