Spanien muss auch seine Kritiker besiegen
Spaniens Teamchef Vincente Del Bosque übt sich vor der Partie gegen Honduras in Optimismus. "Wenn wir noch sechs Partien gewinnen, sind wir Weltmeister", lautet seine Botschaft. Die Kritiker schießen aber scharf auf ihn.

Foto © APVincente Del Bosque als Ballkünstler
Seine Krisenstrategie hat Vicente Del Bosque sofort kommuniziert, sie lautet: Weiter so! Gleich nach der schmerzvollen 0:1-Auftaktniederlage gegen die Schweiz scharte er seine Spieler um sich und erinnerte sie an die vielen gewonnen Partien der letzten beiden Jahre. Bei 25 Siegen und zwei Niederlagen sowie einer Tordifferenz von 75:16 steht Spanien in der Amtszeit des Gentleman aus Salamanca, doch gegen Honduras geht es für den WM-Favoriten schon um den Verbleib im Turnier. Zuhause ist die Stimmung in den letzten Tagen dramatisch umgeschlagen, von hemmungslos optimistisch zu verblüffend pessimistisch. Plötzlich glaubt nicht einmal jeder fünfte Spanier an den Titel.
"Wenn wir noch sechs Partien gewinnen, sind wir Weltmeister", entgegnet dem Del Bosque. Der Coach sieht sich momentan primär als Animateur gefragt, er will verhindern, dass der Fatalismus seine Spieler befällt. "Podemos", lautete seine Botschaft der letzten Tage: "Yes, we can".
Der 59-Jährige gilt als einfühlsamer Trainer, schon in seiner erfolgreichen Zeit bei Real Madrid hat er die Spieler eher an der langen Leine geführt. Und so hatte er auch kein Problem damit, dass sich ein Großteil seiner Eleven am Tag nach dem Schweiz-Fiasko die Nacht um die Ohren schlugen, um Landsmann Pau Gasol beim NBA-Gewinn mit den Los Angeles Lakers zuzuschauen. Del Bosque zieht seine Linie durch, gerade jetzt, wo sie heftig unter Beschuss geraten ist.
Als oberster Kanonier betätigte sich dabei kein geringer als sein Vorgänger. Europameister-Coach Luis Aragonés co-kommentiert die WM für den arabischen Sender "Al Jazeera", und er fand dort harsche Worte zur ersten Vorstellung seiner ehemaligen Elf. "Niemand gewinnt einen Titel vor dem ersten Spiel", sagte er - eine Anspielung auf vermeintliche Selbstzufriedenheit. "Mentale Probleme" präzisierte er, die Mannschaft sei das Spiel langsam und unentschlossen angegangen. "Es fehlte an Überzeugung, an Tempo im Spiel ohne Ball und bei der Suche nach Räumen." Er hätte außerdem nur mit einem statt zwei defensiven Mittelfeldspielern agieren lassen.
Mit letzterer Bemerkung war die Systemdebatte eröffnet. Im Ergebnis geht es auch um die Frage: ein Stürmer (Del Bosque) oder zwei (Aragonés). Sie hat durch die ausbleibenden Tore gegen die Schweiz natürlich an Aktualität gewonnen.
"Opportunistisch" findet es Xabi Alonso, auf Grundlage eines einzigen Resultats die erprobte Kombination in Frage zu stellen, während Del Bosque daran erinnerte, "dass Xabi in meiner Amtszeit nach David Villa der zweitbeste Torschütze war." "Es gibt nur ein Spanien, nicht eines von Del Bosque und eines von Aragonés", sagte er auch noch. "Wenn wir sterben, dann mit unseren Ideen", sagte Fernando Torres am Samstag im Teamquartier in Potchefstroom, "ob wir jetzt mit einem Stürmer spielen oder zwei." Später am Abend kam dann die Polizei und riegelte das Gelände weiträumig ab - Geheimtraining. Für den Favoriten ist es ernst geworden bei dieser WM.






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