1.500 Euro als Lohn für die Leidenschaft
Bernhard Eisel hat sich mit seinem Sieg bei Gent-Wevelgem einen Traum erfüllt. Er genießt im Ausland Anerkennung, pfeift auf jene in der Heimat - und bleibt doch Österreicher.

Foto © ReutersBernhard Eisel in Siegerpose in Gent-Wevelgem
Die erste Nacht als Klassiker-Sieger: War sie lang? Oder haben Sie tatsächlich früh das Licht ausgemacht?
BERNHARD EISEL: Um Mitternacht war ich im Bett, um acht Uhr früh schon wieder auf (lacht). Es war sehr seriös, nur ein belgisches Starkbier, aber das gehört hier zur Tradition.
Was bedeuten die Klassiker für Sie?
EISEL: Für mich sind sie alles. Darauf habe ich in zehn Jahren als Profi hingearbeitet. Gut, die Tour de France ist die Tour, aber ich würde sie nie gewinnen. Aber bei den Klassikern gibt es andere Tugenden: schlechtes Wetter, Stürze, Risiko, Kraft, die Länge der Rennen mit über 260 Kilometer - da muss man kämpfen, beißen, hinhalten. Und ich hab' bald gesehen, dass dies meine Rennen sein können.
Und doch waren Sie meist der Helfer für andere.
EISEL: Stimmt. Und trotzdem war ich oft im Finish dabei. Das zeigt, dass ich kein Hausmeister bin. Aber heuer habe ich das erste Mal die Chance erhalten, als Kapitän zu fahren. Und ich muss sagen, ich nutze meine Chancen ganz gut. Bei der Tour de Suisse im Vorjahr hatte ich auch genau eine - und habe die Etappe gewonnen. Jetzt eine bei den Klassikern - und wieder gesiegt. Auch wenn ich einige überrascht habe.
Wen denn?
EISEL: Im Team-Auto waren alle sehr nervös, glaub' ich. Sie wussten zwar, was ich drauf habe, aber keiner war sich sicher, ob ich gewinnen kann. Und dazu ist nach 80 Kilometern mein Funk ausgefallen, ich hatte also keine Unterstützung aus dem Auto. Aber ich habe immer gesagt: Der Funk ist wichtig, ich kann jedoch auch ohne ihn gut fahren.
Lohnt sich so ein Sieg bei einem Klassiker auch finanziell?
EISEL: Nein, zumindest nicht sofort. Wer es genau wissen will: Man bekommt 16.000 Euro. Nach Steuern und dem Aufteilen auf die Mannschaft bleiben für mich rund 1500 Euro übrig. Und ich habe auch keinen Vertrag mit Extraprämien für Siege. Aber es hilft natürlich im Team. Und ich kann die nächsten beiden Rennen, die Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix, meine wahren Lieblingsrennen, ohne Stress angehen. Und: Ich habe jetzt einen Sieg bei einem Klassiker. Den kann mir keiner nehmen.
Warum hat es eigentlich heuer geklappt?
EISEL: Ich habe diesen Winter vielleicht noch konsequenter trainiert. Und einige Spezialisten für Klassiker haben das Team verlassen. Deshalb habe ich ja die Chance bekommen, Kapitän zu sein.
Und doch wird es einige geben, die sagen: Der hat gewonnen, weil er das Richtige geschluckt oder gespritzt hat.
EISEL: Sollen sie, das stört mich schon lange nicht mehr. Man hört viel, aber man überhört noch mehr. Es gibt keinen Sport, der sich, was den Kampf gegen Doping betrifft, so einsetzt wie der Radsport. Trotzdem: Man wird die nie ganz wegbringen, die meinen, schlauer zu sein. Deshalb muss man schon bei der Jugend anfangen und den Fair-Play-Charakter wieder etablieren. Aber Österreich ist ohnehin anders.
Wieso?
EISEL: Ehrlich: Ich hab' vor zwei Jahren beschlossen, auf Österreich zu pfeifen. Es bringt mir keinen Cent mehr, ob man zu Hause über mich redet oder schreibt. Und mir ist es egal, was die Leute sagen. Ich genieße im Ausland weit mehr Anerkennung. Und ich konzentriere mich ganz auf mich, auf meinen Sport, aufs Radfahren. Aber, nur um mich nicht falsch zu verstehen: Ich liebe Österreich und bin mit Leib und Seele Österreicher. Ich würde nie woanders wohnen.
Wie schätzen Sie die Situation im Radsport derzeit ein, was das Doping-Problem betrifft?
EISEL: Gleich wie in den zwei Jahren zuvor. Die Teams haben eigene Kontrollen, dazu haben wir intelligente Kontrollen eingeführt. Ich wurde seit Ende der Vorsaison etwa 20 Mal kontrolliert, dazu gibt es Blut-Profile. Viel mehr geht nicht.
Jetzt, wo es gut läuft: Haben Sie einen Plan, wie lange Sie noch fahren wollen?
EISEL: Ja, hab' ich. Wenn ich das Niveau halten kann, dann noch acht Jahre. Weil es doch schön ist, wenn man für seine Leidenschaft bezahlt wird, oder?
Features
Rad-Klassiker
Eintagesrennen mit dem größten Prestige, der längsten Tradition und der höchsten Qualität der Siegerliste werden im Radsport "Klassiker" genannt.
Die bekanntesten Klassiker wiederum werden als "Monumente des Radsports" bezeichnet: Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und die Lombardei-Rundfahrt.
Gent-Wevelgem ist ein sogenannter "Halb-Klassiker", der auf bestem Wege ist, zu einem der echten Klassiker zu werden.













