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Zuletzt aktualisiert: 29.06.2010 um 11:45 UhrKommentare

Der Rekordweltmeister auf dem Weg zum Top-Favoriten

Kühl, rasant und ungeheuer effizient: Die Brasilianer tanzen nicht Samba, geben aber den Rhythmus bei der Fußball-WM in Südafrika vor.

Foto © AP

Nach ihrem 3:0-Sieg gegen Chile hat die "Selecao" endgültig die Favoritenrolle in Südafrika - und geht darin auf. "Das war eine richtig gute Vorstellung. Wir steigern uns von Spiel zu Spiel - so wie es geplant ist", erklärte Regisseur Kaka. Am kommenden Freitag will der Rekordweltmeister dies auch im Viertelfinale gegen die Niederlande in Port Elizabeth unter Beweis stellen.

Erstmals seit Wochen saß Teamchef Carlos Dunga völlig entspannt bei einer Pressekonferenz, lächelte und plauderte. Der 46-Jährige spürte, dass es jetzt endlich jeder kapiert hat: Brasilien spielt nicht mehr das fast tagtäglich von den angeblich über 800 mitgereisten brasilianischen Journalisten geforderte "Jogo bonito" - Brasilien spielt Präzisionsfußball modernster Prägung, der bei Bedarf auch etwas fürs Auge bietet.

Wenn beispielsweise Kaka den tödlichen Pass sucht, wenn Robinho elegant nach innen zieht oder wenn der höchst effektive Luis Fabiano an vorderster Front für Wirbel sorgt. Doch das Trio lebt vor allem davon, dass der fünffache Weltmeister anno 2010 sich in der eigenen Platzhälfte kompakt wie kaum zuvor in den letzten Jahren verhält. "Dieses Spiel heute ist nicht nur das Spiel von heute. Dieses Spiel ist das Ergebnis von dreieinhalb Jahren Arbeit. Aber wir können uns noch in allen Bereichen verbessern", meinte Dunga, dessen Schützlinge im Ellis Park von Johannesburg hochzufrieden zum Mannschaftsbus schlenderten.

"Das war ein exzellentes Spiel von uns. Wir haben den Ball laufen lassen und steigern uns im richtigen Moment", meinte Luis Fabiano. Der Stürmer vom FC Sevilla freute sich auch über seine drittes Turniertor (38.). Gegen die aus verständlichen Gründen im vierten WM-Spiel einmal wesentlich defensiver formierten Chilenen hatte Innenverteidiger Juan (34.) seine Elf per Kopf in Führung gebracht. Nach dem 3:0 durch Robinho (59.), der sein erstes WM-Tor überhaupt erzielte, war Chile nur noch bemüht, zumindest in keine schwere Schlappe zu laufen.

Chile ohne "den nötigen Punch"

An der wohl stärksten Abwehr dieser WM mit Kapitän Lucio, seinem Nebenmann Juan, Maicon und Michel Bastos bissen sich die Kicker aus dem Andenstaat die Zähne aus. Zum achten Mal in Serie ging die "Roja" gegen Südamerikas Fußball-Großmacht als Verlierer vom Platz und wartet weiter auf das erste Viertelfinale seit 1962. "Brasiliens Überlegenheit war zu viel für uns, wir konnten sie nicht bremsen", meinte Teamchef Marcelo Bielsa. "Es ist schwer, sich einem Gegner anzupassen, wenn es so einen großen qualitativen Unterschied gibt. Wir haben nicht den nötigen Punch gehabt."

Trotz des Aus bleibt Chile eine der positiven Überraschungen dieser WM. Eine der ehemals schwächsten Auswahlen Südamerikas überzeugte mit Angriffsspiel und Mut zum Risiko. Was fehlte war in den entscheidenden Phasen noch Abgebrühtheit sowie körperliche Durchschlagskraft. Mit jener Generation, die 2007 bei der U20-WM Bronze holte, dürfte aber auch in vier Jahren zu rechnen sein. Ob Bielsa da noch an der Seitenlinie stehen wird, bleibt offen. Fragen über seine Zukunft als Teamchef Chiles ließ der exzentrische Argentinier unbeantwortet.

Brasilien darf hingegen weiter von der "Hexa", dem sechsten WM-Titel, träumen. Als nächster Kontrahent warten nun die in Südafrika mit vier Siegen in vier Partien bisher makellosen Niederlande. "Die Niederländer spielen wie Südamerikaner", warnte Dunga. Mit den "Oranjes" verbinden den Weltmeister von 1994 gute Erinnerungen. Bei der WM-Endrunde in den USA 1994 schaltete Brasilien die Europäer auf dem Weg zum Titel im Viertelfinale 3:2 aus, in Frankreich 1998 ging der spätere Vizeweltmeister im Semifinale als 4:2-Sieger im Elfmeterschießen vom Platz. Beide Male war Dunga mit dabei.

Ärger gab es im Lager der Brasilianer nach einem zufriedenstellenden Abend in Johannesburg nur über die Gelbe Karte für Kaka nach einem eher harmlosen Vergehen gegen Arturo Vidal. "Das war ein normales Foul. Jetzt muss ich echt aufpassen im nächsten Spiel, im Semifinale will natürlich niemand fehlen", meinte Superstar von Real Madrid. Für Brasilien wäre das Fehlen Kakas bitter. Bereits im Gruppenspiel gegen Portugal zeigte sich, dass der Regisseur nicht adäquat ersetzt werden kann. Dunga: "Das ist ein Problem, ich will Kaka nicht noch einmal gesperrt wissen."


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