Südafrika vor WM bereit für ein "Wintermärchen"
Es soll sein wie 2006, als die Fußball-WM Deutschland ein vierwöchiges "Sommermärchen" bescherte.

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100 Tage vor dem Eröffnungsspiel wissen die Südafrikaner, dass sie sich allen Unkenrufen zum Trotz mit prächtigen Stadien, hochmodernen Flughäfen und herausgeputzten Innenstädten präsentieren können. Schon lange ist keine Rede mehr vom "Notfall", bei dem die FIFA über einen anderen WM-Ausrichter nachdenken müsste. Dennoch plagen die Gastgeber der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden Sorgen - nicht nur, weil viele eine sportliche Pleite ihrer "Bafana Bafana"-Kicker fürchten.
Entzücken
Es ist zwar alles bereitet für das ersehnte "Wintermärchen" - Juni und Juli sind dort Wintermonate. Teams und Touristen erwartet ein Klima wie im Frühjahr in Europa. Und Südafrika scheint zu einer eindrucksvollen WM in der Lage zu sein: Zehn Arenen, vier davon funkelnagelneu, lösten bei bisherigen Besuchern Entzücken aus. Der WM-Probelauf beim Confed Cup im Juni 2009 zeigte, dass die Gastgeber die Organisation im Griff haben. Die fröhliche Massen-Party in Kapstadt bei der WM-Auslosung im Dezember mit Zehntausenden Fans gab einen Vorgeschmack auf friedfertige Fußball-Volksfeste. Dennoch ist ein Erfolg wie bei der WM 2006 noch lange nicht sicher.
Bayern-Manager Dieter Hoeneß kommt das zweifelhafte Verdienst zu, mit seiner Mäkelei an der ersten WM auf afrikanischem Boden hier zum Inbegriff "unfairer Angriffe" geworden zu sein. Hoeneß hatte einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag auf Togos Team vor dem Afrika-Cup im autoritär regierten Entwicklungsland Angola und der WM im über 1.000 Kilometer entfernten, demokratischen und wirtschaftlich weiter entwickelten Südafrika hergestellt. Wegen der landesweiten Empörung sah sich Deutschlands Botschafter Dieter Haller gezwungen, die "unverantwortlichen Äußerungen" zu kritisieren, Hoeneß habe "Deutschlands exzellenten Ruf in Südafrika beschmutzt". Hallers undiplomatischen Worte zeigen auch die Sensibilität im Lande. Die Gastgeber glauben, dass sich im Zweifel an Südafrika "Arroganz", "koloniales Denken" und gar "Rassismus" der Europäer offenbare.
Gewaltkriminalität
Dabei hat Hoeneß einen heiklen Punkt angesprochen. Zwar ist es fast eine Manie der Südafrikaner, zu behaupten, Kriminalität gebe es in Johannesburg so wie auch in London oder New York. Tatsächlich aber hat Südafrika bei der Gewaltkriminalität weltweit eine traurige Top-Position inne. Touristen sind davon aber nur selten betroffen. 2009 besuchten immerhin fast neun Millionen Menschen (1,4 Mio. Europäer) Südafrika, die sich von der Schönheit und Vielfalt des Landes faszinieren ließen.
Dennoch werden zur WM weniger Fans kommen als erhofft. Die FIFA geht nur noch von 350.000 statt 450.000 Besuchern aus. Schleppend läuft auch der Kartenverkauf im Inland. Zwar nannte WM-Organisationschef Danny Jordaan die Befürchtungen "lächerlich", dass es leere Stadien geben werde. Aber die Gefahr ist groß, dass weniger attraktive Spiele - auch mit Teams aus Afrika - vor halbleeren Rängen stattfinden. Die FIFA hat inzwischen erneut die Preise gesenkt für die Südafrikaner, aber umgerechnet 14 Euro pro Karte sind viel Geld für Fans in der von krassem Wohlstandsgefälle geprägten Gesellschaft mit vielen Millionen Arbeitslosen. Schließlich liegt der Mindestlohn bei 7,50 Euro am Tag.
Fußball aber ist vor allem ein Sport der meist armen Schwarzen, die Weißen bevorzugen traditionell Cricket und Rugby. Südafrikas Nationalhelden Nelson Mandela gelang es 1995, den Sport zu einer zutiefst symbolischen Geste der nationalen Versöhnung zu nutzen. Wie in dem gerade weltweit angelaufenen Clint-Eastwood-Film "Invictus" zu sehen, gilt Mandelas demonstrative Unterstützung des "weißen" Rugby-Teams bei der Heim-WM als Meilenstein für die junge südafrikanische Demokratie. Sie litt damals an den Wunden des gerade abgeschafften, rassistischen Apartheid-Systems - die noch immer nicht geheilt sind.

















