Aufkeimende Gewalt im Schatten der WM-Kameras
Die Zeichen mehren sich, dass es nach der WM Ausschreitungen gegen unerwünschte Ausländer geben wird. In einigen Townships sind die Tage dafür bereits festgelegt.

Foto © ReutersWas geschieht nach der WM?
Diese WM war ein eindeutiger Erfolg für das Land: Südafrika hat bewiesen, dass es so ein Großereignis perfekt organisieren kann, die Kriminalität zumindest für vier Wochen in Schranken verweisen - und Fans aus aller Welt freundlich willkommen heißen kann. Wenn es doch einfach dabei bleiben könnte. Die Zeichen mehren sich, dass dies nicht der Fall sein wird: In einigen Townships sind sogar die Tage bereits festgelegt, wann es den verhassten Flüchtlingen aus anderen afrikanischen Ländern an den Kragen gehen soll. Je nach Region soll es zum "Ausbruch" von Gewalt gegen unerwünschte Ausländer entweder am 14., 15. oder 16. Juli kommen. Einige können es kaum noch abwarten, bis die letzten Touristen, voll positiver Eindrücke von der Regenbogen-Nation, abgeflogen sind.
Ich wünschte, ich könnte die Zeichen ebenso ignorieren wie die meisten unserer deutschen und holländischen Besucher, die am Ende frohgemut selbst die Vuvuzelas akzeptiert und zum beliebtesten Mitbringsel erkoren haben. Oder wie unsere weißen südafrikanischen Freunde, die sich endlich einmal sicher fühlen auf den Straßen der Innenstädte und begeistert Gebrauch machen von einem bislang nie da gewesenen funktionierenden öffentlichen Verkehrssystem.
Leider kann ich es nicht. Die Zeichen sind zu deutlich für jemanden, der täglich in einem Kinderhaus im Township Masiphumelele arbeitet, mit gut 30.000 Bewohnern eine der kleineren Armensiedlungen südlich von Kapstadt. Obwohl die Zeichen selbst dort nicht auf Anhieb für jeden erkennbar sind, so als würden sie bewusst verborgen gehalten, jedenfalls für die allgemeine Öffentlichkeit:
Einige Beispiele
Nur einige Beispiele, wenige Tage vor dem großen Finale am 11. Juli, die andeuten, was sich hier und in anderen Townships in Südafrika zusammenbraut: * Nach Feierabend, es ist bereits dunkel, spricht mich ein junger Mann aus Simbabwe, ein Nachbar des Kinderhauses an: "Sie haben mir gesagt, dass ich spätestens am Tag danach einpacken soll." Und wenn nicht? "Sie werden unsere Hütte anstecken. Sie riefen: Ihr nehmt uns die Jobs und die Wohnungen! Und wir haben Euch schon mal gezeigt, zu was wir in der Lage sind. Wir können dir nur raten, bis Sonntagabend hier weg zu sein!"
* Ein andere Nachbar aus Simbabwe ergänzt: "Er wird Probleme bekommen. Er hat noch nicht gelernt, sich zu verstellen und die Sprache der Mehrheit im Township zu sprechen. Ich kann das inzwischen, ohne Akzent. Diejenigen, die später kamen und noch immer unsere Muttersprache aus Simbabwe benutzen, werden als erste dran sein. So wie die meisten Somalier, die gar keine Chance haben, weil sie auch noch anders aussehen."
* Eine junge Mutter, ebenfalls aus Simbabwe, kommt weinend von der Arbeit heim, ihr kleines Kind fest gegen die Brust gedrückt: "Im Bus haben mich ein paar Männer angepöbelt: Nach der WM kriegen wir dich! Dich und dein Baby! Ich fragte ruhig zurück: Was haben wir beide euch denn getan? Ihr nehmt uns die Arbeit weg! Ihr alle! Und einer stieß mich so grob, dass ich beinah gefallen wäre. Dann rief der Busfahrer etwas in ihrer Sprache, alle lachten, aber ließen uns immerhin in Ruhe. Ich habe solche Angst..."
* Der Leiter unserer Jugendgruppe, Simphiwe Nkomombini, ein zuverlässiger friedliebender Mann - er arbeitet mit mehr als vierzig Jugendlichen seit Jahren vor allem auf den Gebiet der Aids-Prävention - berichtet besorgt nach dem letzten Treffen: "Nur acht Jugendliche verteidigten mit mir die Rechte von afrikanischen Flüchtlingen. Alle anderen meinten voller Überzeugung: Hier platzt alles aus den Nähten. Keine Arbeit. Keine Häuser, nur Bruchbuden. Und da die Regierung nichts tut, müssen wir selbst etwas unternehmen. Die müssen hier weg. Notfalls mit Zwang. Wir machen mit, wenn es soweit ist..." Der Jugendleiter sagt besorgt: "Ich bin schockiert, wie leichtfertig sie von Gewalt reden. Ich werde nicht aufgeben, sie von friedlichen Lösungen zu überzeugen."
Nur wenige können die Mehrheit anstacheln...
Ja, es gibt auch Leute wie diesen jungen Pädagogen und fraglos ist die Mehrheit der Bewohner in unserem Township gegen Mord und Totschlag. Aber es braucht ja nur eine gewaltbereite Minderheit, um eine Mehrheit anzustacheln. Das ist im Mai 2008 geschehen, als über 60 Menschen im Land ermordet und zehntausende vertrieben wurden. Es kann wieder passieren. Auch, weil sich seit damals nichts verändert hat, abgesehen von einigen moralischen Appellen. Die vielen Protest-Demonstrationen gegen Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot haben bislang kaum irgendwo zu spürbaren Verbesserungen geführt. Die Proteste sind auch keineswegs beendet, sondern nur "ausgesetzt" - für die Dauer der WM.
Nachdem Südafrika gezeigt hat, dass es gut für die Ausländer sorgen kann, die ausreichend Geld mitbringen, ist es nun an der Zeit zu beweisen, dass es auch die achtet, die nicht bezahlen können. Ebenso Menschen wie die, die das Land in Kürze in Flugzeugen wieder verlassen werden. Das sage ich auch vor dem Hintergrund, dass ich nach fast zehn Jahren Arbeit in einer Armensiedlung, vor allem in Projekten zu umstrittenen Themen wie Aids und Wohnungsnot, zunehmend überzeugt bin, dass es nicht zuerst Geld ist, das wirkliche gesellschaftliche Veränderungen, vor allem die Überwindung der nach wie vor extremen Unterschiede zwischen arm und reich, ermöglicht oder nicht. An erster Stelle kommt eine faire Kommunikation und Zusammenarbeit unter denen, die am meisten von einem Problem betroffen sind. Nur so kann die dauernde Konkurrenz um immer zu knappe Ressourcen zugunsten von zuverlässiger Planung überwunden werden.
An zweiter Stelle steht Aufklärung und Bildung über Entscheidungsebenen von Politik, über die Entstehung und Überwindung bestimmter Probleme und schließlich der Entwicklung einer gemeinsamen Strategie. Nur dann werden Spenden und "Entwicklungshilfegelder" etwas langfristig bewirken. Werden eins und zwei ignoriert, werden die meisten Investitionen nur zu noch mehr Konflikten und nach einer Weile, fast unvermeidbar, zu Korruption führen.
Was jetzt noch nötig ist
Bitte, Präsident Zuma von Südafrika und Fifa-Präsident Blatter: Lobt in Eurer Abschlussrede das südafrikanische Volk nicht nur für die Gastfreundschaft der vergangenen vier Wochen, sondern sagt, dass Ihr die gleiche Freundlichkeit gegenüber den Ausländern erwartet , die nicht nach dem 11. Juli das Land verlassen können. Die meisten von ihnen haben Gastfreundschaft noch viel bitterer nötig ! Bitte, Eltern und Lehrer, erklärt Euren Kindern, auch Euren Freunden und Nachbarn, dass es ein Ende der Apartheid und ein neues demokratisches Südafrika nicht gegeben hätte ohne all jene afrikanischen Nachbarn, die den südafrikanischen Freiheitskämpfern über Jahrzehnte Zuflucht und Unterstützung gewährten. Bitte, Polizisten und Sicherheitskräfte, seid ebenso konsequent gegenüber jedem Anfang von Gewalt gegen arme Ausländer wie Ihr es einen Monat lang im Schutz für wohlhabende Fans wart. Greift durch bei jenen, die andere aufstacheln! Schaut nicht weg, wartet nicht auf Befehle von Vorgesetzten, wenn Unrecht unübersehbar geschieht!
Jeden Morgen während der südafrikanischen WM-Schulferien gibt es bei uns im Kinderhaus eine Versammlung aller Kinder und Jugendlichen. Eines von ihnen hat den Vorsitz, und alle Themen können angesprochen werden. Letzten Samstag sprach ein Junge das Thema Ausländerfeindlichkeit am. Alle Älteren wussten sich noch gut an die Vorfälle im Mai 2008 zu erinnern.
Eine Erzieherin, Sinazo Khanyile, erzählte den Kindern, wie sie selbst Gewalt zwischen den südafrikanischen Völkern der Zulus und Xhosa erlebt hatte, als sie noch klein war: "In einer Nacht kamen ein paar Xhosa zu uns, schlugen an die Tür und schrien: Ihr Zulus müsst hier verschwinden. Wir hassen Eure Sprache! Dann ergriffen sie eine Mutter im Nachbarhaus und prügelten auf sie ein. Mein Vater stellte sich dazwischen und konnte Schlimmeres verhindern. Ich hatte solche Angst und habe nur geweint. Wollt Ihr, dass so etwas unseren Nachbarn hier geschieht?"
Alle Kinder schüttelten entschieden die Köpfe. Einige liefen zu der jungen Erzieherin und umarmten sie tröstend. Es liegt an uns allen, was diese Kinder in ein paar Jahren denken und tun werden.
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Zur Person
Der Deutsch-Holländer Lutz van Dijk gründete im Jahr 2001 der Südafrikanerin Karin Chubb, die Hilfsorganisation Hokisa (Homes for Kids, www.hokisa.co.za), eine südafrikanische Stiftung, die Kinder aufnimmt, deren Eltern an Aids gestorben oder so krank sind, dass sie sich nicht mehr kümmern können.
Er ist zudem Autor mehrere Bücher. Sein Roman "Romeo und Jabulile" über die Geschichte eines Jungen, der es bis in die südafrikanische Nationalmannschaft schafft und danach an HIV erkrankt, wurde gerade verfilmt und kommt unter dem Filmtitel "Themba" ab 5. August in die Kinos.
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Lutz van DijkFoto © privat
















