Die Fliegen und ihre Fänger
Im ersten Viertel der WM standen weniger die Stürmer als vielmehr die gravierenden Fehler der Tormänner im Mittelpunkt.

Foto © APEnglands Robert Green leistete sich den ersten groben Schnitzer bei dieser WM
Ri Myong Guk war die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Der Torhüter der Nordkoreaner hatte einen Schuss des Brasilianers Maicon aus spitzem Winkel ins kurze Eck bekommen und dabei etwas unglücklich ausgesehen. Das Bild hatte Symbolcharakter. Die bisherigen Spiele bei der Weltmeisterschaft sind maximal durchschnittlich attraktiv. Dafür häufen sich die Patzer der Männer zwischen den Pfosten.
Robert Green, Goalie der Engländer, hatte die Parade der "Fliegenfänger" eröffnet, es folgten Algeriens Faouzi Chaouchi, der Slowenien den Sieg ermöglichte und Paraguays Justo Villar, der Italien zum billigen Ausgleich verhalf.
Bleibt die WM in Südafrika also als die WM der Tormannfehler in Erinnerung? "Ich glaube nicht", meint Franz Wohlfahrt, ehemaliger Schlussmann der Wiener Austria, des VfB Stuttgart und heute Tormanntrainer des österreichischen Nationalteams. "Bei 64 Spielen gibt es immer einige große Patzer. Das war schon immer so. Jetzt sind sie halt sehr früh und sehr gehäuft passiert." Wobei er nur wenige echte Fehler ortet. "Greens Patzer war schlimm. Und Algeriens Chaouchi hat einen schweren technischen Fehler gemacht und sich völlig falsch zum Ball gestellt." Die anderen Patzer oder Unsicherheiten kämen eben vor. "Der nordkoreanische Kollege hat nicht gepatzt. Er musste einen Schritt zur Mitte machen. Und den Ball so zu treffen, wie das Maicon getan hat, passiert nur sehr selten."
Mindere Qualität
Generell sieht Wohlfahrt, der zwischen 1987 und 2001 immerhin 59 Mal den Kasten der Nationalmannschaft gehütet hat, aber kaum großartige Torhüter. "Mit Ausnahme von Deutschlands Manuel Neuer. Der ist stark. Der Durchschnitt der Torleute in Südafrika ist aber sicher nicht WM-reif." Das unterstreiche für ihn auch die Tatsache, dass sich die Teamchefs mit der Nominierung ihrer Pfostenhüter bis zum Schluss Zeit gelassen hätten.
Dabei sollten gerade bei einer WM doch die Besten ihrer Zunft versuchen, das Runde vom Eckigen fernzuhalten.
"Das Problem ist, dass die Qualität der Torhüter nicht mehr so gut ist, wie sie schon einmal war." Und Jabulani, der WM-Ball, der schon im Vorfeld für Unruhe gesorgt hatte und über den sich sogar Lionel Messi beschwert hatte? "Das war doch beim EM-Ball Europass dasselbe. Ab einem gewissen Tempo bekommt er eine Rotation, mit der sich die Schlussmänner schwertun." Zudem haben sich Kraft und Technik in den letzten Jahren immer weiterentwickelt. "Spieler wie Beichler oder Jantscher können mit ihrer Schusstechnik dem Ball schon so eine Rotation mitgeben, dass er in einem Bogen dahergeflogen kommt."
Einzelkämpfer im Team
Hinter dem Jabulani-Gejammer sieht Wohlfahrt aber auch eine Strategie. "Ein genialer Marketing-Schachzug. Da wird schon vor der WM ein Wirbel gemacht, wie unberechenbar der Ball ist, dazu kommen die Fehler der Tormänner und schon ist das Ding im Gespräch. Mich sprechen viele Kinder auf der Straße an, ob ich ihnen nicht so einen Ball besorgen kann", schmunzelt der 45-Jährige.
Ernster wird er schon, wenn er an die Ausbildung der Torhüter denkt. "Heute musst du ein Psychologe sein, musst die Spieler fast mit Samthandschuhen angreifen. Zu meiner Zeit hat der Trainer gesagt, wenn du nicht bald einen Ball hältst, bist du weg. Dadurch hat man gelernt, mit Druck umzugehen und sich durchzubeißen." Herausragende Torhüter waren immer auch starke Charaktere. Denn auch wenn der Tormann Teil der Mannschaft ist, ist er de facto ein Einzelsportler. Oder wie Wohlfahrt es ausdrückt: "Wenn der Ball aufs Tor fliegt, bist du allein. Da hilft dir keiner mehr."
















