Im freien Fall aus 36 Kilometern Höhe
Der Salzburger Felix Baumgartner will heuer aus 36 Kilometern Höhe von einem Ballon abspringen und im freien Fall die Schallmauer durchbrechen.
Im freien Fall aus 36 Kilometern Höhe
Der österreichische Basejumper und Extremsportler Felix Baumgartner (41) aus Salzburg will heuer als erster Mensch im freien Fall aus 36 Kilometern Höhe die Schallmauer durchbrechen. Das Projekt birgt verschiedene Gefahren in sich: Durch spezielles Training wie z. B. beim Absprung aus dem Ballon will Baumgartner diese so weit wie möglich reduzieren.
APA: Herr Baumgartner, gibt es denn schon einen ungefähren
Zeitplan für den großen Sprung oder schweigt man sich darüber aus?
Baumgartner: Man schweigt sich nicht aus, aber es wäre unklug und
unprofessionell, wenn man einen Zeitpunkt bekannt geben würde. Der
amerikanische Präsident Kennedy sagte damals auch "Noch in diesem
Jahrzehnt werden wir zum Mond fliegen..." und hat kein bestimmtes
Datum genannt. Wir haben noch viele Hürden zu nehmen. Wir sind
zuversichtlich, dass es heuer stattfindet.
APA: Wie läuft es denn mit dem Absprungtraining?
Baumgartner: Es besteht ja die Gefahr, aufgrund der geringeren
Dichte in dieser Höhe ins Trudeln zu geraten. In 36 Kilometern Höhe
beginnt das Problem bereits beim Absprung. Ein gerader symmetrischer
Absprung ist das Wichtigste. Beim Fallschirmspringen ist das erste,
das man lernt, mit der Umgebungsluft zu arbeiten. Wenn du als
Fallschirmspringer ins Rotieren gerätst, kannst du diese Drehung
aufgrund von Körperbewegungen stoppen oder beschleunigen. Nachdem
dort oben aber nur noch 0,5 Prozent Atmosphäre vorhanden sind, gibt
es auch keine Luft, die du nützen kannst. Das heißt, wenn du
asymmetrisch wegspringst oder ins Trudeln gerätst, kannst du deine
Fallschirmspringer-Fähigkeiten nicht nützen. Zwischen 27 Kilometern
und 30 Kilometern Höhe wird die Luft wieder dichter. Theoretisch
könnte man als Fallschirmspringer diese Luft nützen, um eventuell
auftretende Drehungen zu stoppen. In der Praxis sieht es jedoch so
aus, dass du aufgrund deiner Überschallgeschwindigkeit derart schnell
in diese dichteren Luftmassen eintauchst und deine Umgebungsluft
dadurch sehr aggressiv reagiert. Jede falsche Bewegung in dieser
Situation würde sich fatal auswirken. Um nicht in eine derartige
Situation zu kommen, muss der "kontrollierte Absprung" trainiert
werden. Dies geschieht mit Bungee Sprüngen, weil wir hier eine
ähnliche Ausgangssituation (keine Anströmung der Luft beim
Wegspringen) vorfinden. Hinzu kommt noch das immense Gewicht meines
Equipments. Beim Wegspringen habe ich fast 130 Kilogramm und das
meiste davon am Oberkörper (Fallschirm, Helm, Sauerstoffflaschen,
chest pack). Dadurch ändert sich mein Rotationsverhalten beim
Absprung aufgrund des nach oben verlagerten Körperschwerpunkts.
APA: Wie ist das denn, wenn man sich so lange auf etwas
vorbereitet?
Baumgartner: Wenn du so lange an einem Projekt arbeitest, dann
verlierst du manches Mal den Glauben daran, dass es einmal
Wirklichkeit wird. Man hat auch viele Rückschläge, geht in eine
Besprechung mit drei Problemen rein und kommt mit fünf wieder raus.
Dann gibt es wieder Momente, in denen man innerhalb kürzester Zeit
drei, vier Probleme erledigt. Das sind die Momente, in denen man neue
Energie schöpft. Ich glaube, je mehr Probleme es gibt auf dem Weg zu
einem Ziel, desto wertiger und interessanter ist es. Wenn man nach
fünf Jahren Vorbereitung wieder am Boden steht, ist das sicher ein
sehr erhebender Moment. Aber gleichzeitig - das habe ich bei meinen
vergangenen Projekten erlebt - ist es wie eine große Leere, die man
auf einmal verspürt und man überlegt gleich, was mach ich als
nächstes. Man glaubt immer, das ist sein letztes Projekt und ab da
bin ich der zufriedenste Mensch der Welt, aber das Gefühl hält meist
nicht sehr lang an. Man ist eigentlich ein ewig Getriebener.
APA: Jetzt heißt es, das wird Ihr letzter Sprung werden. Kann man
als ewig Getriebener denn ohne Nervenkitzel weiterleben?
Baumgartner: Es ist ja nicht gesagt, nur weil es mein letzter
Sprung ist, dass ich dann keinen Nervenkitzel mehr habe. Ich habe
zwei Kinderträume gehabt, der erste war Fallschirmspringen, der
zweite Hubschrauberfliegen. Ich hab mit Fallschirmspringen begonnen
und vor drei Jahren habe ich dann den Hubschrauberschein gemacht. Ich
bin mittlerweile Berufspilot und habe begonnen, mein zweites
Standbein aufzustellen. Hubschrauberfliegen hat sehr viele Facetten
wie z. B. Feuerbekämpfung oder Arbeitsflüge. Ich habe einen kleinen
Hubschrauber, mit dem ich viel unterwegs bin. Wenn das mit meiner
aktiven Springerei vorbei ist, dann wird das ein nahtloser Übergang
ins Helikopterfliegen. Das wird auch wieder ein spannender Beruf.
APA: Projekte wie "Red Bull Stratos" oder von der Christus-Statue
in Brasilien zu springen wird es dann nicht mehr geben?
Baumgartner: Ich glaube, ich habe alles, was Basespringen
betrifft, ausgelebt. Ich bin irgendwann an einem Punkt angelangt, an
dem ich gemerkt habe, jetzt könnte ich mich nur noch wiederholen.
Mich hat ein zweiter Sprung von einem Objekt schon nicht mehr
gereizt. Ich hab es gemacht und habe keine Veranlassung gesehen, hier
noch einmal hinunterzuspringen. Da kommt "Red Bull Stratos" sehr
gelegen, weil es etwas ganz anderes ist, ein wissenschaftliches
Projekt. Es reizt mich so, weil es absolutes Neuland für mich ist.
Ich bin quasi wieder zurück auf der Schulbank. Ich habe sehr viel
lernen müssen, habe versucht, mir in kurzer Zeit sehr viel Wissen
anzueignen, um mit Wissenschaftern die gleiche Sprache sprechen zu
können. Mein Ziel war es möglichst schnell in dieses Thema
hineinzufinden. Ich habe noch nie in meinem Leben für etwas so viel
Aufwand betrieben und war noch nie für etwas so bereit wie für dieses
Projekt.
APA: Was war denn für Sie Ihr bisher spannendstes Projekt?
Baumgartner: Das ist schwierig. Jeder Basesprung hat eine eigene
Herausforderung gehabt. Ich glaube, am meisten in Erinnerung
geblieben ist mir der Jesus-Sprung (Basejump 1999 von der
Christus-Statue in Brasilien, Anm.), weil er sehr schwierig, sehr
gefährlich war und er mich von einem Niemand zu einem Jemand gemacht
hat. Dieses Bild ist um die Welt gegangen und ab da ist es
karrieretechnisch extrem bergauf gegangen. Ab da war für mich klar,
in dem Sport bleibe ich auch. Und mir ist in den nächsten Jahren auch
immer wieder etwas eingefallen. Es war nicht wichtig, dass jeder
Sprung höher oder gefährlicher ist, sondern ich habe für mich immer
wieder etwas Neues gefunden, das eine Herausforderung war und
gleichzeitig die Menschen interessiert hat.
APA: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, von diesem und jenem
Gebäude zu springen?
Baumgartner: Es ist eine Mischung aus selbst eine Idee haben und
Anregungen von Freunden. Oder auch Filme: Ich verbringe sehr viel
Zeit in Kinos und hole mir da Ideen. Um z. B. auf die Jesus-Statue
raufzukommen, habe ich mit einer Armbrust einen Pfeil
hinaufgeschossen - das habe ich im Film "The Rock" gesehen. Auch muss
man, gerade wenn man illegale Basesprünge macht, ein Psychologe sein:
Jedes berühmte Gebäude der Welt wird von vielen Security Leuten
bewacht. Man muss sich in diese Personen hineinversetzen können, ihre
Psyche genau analysieren um dann einen Weg zu finden sie zu umgehen.
Der Sprung ist dann sozusagen nur noch der Showdown. Die Flucht muss
auch gut geplant sein. Das hat in den vergangenen Jahren immer
funktioniert. Das ist auch der Grundstein meines Erfolges: die gute
Vorbereitung, die Disziplin, die Visionen und das
Nicht-locker-Lassen, um ein Projekt erfolgreich abzuschließen.

















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