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Zuletzt aktualisiert: 31.07.2012 um 19:54 UhrKommentare

Jungwirth-Urteil bringt Lawine ins Rollen

Ex-ÖOC-General Heinz Jungwirth wurde am Dienstag zu fünf Jahren unbedingter Haft verurteilt. Zur Ruhe kommt das Österreichische Olympische Comitè mit dem Urteil aber nicht.

Heinz Jungwirth

Foto © APAHeinz Jungwirth

Die Worte des Richters waren eindeutig: "Eine besonders freche und infame Vorgangsweise." Damit begründete er, warum der Ex-Generalsekretär des Österreichischen Olympischen Comitès (ÖOC), Heinz Jungwirth – nicht rechtskräftig – zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.

Weil er 3,3 Millionen Euro veruntreut haben soll, sich so einen noblen Fuhrpark, ein Gestüt mit zehn Pferden und Reithalle oder teure Reitlehrer für den Sohn geleistet haben soll. So klar der Richterspruch war, so vorsichtig war ÖOC-Präsident Karl Stoss: "Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig!" Die Neu-Strukturierung des ÖOC ist hingegen auf einem guten Weg. Das Urteil ist weder Anfang, noch darf es Ende sein. Denn viele Fragen sind offen – etwa, ob das ÖOC, das 1,5 Millionen Euro von Jungwirth fordern darf, Chancen hat, je den gesamten Betrag zu bekommen.

Heinz Jungwirth hat sich Bedenkzeit erbeten. Besteht eigentlich die Gefahr, dass das Urteil revidiert wird?

Als Casino-Präsident weiß Karl Stoss: "Alles kann passieren, wohl auch eine Reduktion der Strafe." Aber Juristen gehen nicht davon aus, dass das im Schöffensenat getroffene Urteil noch einmal eine Kehrtwendung erfährt. Die Urteilsbegründung des Richters fiel sehr eindeutig aus, Jungwirth wird wohl einsitzen müssen.

Wird das ÖOC die ihm zugesprochenen 1,5 Millionen Euro Rückerstattung denn wirklich jemals bekommen?

Ein Fragezeichen. Wie viel von Jungwirth rückforderbar ist, steht nicht fest. Ebenso wenig, ob man sich an Ex-Präsident Leo Wallner schadlos zu halten vermag: Das Verfahren gegen ihn läuft noch. Die Differenz von 1,8 Millionen Euro auf den Gesamtschaden von 3,3 Millionen will man laut Jungwirth-Nachfolger Peter Mennel zivilgerichtlich einfordern.

Darf Leo Wallner im exklusiven Kreis der knapp 120 IOC-Mitglieder bleiben und damit weiterhin als Österreichs Vertreter Entscheidungen treffen?

Den 76-jährigen Leo Wallner kann kein ÖOC-Mitglied abberufen, bis zum Alterslimit (80) bliebe er im Amt. "Das Internationale Olympische Komitee hat allerdings offene Augen und Ohren", befand sein Nachfolger Karl Stoss. Sollte die Ethik-Kommission also Wallners Rolle für unehrenhaft befinden, würdeWallner wohl auch dieses Ehrenamt verlieren. Kurios: Wallner war selbst Mitglied der IOC-Ethikkommission, dieses Mandat wurde allerdings bereits vor zwei Jahren "ruhend gestellt".

Ist daran gedacht, noch andere Mitglieder des "ÖOC alt" zur Rechenschaft zu ziehen?

Darüber will Karl Stoss nicht sprechen, kryptisch meint er jedoch: "Die Reihenfolge lautet Kassier, Präsident, Rechnungsprüfer." Weiteren Schritten gehen rechtskräftige Urteile voraus, also auch jenes gegen Leo Wallner.

Hat sich auch ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel, größter Gegner Jungwirths und diesem einst mit einem Privatdetektiv auf den Fersen, zum Urteil geäußert?

Nein, der Innsbrucker verweigert zum Fall seit dem ÖOC-Skandal in Turin jegliche Stellungnahme. Der seit Montag 71-Jährige erholte sich gestern nördlich von London – beim Fischen in Newcastle.

Welche Konsequenz hat das ÖOC aus dem Fall Jungwirth eigentlich gezogen? Was wurde geändert?

Ein Ethikcode (Code of conduct), der u. a. das Vieraugenprinzip verankert, wurde ins Leben gerufen. Stoss: "Transparenz ist unser größtes Anliegen!" Ein Indikator für die neue Betriebswirtschaft: Während in der Ära Jungwirth keine geordnete Buchhaltung festzustellen war (die Pflicht der Belegaufbewahrung beträgt sieben Jahre) und die Rechnungsprüfung intern blieb, lässt sich das "ÖOC neu" von unabhängigen Wirtschaftsprüfern auf den Zahn fühlen, um Malversationen auszuschließen.

Wie viel spart das "ÖOC neu" im Vergleich zur Ära Jungwirth?

Noch fehlt der Rechnungsabschluss 2012. Aber der Vergleich Peking (2008) und London (2012) erlaubt Rückschlüsse: Im vergleichsweise billigen China hatte das ÖOC Kosten von 1,6 Millionen Euro, in London sind es 1,1 Millionen Euro (jeweils ohne Flüge).

Welche Änderungen sind außerdem im ÖOC vorgesehen?

Das ÖOC firmiert als Verein, muss Überschüsse also nicht versteuern. Das Vereinsgesetz und damit die Verantwortlichkeit von Funktionären soll künftig neu geregelt werden. Der Teil des ÖOC, der Einnahmen generiert, wurde bereits in eine GmbH ausgelagert.

FLORIAN MADL

Infografik

Grafik © APA

Grafik vergrößernDer Jungwirth-ProzessGrafik © APA

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