Interview

Ruttensteiner: "Bin zuständig für das nächste Jahrzehnt"

Im Rahmen des Projekts "Schüler machen Zeitung" stellte sich ÖFB-Sportdirektor den Fragen der Schüler des BG/BRG Weiz. Hier das ausführliche Gespräch zur Verpflichtung von Marcel Koller, zum Aufschwung des Nationalteams, möglichen Verbesserungen in der Nachwuchsarbeit und die Sorgen der Bundesliga.

ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner war hauptverantwortlich für die Verpflichtung von Teamchef Marcel Koller © GEPA PICTURES
 

Als Sie Sportdirektor geworden sind, haben Sie gedacht, dass das österreichische Fußball-Nationalteam einmal so erfolgreich sein wird, wie es jetzt ist?
WILLI RUTTENSTEINER: Grundsätzlich haben wir eine Vision aufgestellt damals: Die große Zielsetzung war es, Top 30 in Europa zu werden. Weil wir gesagt haben, es gibt 24 Teilnehmer bei Großveranstaltungen, wenn man Top 30 ist, ist man in der europäischen oder in der Weltspitze mit dabei. Aber wenn mir damals jemand gesagt hätte, wir werden die Nummer 10, hätte ich es schwer für möglich gehalten.

Als Marcel Koller eingestellt wurde, hat es viel Gegenwind von Experten gegeben. Wie sind Sie damit umgegangen?
RUTTENSTEINER: Ein Nationaltrainer kommt fast immer aus dem jeweiligen Land. Das war auch in Österreich fast immer so und deshalb hat es eine gewisse Skepsis gegeben. Für mich war das aber auch nicht so wichtig, viel wichtiger war das Anforderungsprofil. Überhaupt, Marcel Koller zu erwischen, dass er zu dieser Zeit keinen Verein gehabt hat, und dass er dann zur gesamten Konzeption ,Ja‘ gesagt hat, war eine glückliche Fügung. Er hat das Potenzial der Spieler sehr genau studiert und gesagt: ,Okay, in Österreich ist mit guter Arbeit etwas möglich.'

Können Sie dieses Anforderungsprofil ein bisschen präzisieren?
RUTTENSTEINER: Ich kann es jetzt nicht im Detail wieder geben, aber ein paar Beispiele: Fachwissen, also Qualifikation, Ausbildung und internationale Erfahrung. Er hat ja in der Schweiz sehr erfolgreich gearbeitet und in Deutschland. Und er hat dort bewiesen, indem er mit Bochum aufgestiegen ist, dass international trainieren kann. Auf der anderen Seite die Persönlichkeit: Wir haben sehr viel recherchiert über seine Person. Und ein ganz wichtiger Punkt war die Sprache. Wir haben im Anforderungsprofil gehabt, dass der Trainer der deutschen Sprache mächtig sein muss. Weil es gibt Trainer, die mit Übersetzer arbeiten, aber da bleibt viel auf der Strecke zwischen Trainer und Spielern.

Warum hatte Österreich vor zehn Jahren so viel weniger Legionäre als jetzt?
RUTTENSTEINER: Ganz einfach, weil unsere Talenteförderung nicht gut genug war. Wir haben damals die Talente in die Leistungszentren, wie sie da noch geheißen haben, integriert. Von 6 bis 14 haben sie in Kleinvereinen gespielt. Heute beginnen wir unsere Talenteförderung mit zehn Jahren, flächendeckend in ganz Österreich. Wir haben die Landesausbildungszentren eingeführt und die Akademien mit einem Lizenzierungssystem auf internationales Niveau gestellt. Wir haben in den Akademien, vom Burgenland bis Vorarlberg, zwei Drittel neue Infrastruktureinrichtungen.

Zur Person

Willi Ruttensteiner
Geboren am 12. November 1962.
Stationen als Spieler: Union Wolfern, Amateure Steyr, Vöcklamarkt und Union Wels.
Stationen als Trainer: FC Linz (U18 und Profis), U21 Nationalteam und Interimsteamchef der A-Nationalmannschaft.
ÖFB-Sportdirektor seit 2006. Zustandig für: Traineraus- und -fortbildung, Nachwuchsnationalteams, die Talenteförderung, Frauenfußball und Projekt 12.

Was kann man im Nachwuchsbereich noch verbessern?
RUTTENSTEINER: Jede Stufe verbessern. Das hört sich sehr allgemein an, aber es ist genau so. Beim Kinderfußball angefangen, wie spielen wir dort und auf welchen Plätzen? In den LAZs müssen wir die Trainerqualität verbessern und die Infrastruktur. Aber das kostet alles sehr viel Geld.

Worauf werden Sie da besonderen Wert legen?
RUTTENSTEINER: Also ich erzähle das mit einem Beispiel aus dem Schulsystem, in dem etwas für mich völlig falsch läuft: Wenn du schlecht in Mathematik bist, geht der Großteil der Schüler zur Nachhilfe und lernt die meiste Zeit Mathematik. Und ganz sicher wird er in seinem Berufsleben nichts in Mathematik machen, weil er dort schlecht ist. Und dort, wo er wirklich gut ist, ich sag jetzt einmal Deutsch, lernt er weniger, weil er dort sowieso eine gute Schularbeit schreibt. Wir wollen die Stärken der Spieler forcieren. Die Qualität entscheidet. Nicht unbedingt die Schwächen.

Erzählen Sie uns etwas über das Projekt 12 (Anm.: siehe Infobox), das jetzt wieder verlängert wurde Wie schaut da der Trainingsplan für die Spieler aus?
RUTTENSTEINER: Sehr individuell. Es wird eine Analyse von dir gemacht, danach setzen wir uns Ziele: Wir wollen dich, zum Beispiel, in der Flankentechnik verbessern, wir wollen dich schneller machen, wir wollen dich mental stärker machen bei wichtigen Spielen, dass du Spaß daran hast. Also sehr individuell abgestimmt setzen wir uns Ziele. Diese Ziele können wir nicht nur im Mannschaftstraining erreichen. Wir haben eine riesige, moderne Datenbank entwickelt, eine der modernsten in Europa. Da wird seit 2002 jedes Testergebnis eines Spielers dokumentiert.

Fußball in Österreich

Österreichweit gibt es 600.000 angemeldete Spieler in mehr als 2000 Vereinen. Erstmals wurde in Österreich 1870 Fußball gespielt. 1894 wurde der erste Verein gegründet, der First Vienna Football Club. Im Jahr 1905 trat der österreichische Fußballbund (ÖFB) dem internationalen Fußballverband FIFA bei. 1911 wurden die ersten regulären Meisterschaften abgehalten, ab 1924 wurde nach englischem Vorbild Profiligen eingeführt.

Das Projekt 12 ist ein Jugendförderungsprogramm, in das Spieler hineinkommen, die das Potenzial für das Nationalteam haben. Aktuell werden 35 Spielerinnen und Spieler gefördert. In diesem Trainingsprojekt wird individuell auf die Spieler eingegangen, um so ihre mentalen und körperlichen Fähigkeiten zu verbessern. Österreichweit werden Individualtrainer des ÖFB ausgesendet, um junge, talentierte Spieler auszubilden.

Infos: www.oefb.at.

Haben sie schon einen ganz besonderen Spieler, der vielleicht ein neuer Alaba oder Arnautovic wird, im Kopf?
RUTTENSTEINER: Ja.

Können Sie uns den verraten?
RUTTENSTEINER: Nein. Das wäre den anderen gegenüber unfair. Aber ich habe es schon oft richtig vorausgesagt.Zum Beispiel der David Alaba: Ich kann mich noch genau erinnern. Ich glaube, es war in der U16. Ich habe ihn damals in der Nationalmannschaft spielen gesehen und könnte fast den ersten Ballkontakt wieder geben. Es war unglaublich, wie er den Ball behandelt, wie er sich bewegt hat. Ich sag dann: ,Wer ist das? Toll!' Dass er der Spieler geworden ist, der er heute ist, dass er Champions League-Sieger wird, das war natürlich schwer abschätzbar. Aber dass er ein Außergewöhnlicher war, hat man sofort gespürt.

Was können Sie über Entwicklungen in anderen Ländern berichten?
RUTTENSTEINER: Man muss sich vorstellen, dass von Spanien, dem Europameister, sagen wir bis Island, jedes Land tolle Arbeit leistet und wirklich wahnsinnig viel investiert. Das ist unglaublich! Was jetzt in Holland wieder passiert, aufgrund der Misserfolge zuletzt, das ist jetzt schon gefährlich, was da wieder kommen wird. Oder in Ungarn, da entstehen ein Nationalstation für 60.000 Zuschauer und weitere Stadien. Sobald wir nicht optimieren, entwickeln wir uns schon wieder zurück. Also, rauf kommen war schwierig, aber oben bleiben, ist viel schwieriger.

Wenn wir nach vorne schauen, die nächste Generation, im U21-Team, sind schon fast alles Legionäre. Ist es realistisch, dass wir uns so weit vorne noch halten können?
RUTTENSTEINER: Ich glaube schon, dass es realistisch ist. Aber es wird sehr schwierig. Die Euro ist irrsinnig wichtig, aber wenn ich nur dorthin schaue, wäre ich schlecht beraten. Dann sind wir hinten dran! Man sagt so: Der Trainer ist zuständig fürs nächste Spiel. Der Sportdirektor fürs nächste Jahrzehnt. Das ist ein Unterschied. Also für mich ist jetzt wichtig, wie schaut unsere Nationalmannschaft in fünf bis zehn Jahren aus? Ungefähr zehn Jahre durchläufst du in der Ausbildung – von 10 bis 20. Das ist wichtig, wie können wir das optimieren? Denn dann können wir noch bessere Spieler herausbringen.

ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner (2. von links) mit Pressesprecher Wolfgang Gramann im Gespräch mit den Weizer Schülern Foto © Raimund Heigl
 

Wir würden gerne noch auf einen Punkt eingehen. Es gibt da auf der einen Seite die große Euphorie rund um das Nationalteam. Auf der anderen Seite haben wir die Bundesliga, die gerade ziemlich schwächelt. Selbst bei Tabellenführer Salzburg kommen oft nur 6000 Zuschauer, auch bei Rapid und Sturm sind die Fans unzufrieden. Wie ist Ihre Einschätzung über die Liga?
RUTTENSTEINER: Vielleicht klingt es jetzt blöd, aber ich habe so ein bisschen ein weinendes und ein lachendes Auge. Das Lachende ist jetzt, dass sehr viele junge österreichische Spieler spielen. Es gibt einen Anteil von mehr als 70 Prozent östereichischen Spielern in der ersten Liga. Das gibt es in England nicht, in Deutschland nicht und in Italien auch nicht. Das zweite ist,und das ist das weinende Auge: Die Besten nehmen sie uns sehr früh weg. Philipp Lienhart ist ein gutes Beispiel, der bei Rapid eigentlich im Profibereich eigentlich so gut wie nie gespielt hat und schon zu Real Madrid gewechselt ist. Da geht sehr viel Qualität von jugendlichen Spielern in der Liga verloren.

Was halten Sie von der Diskussion um das Ligaformat in Österreich?
RUTTENSTEINER: Das ist genau die Frage: Wie viele Profivereine verträgt Österreich? Sind es zehn oder sind es zwölf oder vierzehn oder haben wir nicht einmal zehn? Und dann als zweiten Schritt, wie ordnet man sie an? Um das vielleicht attraktiver zu gestalten. Ich glaube, dass derzeit die Zehnerliga eine gute Liga ist, dass aber oft gegeneinander gespielt wird, ist eigentlich auch klar. Und ich glaube über diese Aspekte müsste man nachdenken. Aber alle miteinander und im gleichen Boot. Also das Schöne daran ist, dass ein junger Spieler der von einer Akademie kommt, dass der schon im Nachwuchsbereich die Möglichkeit hat, in der ersten Bundesliga mitzuspielen. Mit Profis zu spielen. Im Hanappi-Stadion einzulaufen. In Salzburg zu spielen. Das ist nicht ohne und ist, glaube ich besser, als ein Spiel in Italien. Und das ist für die jungen Spieler gut. Die Liga selbst? Da bin ich eigentlich auch schon bisschen überfordert, denn, wenn ich es wüsste, dann hätte ich es auch schon deponiert und ich glaube wenn jemand in Österreich es wüsste, was wir tun könnten, dass es sich positiv entwickelt, dann hätten sie es auch schon deponiert. Es bemühen sich sehr viele Leute, aber es ist nicht einfach.

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