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Zuletzt aktualisiert: 10.01.2009 um 22:14 UhrKommentare

Von Ost nach West und wieder retour

Der Handball-Exzentriker über zu viel Popularität, das Leben in der DDR, über die Bild-Zeitung und seinen bemalten Körper.

Stefan Kretzschmar

Foto © APAStefan Kretzschmar

Darf ich gleich einmal mit der Tür ins Haus fallen? Wer wird denn neuer Handball-Weltmeister?
STEFAN KRETZSCHMAR (atmet hörbar tief durch): Puuuuuh! Ich hoffe natürlich Deutschland. Ganz klare Favoriten sind aber Frankreich und Kroatien.

Deutschland schreibt ja gerne Märchen. Ein zweites Wintermärchen nach Eurem WM-Titel vor zwei Jahren halten Sie also eher nicht für realistisch?
KRETZSCHMAR: Ich glaube, dass sich Deutschland vor niemandem verstecken muss. Unsere erste Sieben kann sicher auch diesmal jederzeit um den Titel mitspielen. Das sind Spieler, die in der deutschen Liga - angeblich ja die stärkste der Welt - Woche für Woche den Ton angeben. Jeder würde sich die Finger ablecken, diese Spieler in seiner Mannschaft zu haben. Nur hat Deutschland in Kroatien die Fans nicht hinter, sondern gegen sich. Noch dazu die heißblütigsten, die ich kenne.

Und das Olympia-Turnier in Peking war ja auch nicht gerade berauschend.
KRETZSCHMAR: So etwas gehört zum Handball. Einmal entscheidet ein Tor auf oder ab für dich, einmal gegen dich. Als wir vor zwei Jahren in Deutschland Weltmeister wurden, hatten wir ein ganzes Land im Hintergrund. Diese Motivation fehlte in Peking. Olympia war ein Event. Viele Menschen in der Halle. Aber wir haben dort vor Tausenden Gesichtslosen gespielt.

Was unterscheidet denn eure Weltmeister-Mannschaft von der heutigen?
KRETZSCHMAR: Dass einige der Führungsspieler wie ein Fritz, Schwarzer oder Bauer nicht mehr dabei sind. Das musst du erst einmal kompensieren. Wir brauchen mehr Teamgeist, um das wettzumachen. Aber es gibt keine Hierarchie mehr. Was wieder gut ist, weil viele dadurch befreiter aufspielen.

Sie haben seinerzeit bei Gummersbach und auch im Nationalteam selbst unter Heiner Brand gespielt. Was zeichnet ihn als Teamchef aus?
KRETZSCHMAR: Dass er ein Bundestrainer mit unglaublich viel Sachverstand ist. Ein Mann mit derartigen Erfolgen kann kein Handball-Fachidiot sein. Ihn umgibt außerdem eine große Aura, er genießt auch international viel Respekt und nimmt dadurch den Druck von den Jungs.

In Ihrer unlängst erschienen Biographie (Titel: "Anders als erwartet", Anm.) haben Sie gemeint, prominent zu sein wäre gar nicht so toll, wie sich das viele Menschen vorstellen. Ist das Rampenlicht, in dem ein Handballer steht, wirklich derart grell?
KRETZSCHMAR: Nein, nein, ganz so arg ist es auch nicht. Ich kann sehr gut mit meinem Status der Popularität leben. Es gibt Schlimmeres. Sagen wir so: Ich profitiere mehr davon, als es mir schadet. Ich kann mich allerdings noch immer so ruhig und frei bewegen, wie das für meinen Freiheitsdrang wichtig ist. Aber die Popularität ist zweifellos nicht die erstrebenswerteste aller Lebensarten. Ich wüsste da einige andere, mit denen ich auch sehr gut zurecht käme.

Weil man in Deutschland mit Popularität, ob man das will oder nicht, seitenweise die "Bild-Zeitung" füllt?
KRETZSCHMAR: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Die "Bild" ist so mächtig in diesem Land, dass sie dich jederzeit aufbauen, aber auch nach Belieben zerstören kann. Sich mit der "Bild" einzulassen, ist so etwas Ähnliches wie ein Pakt mit dem Teufel. Man kommt aber nicht drum herum, weil es letztlich die beste Symbiose ist, die es gibt.

Sie sind in der DDR groß geworden. Wie sehr prägt Sie das heute noch immer?
KRETZSCHMAR: Da gibt es zwei Komponenten. Die eine, dass ich die bestmögliche Sportausbildung genossen habe, die man sich vorstellen kann. Wo sonst konnte man schon als Kind zwei Mal täglich trainieren? Die andere Komponente, dass damals in der DDR noch Sachen wichtig waren, die auch wirklich wichtig sind. Es gab dort sehr wenige Egoismen.

Deshalb hat es Sie auch nach drei Jahren im Westen wieder in den ehemaligen Osten zurück gezogen?
KRETZSCHMAR: Ich habe die Nähe zu Berlin sehr vermisst. Das Angebot von Magdeburg war außerdem sehr gut. Aber der Unterschied ist heute ja nicht mehr so frappierend. Alles ist schon ziemlich verwaschen.

Sie stehen normalerweise in zerrissenen Jeans und schrillem Outfit am Spielfeld. Es gibt aber auch Bilder, die Sie im Frack zeigen. Das sind doch nicht Sie, oder? Wie eingezwängt fühlen Sie sich denn da?
KRETZSCHMAR: Das sind alles nur Facetten des Lebens. Rollen, die man spielt oder manchmal spielen muss. Aber natürlich ist ein Frack nicht das, was ich jeden Tag tragen möchte. Das gebe ich schon zu.

Auch Ihre zahlreichen Tätowierungen haben Zeitungsseiten gefüllt. Wie oft werden Sie heute noch darauf angesprochen?
KRETZSCHMAR (lacht): Sie sind heute zumindest keine sonderlich aufsehenerregende Geschichte mehr. Die Tatoo-Bewegung hat sich inzwischen etabliert. Man gehört heute doch fast schon zur Minderheit, wenn man nicht mehr richtig tätowiert ist (lacht wieder auf).

Noch einmal zurück zum Handball. Was wissen Sie denn diesbezüglich von Österreich?
KRETZSCHMAR: Ich bin mit Leuten in Bregenz recht gut befreundet, weiß dadurch einigermaßen Bescheid. Auch Euren früheren Teamchef, den Rainer Osmann, kenne ich schon sehr lange.

Und Österreichs Legionäre in Deutschland? Wie stufen Sie die ein? Es ist doch eine mittlere Sensation, dass ein Österreicher in der deutschen Liga Torschützenkönig wird.
KRETZSCHMAR (lacht wieder): Das ist auch aus meiner Sicht eine Sensation. Aber da gibt es bei Euch derzeit einige wirklich herausragende Spieler. Die gab's zwar immer schon, jedoch noch nie in derartiger Quantität.

Haben Sie irgend einen Tipp für Österreich für unsere nächstjährige Europameisterschaft?
KRETZSCHMAR: Dass die Handballhallen die Euphorie Eurer Schipisten brauchen. Dann ist Österreich sicher einiges zuzutrauen. Denn glauben Sie mir, ganz so schlecht ist Eure Mannschaft gar nicht.

Zum Abschluss noch ein bisschen Kaffeesudlesen. Wohin wird sich der Handball generell entwickeln?
KRETZSCHMAR: Der Handball ist heute schon so etwas von schnell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er noch schneller wird. Er wird vermutlich noch kraftvoller werden. Die physischen Akzente werden noch entscheidender werden. Obwohl wir schon heute Maschinen als Spieler haben. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass der Handball so bleibt, wie er derzeit ist.

Wie sehr wird er Schaden durch die Wirtschaftskrise nehmen?
KRETZSCHMAR: Ich hoffe natürlich, nicht allzu sehr. Aber bitte keine Augenauswischerei, auch dem Handball werden Sponsoren weg brechen. Das wird sicherlich die größte Herausforderung 2009 werden. INTERVIEW: GERALD POTOTSCHNIG

INTERVIEW: GERALD POTOTSCHNIG

Zur Person

Stefan Kretzschmar

Geboren: 17. Februar 1973, Leipzig. Partnerin Maria aus Kuba, eine Tochter (10), ein Sohn (1).

Karriere: 421 Bundesligaspiele und 1694 Tore (VfL Gummersbach und SC Magdeburg), Champions-League-Sieg und drei EHF-Pokale mit Magdeburg. 218 Länderspiele, 821 Tore, u. a. EM-Bronze 1998, Olympia-Silber Athen 2004. Nun Sportdirektor in Magdeburg.

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