Der Gong schlug um 5.30 Uhr
Als man noch den Wecker stellte, um quer über den Globus Boxkämpfen zu folgen. Und warum der Tod der Ex-Größen uns daran erinnert.

Foto © EPAJoe Frazier
Joe Frazier ist tot. Diese Nachricht ließ alle Bilder wieder erstehen. Noch einmal hörte man den Wecker, zog den Hausmantel und ein paar Socken an, setzte sich vor den Schirm und stierte in nicht enden wollende Vorkämpfe. Bis sie kamen, die Großen: Muhammad Ali, George Foreman und die anderen, deren Namen nur noch die Fachleute und die Hardcore-Fans kennen. Man konnte sich der Faszination, der Dramaturgie der damals noch echten Weltmeisterschaftskämpfe nicht entziehen. Sie ist nicht beschreibbar. Nicht vermittelbar. Globusumspannend fieberte man dem Ausgang entgegen.
Wir leben heute. Wir erfahren, dass Joe Frazier, Smokin' Joe, wie er wegen seiner lokomotivartigen Kampfesweise genannt wurde, verarmt gestorben ist. Wir begreifen das nicht. Da hat der Mann drei Mal gegen Muhammad Ali geboxt, einmal gewonnen, hat George Foreman geschlagen, hat unglaubliche Summen an Kampfbörsen und Medienrechten mitbewegt und endet so.
Wir erinnern uns, dass es der Legende Joe Louis ganz ähnlich ergangen wäre, wenn man sich in den Staaten nicht besonnen hätte, diesen Namen nicht verkommen zu lassen. Bei Joe Frazier war das offenbar nicht der Fall. Er, der bedingungslose Fighter, der laut Ali an die Weißen angepasste "Onkel Tom", ist von Muhammad Ali überstrahlt. Der, heute ein sprachgestörter, kaum mehr bewegungsfähiger Mann, blieb der Heroe.
Wenn er sich bei Ehrungen auf Bühnen und vor Kameras schleppte, stellte keiner die Frage nach den Gründen für seinen Gesundheitszustand. Wurde er in Ausnahmefällen doch angesprochen, dann hörte man das stimmige Argument, es bekämen auch nicht boxende Menschen die Parkinsonsche Krankheit.
Das stimmt natürlich. Aber jetzt haben wir die letzten Interviews mit Joe Frazier gesehen. Und der tat sich mit dem Sprechen auch sehr schwer. Wir haben vom Gesundheitszustand noch Lebender oder schon Toter gehört - ich habe sogar einige gesehen wie Jerry Quarry, Ken Norton, Floyd Patterson, George Chuvalo, Michael Spinks und wie sie alle hießen und sie waren hinkende, verblödete, das Sputum nicht mehr beherrschende Wracks.
Ist dieses Ende das zwangsläufige? Keineswegs, wie mir der vitale George Foreman bewiesen hat, als er sich für Pressefotos ein paar Kilogramm Teigwaren auftischen ließ, die sofort nach dem Blitzlichtgewitter abserviert wurden. Dann nagte er ein Hühnerbein ab. Das war vor dem Kampf gegen den Deutschen Axel Schulz, in dem der fettleibige, überalterte Prediger einer der unzähligen Jesus-Christus-Firmen nach der 7. Runde zu Trainer Angelo Dundee ganz vergnügt sagte: "I am really tired."
Wie gut hatte davor der Deutsche Max Schmeling seine wechselvolle, also an Prügeln reiche Karriere, überstanden. Wir wissen also, ein schlimmes Schicksal ist nicht unvermeidbar, das Risiko aber groß. Zu groß?
Das Berufsboxen der Gegenwart wird von zwei Athleten aus der Ukraine dominiert. Wir sprechen vom Schwergewicht, der höchsten, der publikumswirksamsten, keineswegs der interessantesten Gewichtsklasse. Die Brüder Vitali und Wladimir Klitschko sind umstritten. Unbestritten sind ihre Form, ihre Intelligenz, ihre Integrationsfähigkeit in die deutsche Gesellschaft und Medienlandschaft. Aber ihr Kampfstil schmeckt den Box-Romantikern nicht. Sie boxen mit Konzept, sie scheuen den "offenen Schlagabtausch" wie es nur geht. Sie rechnen. Die Nostalgiker, die Frühaufsteher von einst, mögen das nicht. Sie stünden nicht mehr auf, würden die Klitschkos in Übersee boxen.
Ich meine, man tut den beiden unrecht. Sie sind nicht "der Tod" des Boxens. Sie versuchen mit Erfolg, ihn zu vermeiden. Aber der Kenner hat in Vitali Klitschkos Kampf gegen Lennox Lewis auch gesehen, dass der steife, lange Ukrainer an die existenzielle Grenze geht, wenn es denn sein muss.
Das Berufsboxen stirbt. Langsam, aber doch. Die neuen Kampfsportarten, die mit den Beintechniken, die, wo eben auch getreten wird, saugen das von Gewalt faszinierte Publikum ab. Die ganz neuen Perversionen des Zweikampfs wie "Ultimate Fighting", auch "Martial Art" genannt, scheinen unaufhaltsam zu sein.
Wir aber denken zurück. An den "Thriller von Manila". An Muhammad Ali, der damals nicht mehr so einzigartig war wie einst, als er noch Cassius Clay hieß. Wir beben romantisch nach. Aber wir sollten nicht trauern, dass es vorbei ist.













