Richtungsweisender Fall Pechstein vor CAS
Vielleicht stand der Internationale Sportgerichtshof in seinem 25-jährigen Bestehen noch nie vor einer so schweren Entscheidung wie im Fall der fünffachen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein.

Foto © ReutersClaudia Pechstein
Ende oder Wende: Die Sportwelt schaut ab diesem Donnerstag auf Lausanne. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Sports, um die Chancen des Anti-Doping-Kampfes, um das künftige Leben einer Top-Athletin und nicht zuletzt um viele Millionen Euro.
Fast vier Monate nach dem Urteilsspruch des Eislauf-Weltverbandes ISU zur zweijährigen Sperre der Berlinerin wegen auffälliger Blutwerte fällt der CAS ein richtungweisendes Urteil. Die Entscheidung im Präzedenzfall Pechstein wird kommende Woche erwartet. Für die höchstdekorierte Wintersportlerin Deutschlands steht nicht nur der Ruf auf dem Spiel, sie stünde bei einer Bestätigung ihrer Sperre vor einem tiefen schwarzen Loch: Die Karriere wäre mit Schimpf und Schande zu Ende, den Beamten-Job bei der Bundespolizei würde sie verlieren, rund 250.000 Euro hätte sie zum Nachweis ihrer Unschuld in den Sand gesetzt.
Indizien
Daher lässt Pechstein nichts unversucht, dem Sportgericht nachzuweisen, wie schlampig die ISU angeblich handelte, in dem sie gemäß dem ab 1. Jänner gültigen WADA-Code als erster Verband eine Athletin nicht aufgrund eines Doping-Nachweises, sondern allein aufgrund von Indizien sperrte. Eine von ihr selbst initiierte und finanzierte Studie bestätigte gravierende Schwankungen bei ihren Retikulozyten-Werten, den Vorläufern roter Blutkörperchen.
Mit Gutachten anerkannter Experten soll der Nachweis erbracht werden, dass die ISU nicht hinreichend beweisen kann, dass die abnormen Werte auf Blut-Doping zurückzuführen sind. "Mir ist völlig unklar, wie der Verband Anklage gegen mich erheben konnte, ohne im Vorfeld anhand weitreichender Untersuchungen eine Blut-Abnormität auszuschließen. Hier wurde grob fahrlässig gehandelt", sagte Pechstein.
Erhöhte Werte
Zudem setzt ihre Verteidigung auf den Nachweis umfangreicher Verfahrensfehler, die der Weltverband beging, als er die erhöhten Werte bei vier Rennen von 2007 bis 2009 feststellte. Auf diesen Zeitraum - ursprünglich war von erhöhten Werten seit 2000 die Rede - hatte die ISU ihre Anklage beschränkt, nachdem Pechstein auf einer Pressekonferenz vertauschte Barcodes und weitere Patzer der ISU reklamiert hatte.
ISU-Präsident Ottavio Cinquanta lässt sich von den Dauer-Attacken der Deutschen zwar nicht nervös machen, hat aber nicht den unbedingten Glauben an den Erfolg. "Ich bin nicht überzeugt, dass wir gewinnen. Ich bin aber überzeugt, dass wir fair gearbeitet haben", sagte er und fügte hinzu: "Aber egal wie das Urteil ausfällt, ich werde nicht glücklich sein. Entweder verliert unser Verband, oder wir verlieren unsere fünfmalige Olympiasiegerin." Bei einem Pechstein-Triumph kämen Millionenklagen auf die ISU zu. "Wer den Wein bestellt, muss ihn auch bezahlen können", hatte Cinquanta bereits vor Wochen auf diese Drohungen reagiert.
Dem Welt-Sport hätte die ISU im Falle einer Niederlage vor dem CAS einen Bärendienst erwiesen. Es wäre ein Rückschlag für die indirekte Beweisführung, einer effektiven Doping-Bekämpfung würden mit einem solchen Präzedenz-Urteil Riegel vorgeschoben. Daher hatte IOC-Präsident Jacques Rogge von einem "Lackmustest" gesprochen. In Sportarten wie im Rad- und im Schisport stehen ähnliche Fälle in der Warteschleife. Die Verbände wollen Klarheit. "Davon träumen alle, die Täter bestrafen wollen. Bestätigt das Gericht die Sperre, werden viele Verbände mit einer langen Liste kommen", hatte Gian Franco Kasper, Präsident des Internationalen Schiverbands (FIS), unlängst gesagt.













