Prilasnig: "Der Titel wäre kein Zufall"
Warum er dem SK Sturm heuer das Meisterstück zutraut, warum er zum besten "Kunden" von Jan-Pieter Martens wurde und warum Ivica Osim über den einen oder anderen Ausrutscher hinweg gesehen hat: Ex-Sturm-Meisterkicker Gilbert Prilasnig im kleine.at-Interview.

Foto © KLZ/Maria KanizajGilbert Prilasnig strahlt, wenn er an die glorreichen Sturm-Zeiten zurückdenkt
Er war doppelter Meisterkicker, dreifacher Vizemeister, dreifacher Cupsieger, dreifacher Champions-League-Teilnehmer und 16-facher Nationalteamspieler. Heute ist er Sturm-Jugendleiter, "Homeless World Cup"-Teamchef, Vorsitzender-Stv. der Fußballer-Gewerkschaft, Vater, Linguistik-Student und Restaurant-Mitbesitzer ("Peppone"): Gilbert Prilasnig. Der 38-jährige Kärntner blickt auf seine Zeit im schwarz-weißen Trikot zurück.
Der SK Sturm ist auf dem besten Weg dazu, den dritten Titel der Vereinsgeschichte einzufahren. Du hast damals das Stück Fußballhistorie mitgeschrieben, wurdest zwei Mal mit Sturm Meister. Welche Erinnerungen hast du an damals?
GILBERT PRILASNIG: Mit der Fußball-Euphorie, die sich nach dem Zwangsausgleich von Sturm und der Tabellenführung so knapp vor Schluss entwickelt hat, ist die Erinnerung an die Zeit wieder nähergerückt. Man hat immer sehr viele schöne Bilder von dieser Zeit vor sich, die im Kopf ablaufen und leicht abrufbar sind. Es gibt viele prägende Szenen und ich bin der Typ, der sich eher an die positiven erinnert. Negative hat es nicht so viele gegeben.
Dein Ex-Kollege Markus Schopp hat gemeint, dass du bei dieser Frage sofort an eine ganz bestimmte Situation denken wirst...
PRILASNIG:
Ich weiß, worauf du anspielst.
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"Ich wollte schon immer Hauptdarsteller in einem Kinofilm werden"
Dein Handspiel im Strafraum im Derby gegen den GAK im zweiten Meisterjahr, das zum 1:1 geführt hat und im Kampf um den Titel böse Folgen haben hätte können...
PRILASNIG:
Von Fans werde ich immer wieder darauf angesprochen. Aber ich wollte schon immer Hauptdarsteller in einem Kinofilm (Derby-Doku "Geliebter Feind", Anm.) werden und das ist mir damit gelungen. (schmunzelt) Grundsätzlich muss ich aber dazu sagen: Das 2:1 von Jan-Pieter in der Nachspielzeit war damals natürlich ein Glück, nur hätte im Nachhinein gesehen auch ein Unentschieden zum Meistertitel gereicht.
Was hast du dich damals bei Jan-Pieter Martens erkenntlich gezeigt?
PRILASNIG: Er hat damals seine erste CD herausgebracht – mit hoher Auflage. Da sind sicher ziemlich viele übrig geblieben, obwohl sie ganz gut war. Ich habe ihm als Dankeschön gleich hundert Stück abgekauft und ihm damit wohl die Produktionskosten ersetzt. (lacht)
Hast du heute noch Kontakt zu deinen damaligen Mitspielern?
PRILASNIG: Nach wie vor ist noch zu vielen Spielern Kontakt da. Mit Jan-Pieter Martens, der ja jetzt in Brasilien ist, habe ich z.B. erst kürzlich über Skype telefoniert. Mit Roman Mählich, der in Wien lebt, habe ich engeren Kontakt. Aber auch Ivica Vastic, Hannes Reinmayr & Co. sehe ich ein bis zwei Mal im Jahr, meistens bei Spielen. Ich war auch bei anderen Vereinen, da ist das überhaupt nicht so.
War genau das euer Erfolgsrezept damals? Dieser Zusammenhalt im Team...
PRILASNIG: Auf alle Fälle. Das hat damals auf jeden Fall gepasst und natürlich schweißen einen die Erfolge auch zusammen. Wir waren ständig unterwegs. Wir haben uns öfters gesehen als unsere Freundinnen und Frauen.
Welcher Meistertitel hat für dich den höheren Stellenwert?
PRILASNIG: Es waren beide wunderschön. 1998 war es der erste Titel in der Klubgeschichte. Die Meisterfeier war gigantisch! Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen – nicht nur wie das Ganze aufgezogen war, sondern auch wie viele Leute da waren und uns zugejubelt haben. Das war sagenhaft! Und der zweite Titel war so schön, da es schon sehr, sehr schwierig ist, zwei Mal hintereinander an erster Stelle zu stehen. Da gehört sehr konsequente Arbeit dazu.
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"Wir wussten ungefähr, was wir tun"
Wie war es damals für dich, als du in der Grazer Innenstadt unterwegs warst?
PRILASNIG: Ich war ja noch sehr jung, als ich 1991 zu Sturm gekommen bin. Von Jahr zu Jahr bin ich bekannter geworden und nach der Meisterschaft hat mich auf einmal jeder gekannt. Anfangs ist man stolz darauf, man ist berühmt. Ich bin überrascht, dass sich das bis jetzt kaum geändert hat, obwohl ich zehn Jahre weg war von Graz. Mein Bekanntheitsgrad ist nach wie vor sehr, sehr hoch.
Wie seid ihr damals mit dem Rummel umgegangen?
PRILASNIG: Das war nicht immer so angenehm. Man musste lernen, damit umzugehen. Der Klub wusste immer über alles Bescheid, was wir in der Stadt gemacht haben. Wir waren junge Burschen, die natürlich abenteuerlustig waren. Es wurden viele Geschichten erzählt, die übertrieben oder frei erfunden waren. Osim, Schilcher und Kartnig sind zum Glück sehr locker damit umgegangen. Wenn es wirklich einmal nicht der passende Zeitpunkt war - z.B. zwei, drei Tage vor einem Spiel -, wurde uns das natürlich dementsprechend mitgeteilt - um's vorsichtig zu formulieren. (schmunzelt) Wir waren aber trotzdem verantwortungsbewusst und wussten ungefähr, was wir tun. Aber ein paar Ausrutscher können ja hin und wieder passieren...(lacht)
Du bist seit Herbst Jugendleiter beim SK Sturm und für die U7 bis zur U14 verantwortlich. Das heißt, du gehst im Trainingszentrum Messendorf ein und aus. Hat dich schon jemand von der jetzigen Kampfmannschaft um den ein oder anderen Tipp für die heiße Phase im Titelrennen gebeten?
PRILASNIG: Nein, ich bin noch nicht gefragt worden. Und ungefragt mache ich es auch nicht. (lacht) Ich wüsste aber auch nicht, welche Tipps ich geben könnte. Schließlich waren ja Franco Foda, Kazimierz Sidorczuk oder Mario Haas damals auch dabei in der Mannschaft.
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"Dieser Titel wäre enorm viel wert"
Wenn wir schon bei Tipps sind: Wie wird die Top drei nach der letzten Runde aussehen? Und: Wird Sturm heuer Meister?
PRILASNIG: Ich habe wirklich ein sehr, sehr gutes Gefühl. Ich tippe auf Sturm. Wer Zweiter oder Dritter wird, ist mir eigentlich egal. Die Salzburger habe ich noch nicht abgeschrieben. Auch wenn sie in diesem Jahr nicht die Konstanz hatten, schätze ich sie noch sehr gefährlich ein. Es wird aber auf jeden Fall nur für Platz zwei reichen.
Was macht Sturm heuer so stark?
PRILASNIG: Mir hat ganz gut gefallen, wie die Mannschaft auftritt und wie sie spielt. Ich konnte heuer eine deutliche Handschrift von Franco Foda erkennen. Es ist nicht auf Zufall aufgebaut, dass Sturm Graz die ganze Saison über ganz vorne mitspielt. Zwischendurch habe ich mir gedacht, dass die Konstanz fehlen wird. Aber wenn sie die jetzige Form beibehalten und mit der irrsinnig hohen Erwartungshaltung umgehen können, wird sich's ausgehen. Wird Sturm heuer Meister, ist der Titel enorm viel wert, da es sich in letzten Jahren abgezeichnet hat und Sturm immer vorne dabei war. Das spricht für eine konsequente Aufbauarbeit.
Viele Fans haben zuletzt oft kritisiert, dass Sturm sein schönes Kombinationsspiel zugunsten der Ergebnisse "geopfert" hat. Ist das für dich nachvollziehbar?
PRILASNIG: Ich kann mich noch gut daran erinnern, als Ivica Osim zu Sturm gekommen ist. Damals haben die Fans gesagt: 'Das ist kein Fußball für Sturm! Sturm ist eine Kämpfertruppe!' Deshalb ist es eigentlich ein Kompliment für Osim und seine Nachfolger, wenn die Zuschauer jetzt unzufrieden sind, wenn einmal nicht so attraktiv gFespielt wird. Die Fans haben sich an den schönen Fußball der letzten 20 Jahre gewöhnt – und sind gewissermaßen schon ein bisschen verwöhnt. Nachvollziehen kann ich das natürlich nicht, wenn Fans unzufrieden sind, obwohl Sturm knapp vor dem Meistertitel steht.
Wieviel Osim steckt heute noch in Sturms Spielsystem?
PRILASNIG: Franco Foda hat sicher viel von Ivica Osim für seine spätere Trainerarbeit profitieren können. Er hatte aber immer einen eigenen Stil und hat es nun auch geschafft, damit über Jahre hinweg erfolgreich zu sein. Wie Foda derzeit spielen lässt, hängt natürlich auch mit den Spielertypen zusammen, die ihm zur Verfügung stellen. Ein guter, intelligenter Trainer richtet sein System nach den Fähigkeiten seiner Spieler aus – und nicht nach dem Bild des Fußballs, dass Fans und auch er selber gerne haben möchten.
Da spielt aber natürlich auch die Einkaufspolitik eine entscheidende Rolle...
PRILASNIG: Da hast du vollkommen recht. Aber wenn man daran denkt, dass Sturm das gleiche Schicksal wie den GAK ereilen hätte können, ist klar, dass der Einkaufspolitik qualitative Grenzen gesetzt sind. Ich kann mir keine Spieler holen, die ein attraktives Spielsystem auch sofort umsetzen können. Man kann nicht so einkaufen wie Salzburg. Man hat aber trotzdem besser eingekauft – Kompliment an Oliver Kreuzer und Franco Foda. Vor allem, wenn man sich etwa Roman Kienast anschaut: Er wurde anfangs belächelt und in Graz nicht gerade herzlich aufgenommen. Mittlerweile hat er bewiesen, dass er jeden Euro wert ist. Auch die Rückkehr von Imre Szabics war ein genialer Schachzug.
Stichwort GAK: Wie wichtig wäre ein Aufstieg des Stadtrivalen in die Erste Liga bzw. in die Bundesliga – auch für Sturm?
PRILASNIG: Der GAK sollte mindestens in der zweiten Liga spielen. Das wäre für den steirischen Fußball generell gut. Und junge Talente hätten wieder eine Perspektive mehr – das gilt auch für Spieler, die aus der Sturm-Akademie kommen. Denn es kann nicht jeder beim eigenen Verein in der Kampfmannschaft Fuß fassen.
Das heißt, der Konkurrenzkampf in der Jugend hält sich derzeit in Grenzen?
PRILASNIG: Wenn es Konkurrenz gibt, kann es nur gut sein. Aber Sturm hat gar nicht die Kapazität, alle jungen Talente aufzunehmen. Der GAK hat nach wie vor eine gute Nachwuchsarbeit, aber es geht um die Perspektive danach. Deshalb kommen Burschen und Mädels lieber zu einem Klub in einer höheren Liga.
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"Sturm hat bewiesen, dass die Nachwuchsarbeit sehr gut funktioniert"
Großklubs wie Salzburg angeln sehr offensiv im steirischen Talente-Becken. Wie kann man dem entgegen wirken?
PRILASNIG: Das ist ganz einfach: sich auf die eigene Stärken konzentrieren und eine gleichwertige bzw. bessere Arbeit als die Salzburger anbieten.
Salzburg = Geld. Wie ist das von den Ressourcen her möglich?
PRILASNIG: Jede Akademie wird vom ÖFB gefördert, das Mindestmaß an Mitteln ist also da. Ein bisschen Geld mehr spielt nicht so die große Rolle. Sturm hat bewiesen, dass die Nachwuchsarbeit sehr gut funktioniert. Bei uns sind die Verhältnisse in der Akademie so, dass man gut arbeiten und gute Fußballer hervorbringen kann. Jürgen Säumel, Sebastian Prödl, Jakob Jantscher, Daniel Beichler – das sind nur einige Beispiele.
Du bist ja sehr umtriebig: Jugendleiter bei Sturm, "Homeless World Cup"-Teamchef, Vater, baldiger Uni-Absolvent, usw. Wo siehst du deine persönliche Zukunft?
PRILASNIG: In naher Zukunft sehe ich mich auf jeden Fall im Jugendbereich. In meiner Funktion als Jugendleiter bei Sturm mache ich sehr viel Trainerarbeit und ich bin auch Spartentrainer in der Akademie. Sportdirektor zu werden, ist nicht mein Ziel. Ich will auf jeden Fall weiterhin am Platz stehen. Auch die Profi-Trainerlizenz möchte ich irgendwann einmal machen, aber da muss ich zuerst Erfahrungen sammeln.
Zukunftsmusik ist wohl auch, dass es Sturm in absehbarer Zeit wieder drei Mal in Folge in die Champions League schafft. Waren die internationalen Erfolge zu eurer Zeit einzigartig?
PRILASNIG: Das war bisher einzigartig. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich das wiederholen lässt. Ob Sturm das wieder schaffen kann, ist schwer vorauszusagen. Aber es sollte jedenfalls das Ziel sein. Rosenborg Trondheim hat das über Jahre vorgezeigt – mit einer konsequenten Nachwuchsarbeit.
Features
Interview-Serie
Der SK Sturm greift nach dem dritten Meistertitel. In unserer neuen Online-Serie "Erinnerungen in Schwarz-Weiß" werden wir auf www.kleinezeitung.at/sturm in regelmäßigen Abständen Sturm-Kicker der Meisterjahre zu Wort kommen lassen.
Steckbrief
Gilbert Prilasnig, geboren am 1. April 1973 in Klagenfurt, ist Jugendleiter bei Sturm Graz (U7-U14), Trainer und ehemaliger Fußball-Profi.
Er spielte u.a. für den SK Sturm, Aris Thessaloniki, FC Kärnten, Cambridge United und DSV Leoben.
Erinnerungen in Schwarz-Weiß
Foto

Kleine-Sport-Redakteur Thomas Huber im Gespräch mit Gili PrilasnigFoto © KLZ/Maria Kanizaj
























