Die Angst des Schiris bei der Gelben Karte
Aus gutem Grund besetzt die FIFA die WM-Spiele stets sehr kurzfristig, sodass man heute gewöhnlich noch nicht weiß, welcher Schiedsrichter morgen welches Spiel leitet.

Foto © Reuters
Einen Vertreter der 33. Mannschaft des Turniers möchte ich aber gerne porträtieren, und da auch in diesem Team der Unparteiischen wieder einmal kein Österreicher zu finden ist, habe ich mich für Olegário Benquerenca entschieden: aber nicht, weil er zusammen mit den Assistenten Bertino Miranda und José Cardinal als erstes rein portugiesisches Schiedsrichterteam bei einer WM nominiert ist; auch nicht, weil er bisher 55 internationale Spiele gepfiffen, dabei 13 Elfmeter ausgesprochen, 13 rote und 288 Gelbe Karten gezeigt hat; nicht einmal, weil er außer Portugiesisch noch Englisch, Französisch und Spanisch spricht.
Ich habe Olegário Benquerenca gewählt, weil er - was immer auch noch kommen mag - das Schlimmste, was einem Schiedsrichter passieren kann, bereits hinter sich hat. Es geht im Fußball neben der Ehre eines Volkes, eines Landes, eines Staates, eines politischen Systems um Millionen und Milliarden. Ein Fehlpfiff, eine falsche Abseitsentscheidung, ein falscher Elfmeter, ein falsches Tor oder richtiges Nichttor können Millionengewinne oder Millionenverluste bedeuten, Regierungskrisen oder Regierungsglück. Und es hat gerade in den letzten Tagen viele umstrittene und viele unumstritten falsche Pfiffe gegeben! Aber das Schlimmste, das einem Schiedsrichter passieren kann, ist, dass er einem Spieler die Gelbe Karte zeigt - und der daraufhin stirbt.
Der arme Olegário Benquerenca hat im Spiel Vitoria Guimaraes gegen Benfica Lissabon kurz vor Spielende dem in der 60. Minute eingewechselten Miklós Fehér wegen Spielverzögerung eine Gelbe Karte gezeigt, worauf Fehér einen tödlichen Herzstillstand erlitt. Die Karte war keine Fehlentscheidung. Fehér hat ja wirklich das Spiel verzögert - nur eben aus triftigem Grund. Womöglich wird Benquerenca diese Szene nie wieder aus dem Kopf bekommen, vor allem nicht, wenn er eine Gelbe Karte zücken muss. Aber er wird vielleicht auch Gelassenheit gewinnen. Denn er weiß aus Erfahrung, dass nichts, was im Weltfußball so wichtig scheint, so wichtig ist.
















