Bielsa ist Chiles Star auf der Trainerbank
Der Star in Chiles Nationalteam ist der Coach: Marcelo Bielsa gilt als einer der beeindruckendsten, aber auch undurchschaubarsten Nationaltrainer.

Foto © APMarcelo Bielsa
Der akribische Arbeiter und gewiefte Taktiker ist ein überzeugter Anhänger des Offensivfußballs. Der 54-Jährige meidet das Mediengetümmel und brütet lieber stundenlang über Taktik und System - und vereint wie kein Anderer so viele Widersprüche in sich. Bielsa gilt einerseits als Trainer der alten Schule: äußerst autoritär, ein Kontrollfreak, kein Mitspracherecht der Spieler. Bei der WM verbot er diesen im hermetisch abgeriegelten Mannschaftsquartier in Nelspruit Außenkontakt über Twitter oder Facebook. Internetbenutzung ließ er nur eingeschränkt zu. Andererseits ist der Sohn einer Rechtsanwaltsfamilie aus Rosario ein großer Kunst- und Literaturliebhaber und engagiert sich sozial. Nach dem schweren Erdbeben in Chile besuchte Bielsa stark betroffene Regionen und rief im TV zu Spenden auf. Bruder Rafael kämpfte einst gegen die argentinische Militärdiktatur.
"El loco" - der Verrückte
Seinen Spitznamen "El loco" (Der Verrückte) verdankt Bielsa seiner Akribie und Arbeitswut. Er ist ein Fußball-Verrückter, besessen und beseelt von der Idee, das Spiel ständig zu perfektionieren. Im Grunde genommen ist Bielsa die perfekte Mischung seiner beiden berühmten Landsleute, den Trainer-Legenden und Weltmeister-Machern Cesar Luis Menotti und Carlos Bilardo. Von Menotti, der 1978 den ersten Titel mit der "Albiceleste" holte und wie er aus Rosario stammt, hat Bielsa die Leidenschaft zum attraktiven Offensivstil übernommen. Bei Bilardo, 1986 Weltmeister, überzeugte ihn vor allem dessen Pragmatismus.
Wegen Verletzung Karriere beendet
Eine Verletzung zwang den durchschnittlich begabten Verteidiger, schon im Alter von 25 Jahren seine aktive Karriere zu beenden. Nach nur vier Einsätzen in vier Profijahren bei den Newell's Old Boys arbeitete er dort sofort als Nachwuchstrainer und stieg mit 35 zum Chefcoach auf. Bereits in seiner ersten Saison holte er mit dem Provinzverein den Titel. Aus Dank wurde das Stadion nach ihm benannt.
Überraschend zum Teamchef-Sessel
Ohne einen der renommierten Landesclubs wie Boca Juniors oder River Plate aus Buenos Aires gecoacht zu haben, wurde Bielsa 1998 überraschend zum argentinischen Teamchef berufen. Noch heute leidet der ausgezeichnete Theoretiker und Psychologe am desaströsen Aus nach der Gruppenphase bei der WM 2002. Auch der Olympiasieg 2004 half Bielsa nicht über dieses Trauma hinweg: Zwei Wochen später gab er sein Amt auf: "Ich habe keine Energie, keinen Antrieb mehr."
Erst nach drei Jahren Pause übernahm der "Welt-Nationaltrainer 2001" Chiles Nationalteam - angesichts der historischen großen Rivalität der Nachbarländer eine Revolution. Nach anfänglicher Kritik gewann Bielsa dank überzeugender Arbeit und guter Ergebnisse nach und nach große Anerkennung. Chiles sozialistische Ex-Präsidentin Michelle Bachelet, mit der Bielsa ein enges persönliches Verhältnis pflegt, bezeichnete den Argentinier einmal als "Vorbild für Chile". Gekrönt wurde Bielsas bisherige Arbeit in Chile mit der souveränen WM-Qualifikation und dem Einzug ins Achtelfinale.
















