Ueli Gegenschatz: "Der Traum vom Fliegen"
Ueli Gegenschatz ist einer der besten Wingsuit-Base-Jumper der Welt. Mit 200 km/h gleitet er im freien Fall an den größten Felswänden der Erde entlang.

Foto © GEPAUeli Gegenschatz
Herr Gegenschatz, was sagt denn Ihre Mutter dazu, dass Sie sich von Bergen stürzen und an Felswänden entlang fliegen?
UELI GEGENSCHATZ (lacht): Mein Umfeld steht dem Ganzen sehr positiv gegenüber. Aus dem einfachen Grund, weil meine Eltern und meine Freundin meine Entwicklung Schritt für Schritt verfolgt haben. Ich bin ja nicht einfach so von einem Berg gesprungen. Meine Eltern und meine Freundin wissen, dass ich sehr kalkuliert und strategisch vorgehe.
Wie kommt man eigentlich zu einer Sportart wie Wingsuit Base-Jumping?
GEGENSCHATZ: Das hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Beim Schweizer Militär habe ich mit dem Fallschirmspringen begonnen. Über Sky-Surfen und Free-Flying ging es dann weiter. 1997 habe ich dann mit Base-Jumpen begonnen. Gleichzeitig war ich beim Fallschirmspringen schon mit dem Wingsuit unterwegs. Irgendwann ist dann der Gedanke gekommen, das zu kombinieren. Im Sommer 2000 war es dann erstmals so weit.
Worauf kommt es denn beim Wingsuit-Springen an ?
GEGENSCHATZ: Zuerst muss man lernen, seinen Körper fliegen zu können. Dann muss man lernen, den Wingsuit zu fliegen. Ganz wichtig ist auch, dass man den Fallschirm optimal beherrscht. Erst wenn man gut Fallschirmspringen kann und den Wingsuit aus dem Flugzeug heraus sehr gut fliegen kann, ist man reif für einen Absprung vom Berg. Es braucht auf alle Fälle eine extreme Körperspannung und viel Körpergefühl. Aber es ist nicht förderlich, große Muskelpakete aufzubauen, denn darunter leidet dann die Aerodynamik.
Apropos Aerodynamik. Wie schnell rasen Sie denn da durch die Luft?
GEGENSCHATZ: Normal fällt man mit rund 200 km/h, durch den Wingsuit durchschnittlich nur mit 75 km/h. Mit dem Anzug geht es aber auch mit 150 bis 200 km/h vorwärts.
Aussehen tut die Sache sehr gefährlich. Wie groß ist das Risiko tatsächlich?
GEGENSCHATZ: Eigentlich überhaupt nicht groß. Man macht das ja nicht einfach so, sondern baut das langsam auf. Und dann muss natürlich auch alles passen. Das heißt, die Felswand muss geeignet sein. Die Verhältnisse müssen stimmen. Wenn es wolkenverhangen oder neblig ist, oder der Wind zu stark weht, ist es nicht kalkulierbar. Passt alles, ist es möglich mit dem Wingsuit sehr präzise zu fliegen.
Gab es denn schon einmal kritische Situationen?
GEGENSCHATZ:Nur insofern, als dass man am Berg oben steht und das Wetter passt nicht. Da muss man sich dann entscheiden, springe ich, oder gehe ich wieder runter. Da ist es ganz wichtig, auch nein sagen zu können. Denn der Berg läuft ja nicht weg. Beim Fliegen selbst taste ich mich zwar ans Limit heran, ein Sicherheits-Spielraum muss da aber immer mit drin sein.
Sie kommen dabei ja sehr nah an die Felswände heran.
GEGENSCHATZ: Bei optimalen Verhältnissen und wenn die Wand vom Verlauf her optimal ist, ist es absolut möglich, mit einer Distanz von weniger als zwei Metern präzise zu fliegen. Das geht aber nur in ruhiger Luft und wenn man als Springer die entsprechenden Fähigkeiten mitbringt.
Da wird der Traum des Menschen vom Fliegen wahr, oder?
GEGENSCHATZ: Im Optimalfall dauert ein Flug an die zwei Minuten, in denen man frei wie ein Vogel an einer Felswand entlang gleitet. Ja, ich glaube, das kommt diesem Traum sehr, sehr nahe. Selbst nach neun Jahren übt jeder einzelne Sprung eine sehr große Anziehung aus. In den letzten Jahren habe ich mich darauf spezialisiert, nicht einfach zu fliegen, sondern mit dem Berg zu spielen, die Konturen abzufliegen und neue Wege zu finden. Erst ganz am Schluss fliege ich dann weg vom Berg, um eine sichere Öffnungshöhe für den Fallschirm zu haben.
Das klingt ganz so, als sei ihr Sport bereits zu einer Sucht geworden.
GEGENSCHATZ: Ein Stück weit auf jeden Fall. Die körpereigene Droge Adrenalin und die Endorphine, die Glückshormone, lösen ein Gefühl aus, das ich immer wieder haben möchte. Eine Woche Regenwetter ist also schon suboptimal.
Sie sind im Brotberuf in der Versicherungsbranche tätig. Würden Sie jemanden wie Sie noch versichern?
GEGENSCHATZ: Ich schon. Weil ich dahinter sehen kann, was da für ein Aufwand betrieben wird. Das ist etwas, das nicht für jedermann zugänglich ist. Die Restrisiken sind aber ganz klar kalkulierbar. Im Verhältnis zu vielen anderen Tätigkeiten im Leben sind sie sogar wesentlich kleiner.
Von welchen Objekten werden wir Sie denn in Zukunft springen sehen?
GEGENSCHATZ: Meine große Leidenschaft ist es, Felswände zu finden, von denen noch nie jemand gesprungen ist. Da gibt es noch sehr viele. Der Himalaya etwa ist diesbezüglich fast unerforscht. Zudem wirke ich demnächst in einem Hollywood-Film mit. Mehr darf ich dazu nicht verraten.
Features
Fakten
B.A.S.E. steht für Building (Gebäude) , Antenna (Sendemast), Span (Brücke), Earth (Felsen).
Beim Wingsuit trägt der Athlet einen Anzug aus einem Polyesther-Gewebe (Kosten 600-1300 Euro) , der den Fall bremst und einen Vorwärtsflug ermöglicht.














