Verbände gegen Haftstrafen für gedopte Sportler
Die Bundes-Sportorganisation (BSO) lud am Montag zu einem Expertengespräch zur "Sinnhaftigkeit einer strafrechtlichen Verfolgung von positiv getesteten Sportlern".

Foto © GEPAFranz Stocher, Christiane Söder und Praesident Peter Wittmann (von li nach re)
BSO-Präsident Peter Wittmann musste sich allerdings heftige Kritik
aus dem Publikum anhören, dass er als Vertreter des Dachorganisation
keineswegs die Meinung aller Fachverbände und Sportler vertrete.
Vorstoß. Otto Flum, Präsident des Radsport-Verbandes ÖRV, und Roland
Gusenbauer, Generalsekretär des Leichtathletik-Verbandes ÖLV,
widersprachen Wittmann vehement und betonten, dass sie und auch viele
ihrer Athleten sich der Meinung von Sportminister Norbert Darabos
anschließen, der strafrechtliche Sanktionen für dopenden Sportler
mehrfach gefordert hatte. Im Soge der jüngsten
Doping-Negativschlagzeilen um Triathletin Lisa Hütthaler hatte sich
kürzlich auch die Spitze des Triathlon-Verbandes dafür ausgesprochen.
Auch der Tischtennis-Verband plant einen Vorstoß in diese Richtung.
Imageschaden für Radsport. "Ich verstehe nicht, warum man a priori dagegen ist, eine
Diskussion darüber muss möglich sein", betonte Flum, der den riesigen
Imageschaden und den Verlust an Sponsoren für den Radsport durch
jüngste Dopingfälle hervorhob. Flum kritisierte, dass der Vorstoß der
BSO nicht mit den Fachverbänden abgesprochen sei. Wittmann konterte,
dass er als BSO-Chef den Pauschalverdächtigungen und
Kriminalisierungsversuchen, die dem Sport schaden, entgegentreten
müsse. Meinungsverschiedenheiten innerhalb der BSO habe es immer
gegeben. Die Diskussion werde in nächster Zukunft intensiv mit den
Verbänden weitergeführt.
Lob für Gesetz. Wittmann sprach, flankiert von Sportunion-Präsident Peter Haubner,
Rad-Vizeweltmeisterin Christiane Soeder, Bahnrad-Exweltmeister Franz
Stocher, einem Sportrechtsexperten aus Deutschland und Handball-Guru
Gunnar Prokop davon, dass das seit August 2008 geltende neue
Anti-Doping-Gesetz "hervorragend" sei und die Nationale Anti-Doping
Agentur NADA "effizient und schnell" arbeite. Der Ansatz, dass jeder,
der mit Dopingmitteln handelt, oder sie verabreicht, verfolgt wird,
sei der richtige. Dopende Sportler selbst sollen vom Strafgesetz
weiter unbehelligt bleiben.
Warnung vor Sanktionen. Der deutsche Sportrechts-Experte Thomas Summerer warnte davor, die
Anwendung von Dopingmitteln strafrechtlich zu sanktionieren, das sei
wie "mit Kanonen auf Spatzen zu schießen". Der Staat dürfe erst
eingreifen, wenn der Sport versage und davon könne keine Rede sein.
Das in Deutschland und Österreich geltende Recht, dass Dealer und
Hintermänner mit dem Strafrecht bedroht seien, und der Eigenkonsum
von dopenden Sportler straffrei bleiben sollte, sei ein guter
Mittelweg. "Die Rechtslage in Österreich ist gut und ausreichend",
sagte der Jurist. Außerdem sehe das Zivilrecht ein großes
Instrumentarium vor, um gegen betrügende Athleten vorzugehen. Er
nannte diesbezüglich Wettbewerbsklagen von Konkurrenten und
Schadensersatzansprüche von Veranstaltern oder Sponsoren.
Abwarten. Wittmann ergänzte, dass man die Strafverfolgungsbehörden mit den
erst seit kurzem gültigen Rechtsvorschriften erst einmal arbeiten
lassen müsse. Anlässlich der aktuellen Diskussion
Pauschalverdächtigungen auszusprechen und Sportler quasi unter Druck
zu stellen, sich "frei beweisen" zu müssen, halte er für maßlos
überzogen. "Anlassgesetzgebung ist gefährlich, gesetzliche Verfolgung
löst das Problem nicht", betonte Wittmann, der sich wie Soeder,
Prokop und Stocher sehr wohl für schärfere sportrechtliche Sanktionen
wie längere Sperre aussprach.
Hintermänner. Der BSO-Chef betonte, dass im Falle eines Strafprozesses der
Beschuldigte ja als einziger per Gesetz "lügen" dürfe. Deshalb werde
im Falle eines Strafprozesses keinesfalls leichter an Hintermänner
heranzukommen sein. Sehr wohl seien Verschärfungen des
Wettbewerbsrechts und eine bessere Zusammenarbeit der
Ermittlungsbehörden mit der NADA wünschenswert, betonte Wittmann.
Erklärung. ÖLV-Generalsekretär Gusenbauer präsentierte eine Erklärung für
Kaderathleten, die "die Initiative des ÖLV zu einer Verschärfung des
österreichischen Anti-Doping-Bundesgesetzes in Hinblick auf eine
strafrechtliche Verfolgung von bewusst dopenden Sportlern unter
Einhaltung der Verhältnismäßigkeit zum übrigen Strafgesetz"
unterstützt. Angeführt von den ÖLV-Spitzenathleten Günther Weidlinger
und Andrea Mayr hätte bereits die Hälfte das A-Kaders die Erklärung
seit vergangenem Freitag unterzeichnet, sagte Gusenbauer.
Appell. Soeder appellierte, dass neben rechtlichen und gesetzlichen
Diskussionen die Ethik nicht aus den Augen verloren werden darf. Die
Schulung des Unrechtsbewusstseins müsse intensiviert werden. ÖRV-Chef
Flum hielt Stocher vor, dass selbst Fahrer aus dessen Team vor Jahren
bereits für strafrechtliche Sanktionen gestimmt hätten. "Ich bin
dafür, dass man den Sumpf trocken legt, aber ich bin nicht dafür,
dass man Sportler kriminalisiert", betonte Stocher, der darauf
verwies, dass seit der damaligen Umfrage bereits wirksame
Gesetzesverschärfungen in Kraft seien. Sperren und eventuelle
Regressforderungen wären Abschreckung genug, sagte der Ex-Radprofi.













